Die Entwicklung in Preußen

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Die Presse (Wien), 1. Januar 1863

Haben wir das Jahr 1861, das der sich überall consolidirenden verfassungsmäßigen Freiheit genannt, so ist, von uns selbst abgesehen, der Rückblick auf das abgelaufene Jahr allerdings minder tröstlich und beruhigend. Im benachbarten Preußen ist eine rückläufige Bewegung eingetreten, welche die werthvollsten Errungenschaften constitutioneller Freiheit mit Vernichtung bedroht. Conservative Fanatiker lenken das Staatsruder und wähnen in der Nachäffung bonapartistischer Regierungskunst das Mittel gefunden zu haben, dem preußischen Volke, indem sie seinem Ehrgeize schmeicheln, sein Recht zu entwinden. Eine lärmende auswärtige Politik soll den Schmerzensschrei im Innern übertönen, der Cäsarismus im feudalen Gewande soll an die Traditionen Friedrich’s des Großen anknüpfen. Pygmäen wollen die Rolle von Adlern spielen, und vom Triumphe Bismarck’scher Staatsrettungen soll die dwutsche Frage ihre Lösung datiren. An dem preußischen Volke, das bisher mit den Waffen der Gesetzlichkeit so wacker gekämpft, wird es sein, der Junkerpartei den Beweis zu liefern, daß auf germanischem Boden die ekle Schlingpflanze bonapartistischer Staatsweisheit nicht fortkommt, und daß es für Nationen, die sich achten, noch etwas Höheres gibt, als materiellen Wohlstand und Eroberung. Hoffen wir, daß das neue Jahr in Preußen gutmacht, was das alte verbrochen, und daß das Recht zum Siege gelangt, mag der Kampf auch noch so schwer sein und noch so lange dauern.

Reich an Belegen für das nationale Bewußtsein des deutschen Volkes, läßt das abgelaufene Jahre die allgemein deutschen Verhältnisse in der alten unerquicklichen Lage. Während in Kurhessen die von Oben herab gestörte gesetzliche Ordnung wiederhergestellt wurde, und auf dem Frankfurter Schützenfeste die Nation selbst eine Feier ihrer künftigen Einigkeit und Wehrhaftigkeit beging, sind die Anstrengungen zur Reorganisation des deutschen Bundes bis zur Stunde fruchtlos geblieben, und bedrohen das Project einer Delegirten-Versammlung und der Handelsvertrag Deutschland an dem Tage, wo sie zur Ausführung gelangen, mit einer politischen und ökonomischen Zerreißung in zwei große Lager. Auf der einen Seite das ideale Einheitsbedürfniß, auf der andern der leider nur zu reelle Widerstreit rivalisirender Inttressen, das ist das große Dilemma, zwischen welchem sich die deutsche Fragc hin- und herbewegt, und, dessen gefährliche Alternativen bis jetzt jeden Versuch zu ihrer Lösung auf diplomatischem Wege scheitern ließen. Soll der europäische Frieden nicht durch die Katastrophe eines deutschen Bürgerkrieges unterbrochen werden, so möchten wir beinahe wünschen, daß die Cabinette die Lösung der deutschen Frage einstweilen ruhen lassen und den Zeitpunkt abwarten, wo ohne Gefahr etwas geboten werden kann, wofür das deutsche Volk sich zu begeistern vermag.

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