Wie stellen sich die Sozialdemokraten zur Monarchie?

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Berliner Tageblatt, 20. März 1890

Der „neugewählte sozialdemokratische Abgeordnete einer mitteldeutschen Stadt“, den die „Krzztg.“ über die Stellung der Sozialdemokratie zu den kaiserlichen Erlassen hatte interviewen lassen, war der neue Abgeordnete für Frankfurt, Herr Lithograph Schmidt, der in der „Frankf. Ztg.“ erklärt, der Artikel der „Kreuzztg.“ beruhe auf Wahrheit — und Dichtung. Der Hergang sei folgender gewesen: Am Montag, den 10. März, etwa zwischen 3 und 4 Uhr Nachmittags, erschien an meiner Arbeitsstelle ein Herr, stellte sich mir unter dem Namen „Grohmann“ (wie ich verstand) vor und fragte, ob ich bereit sei, Auskunft zu geben über die Stellung unserer Fraktion gegenüber den kaiserlichen Reformplänen; er sei Mitarbeiter der „Kreuzzeitung“. Da mir dieses offene Eingeständniß entschieden gefiel, der Mann auch sonst keinen ungünstigen Eindruck auf mich machte, so erklärte ich ihm, daß ich meine persönlichen Anschauungen über diese Frage gegen Niemand zurückhalte, daß ich jedoch über die Stellung unserer Fraktion schon deshalb keine Mittheilung machen könne, weil ich bis jetzt keine Gelegenheit gehabt, mit irgend einem Mitglied unserer Fraktion, weder mündlich noch schriftlich, diese Frage zu erörtern. Hierauf fragte er, ob wir trotz dieser kaiserlichen Fürsorge für die Arbeiter auf unserer „antimonarchischen Agitation“ beharren würden. Dem gegenüber erklärte ich, daß mir diese Frage eigentlich nicht recht verständlich sei. Meines Wissens sei bisher niemal von unserer Seite die Monarchie zum Gegenstande einer direkten Agitation gemacht worden. Persönlich sei ich allerdings Anhänger der Republik; auch bestehe für mich kein Zweifel, daß der Gesellschaftszustand, den wir vorläufig als höchstes Ziel betrachteten, unter keinen Umständen mit der monarchischen Staatsform verträglich sei, ebensowenig, wie mit irgend einer anderen gegenwärtig bestehenden Klassenherrschaft. Dies sei meine persönliche Meinung und, wie ich annehme, auch die der Mehrzahl meiner Parteigenossen; Erörterungen hierüber hätten jedoch meines Wissens in neuerer Zeit keine stattgefunden. Vor mehr als zwölf Jahren dagegen sei in einem Parteiorgan (ich glaube die Berliner „Freie Presse“) die Ansicht vertreten worden, daß die Verwirklichung durchgreifender sozialer Reformen unter der Monarchie mehr Aussicht habe, als unter der bürgerlichen Republik. Dieser Ansicht sei das Centralorgan („Vorwärts“) entschieden entgegengetreten. Herr „Grohmann“ meinte sodann, er werde also berichten, daß ein Theil unserer Parteigenossen auf der Ansicht beharre, daß die Monarchie mit der Durchführung unserer Forderungen unverträglich sei, während ein anderer Theil die Durchführung weitgehender Reformen unter denselben für möglich halte. Darauf entgegnete ich ihm, er habe mich offenbar mißverstanden. Die betreffende Erörterung habe vor mehr als 12 Jahren in der Form einer Zeitungspolemik stattgefunden; es sei indeß allerdings die Möglichkeit vorhanden, daß auch heute noch die letztgenannte Ansicht Vertreter habe. Herr „Grohmann“ fragte darauf, welche Anschauung damals den „Sieg“ davongetragen habe. Worauf ich erklärte: Selbstverständlich keine! Derartige theoretische Fragen ließen sich überhaupt nicht durch Beschlüsse entscheiden. Die Polemik sei schließlich einfach „beigelegt“ worden.

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