Hooligans in der guten alten Zeit

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Berliner Gerichtszeitung, 8. Januar 1863

— In Kleinbockenheim bei Frankfurt a. M. herrscht die althergebrachte Volkssitte, daß jeder fremde Bursche, welcher ein Mädchen aus dem Dorf heirathet, als Lösegeld für die Braut eine Quantität Wein liefern oder eine Baarsumme bezahlen muß, welche die ledigen Burschen des Orts verjubeln. (Beiläufig machen wir Frau Birch-Pfeiffer auf diesen Umstand aufmerksam, der sich trefflich in dem nächsten Abklatsch ihres „Goldbauers“, ihrer „Grille“ u. s. w. verwenden läßt.) So wurde auch neulich ein Mädchen losgekauft, aber zu früh, denn die Heirath kam nicht zu Stande. Das Mädchen wird bald wieder Braut, und der Bräutigam ist wieder „ein Ausländer“. Natürlich machten die Kleinbockenheimer auf ihre abermalige Weinspende Anspruch, doch die Angehörigen der Braut waren anderer Ansicht. Darauf hin bildete sich ein Lynchcomité und brütete folgenden Scandal aus: Unter einer solennen Katzenmusik trug man nämlich einen Strohmann an der Wohnung der Braut vorüber, brach ihm das Genick und warf ihn unter Absingung des Liebes: „Begrabt den Leib in seiner Gruft“ nach einer nahen Sandgrube. Dies das lustige Vorspiel, das barbarische Nachspiel sollte folgen. Am nächsten Sonntage waren die Eltern bei ihrer Tochter zum Besuch. Als sie zurückkehrten, war ihr Wohnhaus verheert und verwüstet, als ob in der Nacht das wilde Heer der eine Schaar Hunnen dort Herberge gehalten hätten. Den zurückgebliebenen Hofhund fanden sie mit abgeschossener Zunge röchelnd in seinem Blute, die aus Eisengittern bestehenden Umfriedung des Hauses und Gartens war niedergerissen, die Steinpfeiler zertrümmert, Läden und Fenster ausgehoben und sammt den Küchengeräthschaften in Stücke geschlagen, die Hausthüre gewaltsam erbrochen, der Pumpenstock abgedreht, alle Räume total verwüstet, so daß sie genöthigt waren, sich anderweitig Quartier zu suchen. Hoffentlich werden die Frevler ihrer Strafe nicht entgehen, da das Gericht an Ort und Stelle die genauesten Untersuchungen eingeleitet hat.

Anmerkung

Die „Berliner Gerichtszeitung“ ist hier geographisch etwas desorientiert. Es handelt sich um den Ort Kleinbockenheim in der Pfalz und nicht um das Bockenheim, das heute ein Teil von Frankfurt ist.

Siehe auch: Prozeß um ein Komma und Amor auf dem Lande (zweite Nachricht)

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