Wie eine Revue entsteht

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Alexander Moszkoswki, 1927

Die Not bringt einen zu seltsamen Schlafgesellen, und der Zufall zu seltsamen Theaterdirektoren. Ich werde nicht ausführlich erörtern, wieso ich an die beiden Bühnenmonarchen geriet, die ich hier als die Herren Wallreuter und Paffnutzky vorstelle. Genug, ich war von ihnen zur Audienz in ihrer Staatskanzlei bestellt, und sie erwarteten von mir artistische Erleuchtung. Sie verfügten über viele Vorbedingungen für einen glänzenden Theaterbetrieb; ihr frisch erbauter Musentempel zwischen Kurfürstendamm und Motzstraße war tipptopp, ihr Personal konnte sich sehen lassen, im Punkt der Unternehmungslust nahmen sie es mit Thespis und Reinhardt auf, in den Finanzen herrschte großzügige Wirtschaft, kurz, es war alles vorhanden bis auf eine Kleinigkeit: sie hatten kein Stück, und sie waren durch eifriges Nachdenken zu der Überzeugung gelangt, daß zu einer Einweihungspremiere schließlich auch ein Theaterstück gehörte.

Genau gesagt: es war Herr Wallreuter als der Intelligentere der Firma, der diese Ansicht vertrat, während Herr Paffnutzky noch andere Wege offen sah. „Die Zeit der Theaterstücke“, so äußerte er, „ist eigentlich vorbei. Man läßt tanzen, das genügt. Wir verfügen über hundertsechzig Mädchenbeine . . .“

„Sie wollen sagen: über achtzig Tänzerinnen,“ warf ich laienhaft ein.

Auch diese Division durch zwei ist veraltet. Man zählt nach Beinen und nicht nach Personen.

„Immerhin,“ ergänzte Wallreuter, „kann es nicht schaden, wenn auf der Bühne, vom Tanz abgesehen, irgend etwas vorgeht. Und dies ist ja auch der Grund, weswegen wir den Herrn herbestellt haben. Wir wissen, daß Sie früher an der Bühne tätig waren, und vermuten, daß Sie uns einige brauchbare Ratschläge erteilen könnten.“

„Darüber wird sich reden lassen“ sagte ich. „Und wenn es den Herren recht ist, so will ich Ihnen einen Plan entwickeln, den ich mir schon unterwegs überlegt habe. Ich meine die Umrisse eines Szenariums, das die Mitwirkung Ihrer erfreulichen hundertsechzig Beine nicht ausschließt und dabei doch eine spannende Handlung bietet.“

Paffnutzky zuckte schmerzhaft zusammen: „Wenn ich schon höre „Handlung“! So was wird ja heute kaum noch in den Kammerspielen geduldet!“

Aber der andere ermutigte mich: „Bitte, entwickeln Sie nur. Sie scheinen ja ein Thema auf der Pfanne zu haben, und vielleicht läßt sich wirklich auf unserm Theater mit einer Handlung irgendetwas anfangen.“

„Also passen Sie auf. Ich verlege den Beginn des Stückes nach Brasilien . . .“

„Hört, hört! das fängt gut an, so wahr ich Wallreuter heiße. Exotisches das mögen die Leute. Ich sehe die Sache schon vor mir: einen farbenstrotzenden Urwald mit einem grandiosen Affenballett! Also weiter!“

„Nur Geduld. Die Ballette kommen erst später. Zunächst brauche ich doch einen dramatischen Auftakt. Da zeige ich einen vermögenden Pflanzer, nennen wir ihn Cesare Tinto, einen verknöcherten Geizhals, der sich auf seiner Tabaksplantage den Besitz von einer Million Goldfranken herausgewirtschaftet hat. Bei diesem Mann erscheint der Notar Leon, um ihm eine testamentarische Urkunde auszuhändigen. Deren Urheber ist ein längst vergessener Vetter des Pflanzers, der ihn vor dreißig Jahren, vom Hunger gepeinigt, vergeblich um eine Beihilfe anflehte. Seitdem hat sich dieser Vetter aus eigener Kraft emporgearbeitet, er ist wohlhabend, er ist sogar ein Krösus geworden. Und nun hat er in einer rachsüchtigen Laune folgendes testiert.

