Als Pegida noch „Deutsche Reformpartei“ hieß

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Das Wahlresultat.

Berlin, 20. Juni.

Der erste Theil des Wahl-Dramas [Reichstagswahl am 15. Juni 1893] ist abgespielt. Er hat uns allen mannigfache Ueberraschungen gebracht, uns Juden aber keine speziellen, deren wir uns zu freuen oder die wir zu fürchten hätten. Die Zahl der antisemitischen Stimmen ist gewachsen; wir haben das gewußt, wir beklagen es — aber wir fürchten uns nicht davor. Ja, es gewährt uns eine gewisse Beruhigung, daß dieser Stimmenzuwachs wesentlich in solchen Bezirken und Provinzen erfolgte, wo nur wenig Juden wohnen. So hat das Königreich Sachsen nach der Zählung von 1885 die Zahl der Juden im Verhältniß zu der übrigen Bevölkerung auf 24 vom Tausend belaufen. Nur in Sachsen-Altenburg (mit 2,4), Schwarzburg-Rudolstadt (5,4) und in beiden Reuß (12 bezw. 8,8) ist das Verhältniß ein noch geringeres. Trotzdem hat gerade in Sachsen die Zahl der Antisemiten am meisten zugenommen. Sie sind seit 1890 von 4788 auf 86,821 gewachsen. Dagegen sind die konservativen Stimmen, die nationalliberalen, die freisinnigen und selbst die sozialdemokratischen zurückgegangen. Wer Augen hat, um zu sehen, der wird aus diesen Zahlen klar erkennen, wohin der Antisemitismus steuert.

Daß wir uns über die Niederlage der liberalen Partei keineswegs freuen, ist selbstverständlich. Nicht aus politischen Gründen, denn wir treiben, wie gesagt, keine jüdische Politik. Aber einfach darum, weil die Fortschritts-Partei die Rechte der Juden bisher am Entschiedensten vertheidigt hat. Sie that dies nicht aus besonderer Vorliebe für uns, sondern weil die Gleichberechtigung aller Staatsbürger der erste Punkt in ihrem Programm ist. Aus diesem Grunde allein haben wir zu wünschen, daß es dieser Partei gelingen möge, die Scharten auszuwetzen, die sie sich im Wahlkampfe geholt hat. Victrix causa diis placuit, sed victa Catoni. Es ist ein Gebot der ausgleichenden Gerechtigkeit einerseits, daß die liberalen Parteien die Rechte der Juden schützen und daß die Juden hinwiederum den Parteien dankbar sind, die sich dieses Ziel gesetzt haben.

Ein merkwürdiges Schauspiel boten während des Wahlkampfes die Konservativen und Antisemiten. Diese sind ihren lieben Tivolibrüdern sehr gefährlich geworden, namentlich in Sachsen. Von der Ansicht ausgehend, daß unter Kameraden Alles egal sei, dabei aber Selbstessen fett mache, versuchten die Antisemiten, die Rolle des jungen Kuckucks im konservativen Nest zu spielen. In Friedeberg-Arnswalde hat Ahlwardt denselben Landrath, der ihn früher als „kleineres Uebel“ empfohlen hatte, mit großer Stimmenzahl geschlagen; damit nicht genug, ist er auch in Pommern eingedrungen und hat es in einer der ältesten Burgen der Konservativen, in Neustettin, zu einem Platz auf der Stichwahlliste gebracht, während Herr Stöcker dort durchgefallen und in Siegen auch wohl nicht als Sieger aus der Stichwahl mit einem Nationalliberalen hervorgehen dürfte.

Am härtesten bedrängen die Antisemiten die Konservativen in Sachsen; was da früher konservativ war, trägt jetzt die antisemitische Uniform. In Dresden stehen gegen zwei Sozialdemokraten zwei Antisemiten in der Stichwahl, ebenso in Tharand und Meißen; diese vier Mandate sind also, sofern die Konservativen nicht in den Antisemiten gleiche Brüder sehen, für sie verloren; auf Gegenleistungen werden sie schwerlich zu rechnen haben.

