Als noch nicht die Rede von der christlich-jüdischen Kultur des Abendlandes war

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Die Presse (Wien), 9. Januar 1863

[Rom und die Juden.] Interessant ist ein Actenstück aus Rom, eine vom Generalvicar von Belletri einem Juden ausgestellte Aufenthaltskarte, wahrscheinlich einem der Ausgetriebenen, in welcher diesem Israeliten die Rückkehr nur unter der Bedingung gestattet wird, spätestens eine Stunde nach Sonnenuntergang in seiner Wohnung zu sein, solche vor Sonnenaufgang nicht mehr zu verlassen und kein familiäres noch zutrauliches Wort an einen Christen zu richten, unter Androhung von Gefängniß- und 27 Franken Geldstrafe. Und dieses Aktenstück, welches man für ein mittelalterliches Monument ansieht, stammt in der That aus dem Jahre 1862. Die Wichtigkeit wegen lasse ich den gesamnnen Wortlaut folgen: „General-Vicariat Belletri. Nach Ansicht und Richtigfinden der von dem Gesetze verlangten Pässe wird dem Israeliten N… die Erlaubniß ertheilt, für die Dauer von…. Tagen sich in dieser Stadt aufhalten zu dürfen, und zwar zu dem einzigen Zwecke, einen biedern und ehrlichen Handel da zu treiben, dabei wird ihm aber für die ganze Zeit seines Aufenthaltes aufgegeben, sich spätestens eine Stunde nach Sonnenuntergang in die von ihm erwähnte Wohnung zurückzuziehen, um solche vor Sonnenaufgang nicht mehr zu verlassen; gleichzeitig wird ihm der Zutritt in das Kloster, Conservatorium oder heiligen, der Episcopal-Jurisdiction unterliegenden Ort untersagt, ebenso der Gebrauch jedes vertraulichen oder familiären Ausdrucks beim Reden oder Handeln mit Christen. Die Uebertretung einer oder der andern besagten Vorschriften wird unilachsichtlich mit Gefängniß und Geldstrafe von 5 Thalern zum Nutzen der heiligen Sache bestraft. Belletri, am Sitze des Vicariats den …. 1862. J. Besir ex officio, General-Vicarius. (Stempel d. Vic. v. Belletri.) Giov. Jossenschi, Crim.-Secr. des Bisthums.“

Hintergrund

Seit 1861 gibt es das Königreich Italien mit der Hauptstadt Turin (ab 1865: Florenz). Rom gehört dem Kirchenstaat und steht unter dem Schutz von Frankreich, das dort Truppen stationiert hat. Während des Kriegs mit Deutschland 1870 werden diese abgezogen, und Italien marschiert im September ein. 1871 wird Rom dann Hauptstadt von Italien.

Seit 1555 müssen die Juden der Stadt im Ghetto leben, mit kurzen Unterbrechungen unter Napoleon I.  (1808-1815) und den Römischen Republiken von 1798-1799 und 1849. Das römische Ghetto ist das letzte in Westeuropa. Das liberalgesinnte Italien macht diesem Zustand 1870 sofort ein Ende. Die Mauern des Ghettos werden 1888 geschleift.

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Siehe auch:

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