Sein hartherziger Vetter Cefare Tinto soll aus der Erbmasse ein hohes Legat empfangen, bare 20 Millionen, unter einer Bedingung: dieser Reichtum soll ihm gehören, wenn er es fertig bringt, sein gesamtes bisheriges Vermögen, also seine Million, binnen fünfzig Tagen restlos auszugeben, zu vergeuden. Der Sinn der Klausel leuchtet ein: die Habgier wird ihn aufstacheln, jene Klausel zu erfüllen; allein der Geiz wird es ihm verwehren, sich zuvor zum Bettler zu machen, ehe ihm die große Erbschaft zufällt. Er muß seine innere Geiznatur vergewaltigen, die ihm die mutwillige Ausgabe auch nur eines Centimes verbietet, und so wird er als Verschwender wider Willen bis zur Lösung der Aufgabe durch fünfzig Tage Höllenqualen ausstehen . . .“

„Ich bin bloß neugierig,“ meinte Direktor Paffnutzky gelangweilt, „wann nun bei Ihnen endlich einmal getanzt wird.“

„Episodisch gleich im ersten Akt. Da gerät der knickrige Pflanzer in eine Ballgesellschaft zu Rio de Janeiro, woselbst die Quelle brasilianischen Reichtums in einem bunten Ballett symbolisiert wird. Ich verlange hier vierzig Tänzerinnen deren Kostüme nach den Reklamefiguren der berühmten Zigarren- und Zigarettenfirmen stilisiert sind. Wie bei Richard Strauß aus dem „Schlagobers“ der weibliche Schwarm daherschwebt, so soll sich hier gleichsam aus dem duftigen Rauch der Zigaretten eine holde Mädchenwolke entwickeln.“

„Machen wir!“ rief der Direktor. „Dafür interessieren sich auch die Firmen, die Manoli, Astoria, Garbaty und wie sie alle heißen. Und das ist auch etwas für unsere Tiller-Girls!“

„Die werden nicht ausreichen,“ meinte Direktor Wallreuter, „wir werden hier die Tiller-Girls mit den Lawrence-Girls kombinieren.“

„Und wir erfinden hierzu eine Verschmelzung von Jimmy-Step mit Bostonfox. Gott sei dank, daß nun Leben in die Bude kommt, daß die faule Erbschaft verschwindet und die Beine Ereignis werden.“

„Nein, die Erbschaft verschwindet durchaus nicht, sie fängt ja erst an. Mitten in das Ballfest platzt die Revolution mit der Entthronung des Kaisers Pedro von Brasilien, der Geizhals Tinto wird als vermeintlicher Monarchist in den Umsturz verwickelt und zwangsweise nach Europa abtransportiert. Und hierin ruht der dramatische Kern des Ganzen. Denn er soll doch laut Testament seine gesamte Habe ausgeben und eben dieses wird ihm vereitelt. Es entspinnt sich eine Kette brillant gedeichselter Abenteuer, mit jedem Tage wird er weiter von seinem Geldtresor abgedrängt, er kann an sein Vermögen, dessen rasche Verschwendung ihm obliegt, gar nicht heran. Szene für Szene sehen wir ihn verzweifelt gegen sein Schicksal kämpfen; hier wird er durch elementare Naturereignisse aufgehalten, dort durch eine Quarantäne, alle Dämonen scheinen verschworen, um ihm die Rückkehr, den Zugang zu seinem Tresor zu versperren. Endlich, nach zahllosen aufregenden Abenteuern auf dem Ozean, in Lüften, in den Gletschern der Walliser Alpen . .“

„Halt, halt,“ rief Wallreuter dazwischen, „hier werden Sie doch wohl gütigst ein Eisballett einlegen!“

„Mit mindestens fünf Dutzend Schneeköniginnen, bitt’ ich mir aus,“ ergänzte Paffnutzky; „hier lassen wir die Kanada-Girls aufmarschieren . . .“

