Der Wahnwitz des Nationalhasses

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Ludwig Bamberger, 1859

„Ist doch der ganze Wahnwitz des Nationalhasses nur ein Vermächtnis der Feudalherrschaft und der Unersättlichkeit adliger Raubritterschaft, welche der Plünderung fremder Länder zu lieb das edle Kriegshandwerk ergriff und durch die Konsequenz hundertjährigen Unfugs das Ungetüm der Nationalfeindschaften großgezogen hat. War der Bauer in der Normandie jemals lüstern nach den Feldern seines Unglücksgenossen in der Pfalz, oder träumte der Handwerker in der Lausitz von dem Besitz der Gefilde am Po und am Tessin? Nein! Aber Monarchen und Raufbolde, welche von Hofhistoriographen zu erhabenen Erscheinungen gestempelt worden, schleppten in erbarmungsloser Unersättlichkeit den Bauernsohn vom Pflug hinweg (wenn sie ihn nicht lieber gradezu für blankes Geld verkauften) und zwangen ihn, sich auf den gleich elenden Bauern eines andern Landes zu werfen, und nachdem das zwangsweise gegenseitige Morden und Plündern zum Ruhm und zur Bereicherung einiger erlauchten Häuser ehrwürdig historisch geworden, ist es auch dahin gekommen, daß die armen Teufel verschiedener Zungen sich einen ewigen Haß nachtragen, welcher jedoch nur dann angefacht wird, wenn es den Interessen der Herrschenden dient, die selbst aufgeklärt genug sind, um zu anderen Zeiten mit ihren ausländischen Vettern im herzlichsten Einverständnis zu leben.“

Anmerkung

Ludwig Bamberger (1823-1899) nahm als Demokrat an der Pfälzer Erhebung 1849 teil und mußte nach deren Niederschlagung aus Deutschland flüchten und lebte hauptsächlich in Frankreich. Nach einer Amnestie kehrte er zurück und wurde einer der führenden Politiker der Nationalliberalen. 1870 war er zudem einer der Gründer der Deutschen Bank. Er war federführend dabei, daß in Deutschland eine einheitliche Währung, die Mark, auf Goldbasis eingeführt wurde (vorher Gulden im Süden, Taler im Norden).

Zeitweise beriet er Bismarck, wandte sich aber als Freihändler von ihm wegen dessen wirtschaftspolitischer Wende ab Mitte der 1870er Jahre ab. 1880 trat Bamberger mit anderen Politikern vom linken Flügel aus den Nationalliberalen aus und nahm an der Gründung der Liberalen Vereinigung (auch „Sezession“ oder „Sezessionisten“) teil, die sich 1884 mit der Deutschen Fortschrittspartei zur Deutsch-Freisinnigen Partei vereinigte. Bei den Freisinnigen war er einer der Gegenspieler von Eugen Richter. Nach der Aufspaltung der Partei 1893 unterstützte Bamberger die Freisinnige Vereinigung, zog sich aber weitgehend aus der Politik zurück.

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Eine ausführliche Einleitung und zahlreiche Fußnoten zu Personen, Sachverhalten und ungewöhnlichen Wörtern helfen dem heutigen Leser beim Verständnis.

Siehe auch:

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