Zum Neuen Jahre

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Friedrich Stoltze, 1886

Fröhlich auf! — In Herz und Hirne
Gährt es noch wie junger Wein.
Ueber mir noch die Gestirne,
Schöne Welt, noch bist du mein!
Ob es auf dem Haupt, dem stolzen,
Weiß zu flocken auch beginnt,
Wär’ es Schnee, er wär’ geschmolzen,
Wie ein Reif im Lenz zerrinnt.

Meiner Jugend Ideale
Trag’ ich frisch noch in der Brust;
Du hervor aus allen strahle,
Freiheit, meine höchste Lust!
Für dich ewig will ich zeugen,
Der Gewalt in’s Angesicht;
Meinen Menschenstolz zu beugen,
Selbst ein Gott vermag es nicht.

Für die Freiheit früh entbrennen,
Ist es eitel Schwärmerei?
Ob’s auch alte Esel nennen
Eine Jugendeselei.
Womit ihr die Welt beglücken
Gütigst wollt, ihr lieben Herr’n,
Ist die Weisheit der Perrücken
Mit euch selbst als Pudelskern.

Noch hinauf ein Blick voll Demuth,
Den ein Hoffnungsstrahl durchzuckt,
Dann hinab ein Blick voll Wehmuth
Auf ein Knopfloch, das euch juckt.
Freuet euch! Zu höh’ren Zwecken
Kam euch Deutschlands neue Zeit:
Für ein höh’res Speichellecken
Habt ihr nun Gelegenheit!

Euer Vaterlandsgebahren,
Das die Freiheit übersah,
Wuchs euch in den letzten Jahren
Bis in’s innre Afrika.
Nennt sie doch, die heil’gen Triebe,
Deren ihr euch rühmen könnt!
Was zum Vaterland ist Liebe,
Die ihm nicht die Freiheit gönnt?

Freiheit, die mich jung erhalten,
Hoffnung, die nicht sinkt in Spott,
Ewiges, gerechtes Walten
Ueber den Gestirnen, Gott!
Nimmer will ich von euch weichen,
Komme, Völkermorgenroth!
Deinem Banner, deinen Zeichen
Stürm’ ich nach bis in den Tod.

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