„Und die Halifax-Girls; wird sich pompös machen zwischen den Gletschern allerdings, die Halifax-Girls haben. wir ja garnicht, die gastieren gegenwärtig in London, aber es soll mir nicht darauf ankommen, sie von dort fortzuengagieren.“   „Was soll das heißen, Sie werden engagieren? Geben Sie das Geld oder ich? Na also, nur immer reinliche Verhältnisse, Kollege Wallreuter. Sobald der Herr fertig erzählt hat, werde ich persönlich nach London telegraphieren. Bitte fortzufahren!“

„Ich überspringe acht amüsante Zwischenbilder und eile zum Schluß. Der Mann erzwingt wirklich die Heimkehr genau einen Tag vor dem im Testament fixierten Termin, und es gelingt ihm auch tatsächlich, sein Geld zu verschleudern. Er gelangt nämlich nach Rio gerade zu einem republikanischen Fest mit Korso und Feerie, er rüstet hierfür eine fabelhaft strahlende Gruppe aus menschgewordenen Edelsteinen, Gold und Silberfäden, tropischen Schmetterlingen, Kolibris und Paradiesvögeln, die sich auf einer luxuriösen Treppe unter Begleitung von fontaines lumineuses in einer fabelhaften Farandole bewegen . . .“

„Farandole kann bleiben; aber nicht zu vergessen: Bostonstep, Stepboston, Stepjimmy, Jazzjimmy, Javajazz und Jazzsteppfoxtrott. Das allein garantiert dreißig volle Häuser . . .“

„Ganz meine Meinung, vorausgesetzt, daß wir unsere vorhandenen hundertsechzig Beine noch sinngemäß durch die Truppen der Bristol-, Kokain- und Piccadilly-Girls vervollständigen. Was wird denn übrigens noch aus Ihrer Zwanzig-Millionen-Erbschaft?“

„Das ist eben der Clou des Stückes. Der Geizhals bekommt sie nicht. Denn in letzter Sekunde erhält er von der Stadt Rio für die prächtige Ausrüstung seiner Festgruppe einen Geldpreis, er besitzt mithin trotz aller Verschwendung noch Vermögen, die Testamentsklausel ist nicht erfüllt. Und hieraus entwickelt sich im allerletzten Finale noch ein unerhört überraschender Schlußstrich nämlich so . . .“

„Ach, Sie wollen uns schon wieder dramatisch öden, davon haben wir nun gerade genug. Kurz gesagt, wir werden Ihr Stück ausführen, und zwar mit radikalem Ausschluß der Handlung. Da haben wir eine Revue, wie wir sie brauchen, amüsant, berauschend und ohne störende Begebenheiten.“

Und in dieser Form soll die Sache demnächst steigen. In maßgeblichen Theaterkreisen schwört man bereits Stein und Bein auf den Erfolg, besonders Bein.

Eine Hauptsache wäre noch nachzutragen, nämlich daß das besagte Stück bereits vor vielen Jahren aufgeführt worden ist, inklusive aller Handlung. Es war damals nach meinem Entwurf von mir und einem Kollegen ausgearbeitet worden und machte am alten Viktoriatheater monatelang volle Häuser. Freilich, die Ballette galten zu jener Zeit nur als Episoden, sie hatten sich noch nicht zu beherrschender Selbständigkeit ausgewachsen, und da der Typus „Revue“ mit den alleinseligmachenden „Girls“ noch nicht existierte, so ließ sich das Publikum auch die sozusagen dramatischen Begebenheiten gefallen; als Nachklänge der spannenden Szenenbilder, wie sie einst Jules Verne auf die Bühne gestellt hatte. Im Gehege der Paffnutzys ist man heute weiter. Aller Erfindungsballast ist glücklich über Bord geworfen, frei im Äther herrschen die Mädchenbeine, und nach ihrer Anzahl läßt sich der Erfolg im voraus arithmetisch berechnen. Ebenso läßt sich danach feststellen daß unser vormaliges Publikum in den alten Ausstattungstheatern total verblödet war. Jene Menschen verlangten noch Szenen, in denen irgendetwas vorging, die Autoren entsprachen diesem Wunsche mit entgegenkommendem Stumpfsinn und zwischen Parkett und Bühne war die Trottelosis ziemlich gleichmäßig verteilt.

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