Die Antisemiten sind, während sie in Sachsen starke Fortschritte gemacht haben, in Hessen wesentlich zurückgegangen. Nur Liebermann v. Sonnenberg hat sein Mandat im ersten Gange behauptet, Böckel und Werner, sowie Zimmermann werden eine Stichwahl zu bestehen haben, desgleichen der Ersatzmann, den Herr Böckel den Gießenern für den edlen Pickenbach bescheert hat. Halten alle gegnerischen Parteien fest zusammen, so kann es gelingen, den Böckelschen ihre vier Sitze zu nehmen; auch Marburg wird zu gewinnen sein, wenn alle Richtungen sich gegen das Böckelthum vereinigen. Nach offiziöser Uebersicht hat die antisemitische Partei im ersten Wahlgange nur zwei Mandate erobert; dagegen steht sie in 16 Wahlkreisen zur Stichwahl. Was sie in dieser erreichen wird, bleibt abzuwarten.

Für diese Stichwahlen gilt es nun alle Kraft zu sammeln. Wir geben keine Wahlparole aus, weil wir eben keine Separatpolitik treiben. Aber dieses Eine muß als unabänderliches Gesetz für uns gelten: Gegen den Feind der Juden verbinden wir uns mit jeder der staatserhaltenden Parteien. Unser Kampf gilt dem Gegner, der uns selbst angegriffen. Der Augenblick ist ernst, die Zukunft ungewiß, thue darum Jeder seine Pflicht, damit uns die schweren Kämpfe um die höchsten Güter, die wir besitzen und erstreben, erspart bleiben.

[aus: Allgemeine Zeitung des Judenthums, 23. Juni 1893]

Anmerkung

Sachsen ist 1893 mit einem Anteil von 0,24% einer der deutschen Staaten mit dem geringsten Anteil an Juden, unter den großen Staaten sogar derjenige mit dem geringsten (zum Vergleich: Berlin hat einen jüdischen Bevölkerunganteil von 5%, Frankfurt am Main von 10%). Dennoch schneiden die Antisemiten unter der Firma „Deutsche Reformpartei“ hier besonders stark bei den Reichstagswahlen ab und erobern die Mandate für die sechs Wahlkreise Bautzen-Kamenz-Bischofswerda, Dresden rechts der Elbe-Radeberg-Radeburg, Dresden links der Elbe, Dresden-Land links der Elbe-Dippoldiswalde, Meißen-Großenhain-Riesa und Pirna-Sebnitz. Mit weniger als einem Viertel Prozent Juden droht ja schließlich die „Verjudung“ Sachsens und Deutschlands.

Mit den „Tivolibrüdern“ wird auf das Tivoli-Programm der Konservativen Partei von 1892 angespielt (bezeichnet nach dem Veranstaltungort, wo dieses verabschiedet wurde), mit dem die Konservativen sich auch zum Antisemitismus bekannt haben, als einzige Partei außer den erklärten Antisemiten explizit. Antisemitische Strömungen gibt es allerdings auch in der Zentrumspartei und bei den Freikonservativen sowie teilweise auch bei den Nationalliberalen.

Die Sozialdemokraten kokettieren ebenfalls mit dem Antisemitismus. August Bebel etwa referiert 1893 auf dem Parteitag über „Antisemitismus und Sozialdemokratie“ mit dem Tenor, daß die Antisemiten nur etwas fehlgeleitet seien, aber letztlich den Sozialdemokraten den Weg bereiten. Im Reichstag wird von führenden Sozialdemokraten der Antisemit Hermann Ahlwardt bei einer Interpellation unterstützt, die er ohne diese Aushilfe wegen zu weniger Unterstützer nicht hätte einbringen können.

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Siehe auch:

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