Die Entlassung des Fürsten Bismarck

Dieser Artikel wurde 1571 mal gelesen.

Neue Freie Presse, Wien, 20. März 1890

Berlin, 19. März. Auch heute bringt der „Reichsanzeiger“ nichts über die Entlassung des Fürsten Bismarck und berichtet nur, daß der Kaiser heute Vormittags eine Unterredung mit Bötticher hatte und mit Caprivi conferirte. Trotzdem finden die noch heute Vormittags verbreiteten Gerüchte, daß neue Vermittlungsversuche stattfinden und die Entscheidung vertagt werden solle, bisher keine Bestätigung. Abgesehen vom Amtsblatte, behandeln alle Blätter den Rücktritt des Kanzlers als Thatsache. Auch die Norddeutsches Allgemeine Zeitung, welche Journalstimmen, darunter an erster Stelle den gestrigen ArJ tikel der „Neuen Freien Presse“ wiedergibt, thut dies mit dem Bemerken, daß sich alle Blätter mit dem Ereigniß beschäftigen. Die Mannigfaltigkeit der Nachrichten und Gerüchte läßt vermuthen, daß die Wahl des Nachfolger’s des Fürsten Bismarck doch größere Schwierigkeiten mache, als anfänglich angenommen worden zu sein scheint. Die National-Zeitung meldet zwar positiv, Caprivi sei zum Reichskanzler bestimmt und anscheinend auch zum preußischen Minister-Präsidenten, da ein Reichskanzler ohne Einfluß auf die preußischen Stimmen im Bundesrathe eine unhaltbare Stellung hätte. Allein die „Hamburger Nachrichten“ berichten neuerdings aus Berlin, der Kaiser theile die Ansicht Friedrich’s des Großen, daß ein General der beste Leiter der auswärtigen Politik sei, weil dieser mit Rücksicht auf die hinter ihm stehende Armee am besten wisse, wie weit er gehen könne. Der Kaiser wünsche Caprivi sehr; dieser aber wolle eher gehen, als die Erbschaft Bismarck’s antreten. Die „Allgemeine Reichs-Correspondenz“ meldet, der Kaiser habe die Entlassung des Grafen Bismarck schon gestern genehmigt, was aber der Bestätigung bedarf. Als Nachfolger des Grafen Bisinarck im Staatssecretariat des Auswärtigen Amtes nennt man außer den Grafen Münster und Hatzfeldt auch Radowitz, ferner den derzeitigen Unter-Staatssecretär Grafen Berchem, der vielleicht das Amt bis zur endgiltigen Besetzung provisorisch leiten wird. Nach einer anderweitig nicht bestätigten Angabe des „Börsen-Courier“ hatte der Kaiser heute auch eine Unterredung mit dem Grafen Waldersee. Der Name des Letzteren tauchte indeß bisher nicht in den politischen Combinationen auf.

Siehe auch:

Dieser Beitrag wurde unter 1890, Bismarck, Deutschland, Geschichte, Kaiser Wilhelm II., Politik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar