Eugen Richter zu Ein- und Auswanderung 1881

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Deutscher Reichstag, 13. Juni 1881

Präsident: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Richter (Hagen).

Abgeordneter Richter (Hagen): Dann hätte der geehrte Herr [Freiherr von Minnigerode] auch besser gethan, überhaupt nicht meinen Namen zu nennen, denn er wird wissen, daß ich es verstehe, wenn er eine mich betreffende Bemerkung macht, ihm eine anderthalbfache darauf zu setzen. Meine Herren, es ist in der That für uns Deutsche ein nichts weniger als erhebendes Gefühl, wenn man sich auf der einen Seite an jene Zeit erinnert vor zehn Jahren, wo alle Deutschen ohne Unterschied der Religion zusammen standen in der Abwehr des äußeren Feindes und alles übereinstimmte im Preise und Lobe der deutschen Nation und ihrer Tugenden, und wenn jetzt auf der anderen Seite es so dargestellt wird, als ob die ganze deutsche Nation in Gefahr käme, wenn hinten herum in Rumänien ein paar Juden mehr einwandern. Das ist doch der Kernpunkt der Rede des Herrn Abgeordneten von Minnigerode, wenn er ihn auch hier, wie er sagt, nur delikat andeutet; draußen versteht er die Farben desto deutlicher zu malen und dort wird das ergänzt, was er hier aus gutem Grunde beizufügen unterläßt.

Der Herr Abgeordnete Dr. Lingens hat umgekehrt hervorgehoben, wie gut es wäre, wenn der Strom der deutschen Auswanderung abgelenkt würde von Amerika nach Rumänien — wenn ich ihn recht verstanden habe. Er scheint also seinerseits doch den Zustand, daß in Rumänien 13 Prozent Juden sind, für nichts weniger als abschreckend zu erachten für die deutsche Einwanderung dorthin. Meine Herren, es ist in der That die beste Politik des preußischen Staates gewesen und eine ruhmreiche Politik gerade der Hohenzollern, allen einwandernden Fremden ohne Unterschied und zumal denen, die ihres Glaubens wegen bedrückt wurden, hier in Preußen eine Freistätte zu eröffnen. Es sind wahrlich nicht die schlechtesten Bürger in Preußen und hier in Berlin gerade, die damals eine Zuflucht gefunden haben grade durch diese Hohenzollernpolitik. Wie klein erscheinen wir dagegen, wenn wir uns hier dagegen verwahren und Furcht zeigen, es könnten aus Rumänien künftig ein paar Juden in Deutschland einwandern, die diesem oder jenem weniger gefallen. Meine Herren, ehe man daran denkt, künstliche Mittel gegen die Einwanderung zu machen, sollten Sie lieber daran denken, wie Sie die Deutschen im Lande behalten und namentlich Sie in Westpreußen. Wo wandern denn jetzt die meisten aus? Wo die Herren von drüben (rechts) zu Hause sind, aus der Provinz des Herrn von Minnigerode, wo Sie alle die Beglückungen, die Sie jetzt den städtischen Arbeitern zu Theil werden lassen wollen, zunächst einmal an Ihren eigenen Arbeitern erproben könnten. Die laufen Ihnen fort, weil sie es zu schlecht haben auf Ihren großen Gütern, —

(Widerspruch rechts)

jawohl, weil die Wohnungen zu wenig einem menschenwürdigen Dasein entsprechen, weil die Kost nicht genügend, der Lohn zu niedrig ist, so daß die Leute nicht bloß in die Städte, sondern, wenn sie die Mittel haben, gleich nach Amerika schaarenweise wandern; und in diesem Monat Mai, im zweiten Jahre dieser gepriesenen neuen Wirthschaftspolitik, ist die Auswanderung über Hamburg stärker gewesen, wie seit 10 Jahren. Darüber denken Sie nach, wie Sie diese eingebornen echten Deutschen, die Vollgermanen in Ihrem Sinne, und es sind wahrlich nicht die schlechtesten, welche auswandern, im Lande behalten, daß Sie auch eine bessere Politik machen und vor allem Eintracht und Friede halten und sich energisch gegen solche Bestrebungen wenden, welche bloß die Religionsgesellschaften in Deutschland gegen einander aufstacheln.  

(Bravo! links.)

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