Beim Beginn des neuen Jahres

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Frankfurter Latern, 14. Januar 1863

Beim Beginn des neuen Jahres
Grüßen Alle wir in Hulden!
Nicht die Krümmung eines Haares
Komm uns fernerhin zu Schulden;
Sanft wie Lämmlein, rein wie Tauben
Woll’n in diesem Jahr wir werden,
Wollen ehren jeden Glauben,
Lieben Jedermann auf Erden.

Wollen keinen Menschen hassen.
Nicht die junker, nicht die Mucker;
Mit der gleichen Lieb‘ umfassen
Arme, wie anch keine Schlucker,
Alle Fürsten und Feidjäger,
Schranzen mit den güld’nen Ketten,
Kreuz- and Band- und Ordenträger,
Und die Leut’nants und Cadetten.

Niemals wollen wir mehr dürsten
Nach dent blauen Blut des Adels;
Ueber Kön’ge und Kurfürsten
Uns enthalten jedes Tadels.
Klug und ehrlich ist ja Jeder,
Und er finde stets Vertheid’gung;
Niemals bringe unsre Feder
Eine Majestätsbeleid’gung!

Wenn wir uns einmal vergessen,
Aus Gewohnheit. die oft mächtig,
Und auf Preußen oder Hessen
Raisonniren unbedächtig,
Fügen wir uns herzlich gerne
In den Spruch der weisen Richter,
Liefern aus Euch die Laterne
Nebst dem Maler und dem Dichter!

Allen wollen wir gerecht sein,
Keinen wollen wir beleid’gen;
Mag die Absicht noch so schlecht sein,
Alles läßt sich ja vertheid’gen!
Hei! wie wird man uns dann preißen,
Uns nicht mehr contumaciren,
Könnten bis nach Coblenz reisen
Und ein freies Leben führen.

Ja, wenn also wir verführen.
Manche hohen Gönner könnten
Uns erblüh’n — and decimiren
Würden sich die Abonnenten;
Und man würde Wurst und Käse
Nur noch in Laternen wickeln.
Und zum endlichen Erlöse
Uns zu Fidibus zerstückeln.

Solche Aussicht ist erfreulich.
Und wir wären ungenügsam,
Wenn wir ferner so abscheulich,
Schroff verblieben und unbiegsam.
Wie wir es bis jetzt gewesen —
Und wie wir’s auch weiter bleiben:
Die Latern. sie wird ihr Wesen
Wie bisher auh ferner treiben.

Droht uns auch in Nachbarländern
Die Justiz mit spitzen Dolchen,
Dennoch können wir nicht ändern
Das Programm. das wir verfolgen.

Ja, sie wird ihr tolles Wesen
Manchmal auch noch weiter treiben.
Und bei Witz und heitern Späßen
Kräftig stets den Kümmel reiben.
Aber immer frei und offen
Bleiben unsre Hieb‘ und Stiche;
Fühlt Ihr Euch davon getroffen:
Darum keene Feindschaft niche!

Und so wollen wir zum neuen
Jahr uns mit der Hoffnung wenden,
Daß es möge uns erfreuen
Mit viel neuen Abonnenten!

Anmerkung

Die „Frankfurter Latern“ war ein von Friedrich Stoltze begründetes Satireblatt, von dem vermutlich auch dieses Gedicht in der ersten Ausgabe des Jahres 1863 stammt. Wegen diverser Anklagen konnte Stoltze seine Heimatstadt Frankfurt nicht verlassen, weil ihm sonst die Verhaftung gedroht hätte (bis zur Amnestie nach dem deutsch-österreichischen Krieg von 1866).

Siehe auch:

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