Links zum Attentat auf Charlie Hebdo

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  1. Der erste Link kommt von Jason Karaian bei Quartz: How the French really feel about Muslims, charted – Es wird als ein Axiom behandelt, daß der Anschlag in die Hände von Le Pen und dem Front National spielen wird, und das sogar das Ziel der Terroristen war, um eine Radikalisierung der Moslems in Frankreich herbeizuführen. Die Umfrageergebnisse von Pew (natürlich vorher genommen) schlagen hier ein Zwischenglied aus der Argumentation: die Franzosen sind in Europa die, die das positivste Urteil über ihre moslemischen Nachbarn haben. Es zeigt sich hier auch ein innerhalb Deutschland bekanntes Muster: Je mehr Moslems, desto entspannter die Haltung, und umgekehrt. Juan Cole bei InformedComment meint das Motiv dennoch gefunden zu haben: Sharpening Contradictions:  Why al-Qaeda attacked Satirists in Paris – wie auch bei anderen Analysten hat er allerdings keine weitere Information, als daß das so sein könnte. Was nicht heißen muß, daß es falsch ist. Niemand hat ja eigentlich irgendwelche Kenntnisse über die Hintergründe.
  2. Mark Frauenfelder bei Boing Boing: Charlie Hebdo will print 1 million copies of next issue instead of 60,000 as usual – Ein anderes Axiom ist es, daß die Mörder ihre Tat mit der Absicht unternahmen, daß ab da nur noch die ihnen genehmen Darstellungen gezeigt werden. Möglich, daß hier ein entsprechender Größenwahn im Spiel ist. Es war aber auch nicht schwer vorherzusehen, daß es zu einem Dammbruch kommen könnte, der sich durch einzelne Drohungen nicht wieder schließen läßt, siehe etwa: L’Express: Charlie Hebdo: les caricatures de Mahomet publiées partout après l’attentat. Michael Miersch vergleicht bei der Achse des Guten die zwar nicht durchgängige, aber doch wesentlich trotzigere Haltung der Presse 2015 gegenüber 2005 (oder 2012, wo Wegducken auch die Maxime war, siehe unsere Artikel): Pressefreiheit 2005 und 2015.
  3. Marc Champion bei Bloomberg bezweifelt, daß der Grund für die Anschläge wirklich die Karikaturen waren: Charlie Hebdo’s Cartoons Aren’t the Issue – Ein recht guter Punkt ist hierbei, daß der Anschlag drei Jahre nach den Karikaturen kam, die der Auslöser gewesen sein sollen. Es muß auch einiges an Vorbereitung (Ausspähen, Training, usw.) gegeben haben, was Theorien in Schwierigkeiten bringt, die eine Verbindung mit dem letzten Titelbild oder gar dem letzten Tweet der Redaktion vor der Tat herzustellen suchen. Schon möglich, daß das ein beliebiger Anlaß war, zu diesem Zeitpunkt loszuschlagen. Daß die Karikaturen natürlich eine Rolle spielten, Charlie Hebdo auf die Abschußliste zu bringen, ist aber doch wohl der Fall. Das Attentat war sehr gezielt gegen die Redaktion gerichtet wie eine Exekution und kein wildes Umherschießen. Allerdings ging es dabei nicht um Karikaturen allgemein, sondern um bestimmte. Wolfgang Röhl weist bei der Achse des Guten zurecht auf die Lächerlichkeit hin, eine Attacke auf Karikaturen per se zu wittern und dazu die gegenüber Charlie Hebdo völlig belanglose Titanic zu ihren Befürchtungen zu befragen: Die ist bestimmt nicht Charlie – Niemand muß seinen Kopf hinhalten, aber wenn er es nicht tut, hat er auch nichts dazu zu sagen. Die Redaktion von Charlie Hebdo sind im besten Sinne Märtyrer (ein Wort, das wir seltsamerweise nirgendwo gesehen haben), nämlich Menschen, die als Bekenner für ihren Glauben an die Göttin der Freiheit getötet worden sind.
  4. Jack Jenkins bei ThinkProgress (links in den USA) dokumentiert mehrere „Gegen“anschläge auf Moscheen: Shooting And Explosions Target Mosques In France After Charlie Hebdo Shooting – Das bestätigt die teilweise sehr schnell und vordringlich vorgebrachten Sorgen, daß Moslems zu Opfern werden, und auch, daß die „abendländische Kultur“ ihr eigenes Gesindel ausbrüten kann. Es ist sicherlich richtig, daß eine durchgedrehte Mehrheit an einer Minderheit mehr Unheil anrichten kann als umgekehrt. Bestimmt ein Aspekt, den man im Auge behalten muß, aber nicht unbedingt die Hauptgeschichte, die das Attentat sofort völlig in den Hintergrund treten lassen sollte. Die einzigen Moslems, die bislang umgekommen sind, waren ein Mitarbeiter von Charlie Hebdo und ein Polizist, der Charlie Hebdo beschützte. Vielfach wird auf die durchaus scharfen Verurteilungen durch moslemische Verbände hingewiesen, die auch wirklich gewürdigt zu werden verdienen, siehe etwa: Eintrag unter 20:21 im Livefeed von Web.de.
  5. Brendan O’Neill von Spiked via NOVO Argumente sieht den Anschlag als einen auf ganz Europa an: Charlie Hebdo: Ein schwarzer Tag für Europa – Er thematisiert, inwiefern das Beleidigtsein, das er als Motiv sieht, mit Gewalt mißliebige Meinungen zu beseitigen, in milderer Form auch im „Abendland“ nicht unbekannt ist. Jacob Levy (Blogger auch bei den BleedingHeartLibertarians) weist bei Daily Nous via BHL auf den doppelten Standard hin, einerseits von Moslems Stillhalten bei Karikaturen zu verlangen im Namen von „Freedom of Expression“, im selben Atemzug aber das Tragen von abgelehnter Bekleidung wie einer Burka nicht als ebensolche anzusehen und zu verbieten: Jacob Levy on the Charlie Hebdo Attack. Eine vernachlässigte Differenzierung bringt Russ Douthat auf seinem Blog bei der NY Times: Man muß nicht jede geschmacklose, aber belanglose Sache stilisieren, aber wenn etwas unterdrückt werden soll, dann hat es einen Wert, die Lästerung zu unterstützen: The Blasphemy We Need.
  6. Noah Feldman bei Delaware Online hat eine andere Theorie für die Motivation des Verbrechens, die wir sehr interessant finden: Were the Paris murders just a publicity stunt? – Die relativ disziplinierte, gezielte und organisierte Vorgehensweise spricht eher für Al Qa’eda als die Hintermänner und nicht für Da’esch (a.k.a. Islamischer Staat), deren zur Tat Gerufene bisher eher durch spontanen Dilettanismus aufgefallen sind. Anstatt eurozentrisch die Tat als Angriff auf „uns“ zu interpretieren (was er natürlich auch ist), könnte es darum gehen, potentiellen Anhängern zu zeigen, daß Al Qa’eda mehr anrichten kann als Da’esch, auch wenn letztere im Moment den größeren Schwung haben. Ähnlich argumentieren auch Rukmini Callimachi und Alison Smale in der New York Times: Paris Assault Examined for Qaeda and ISIS Methods.
  7. Matt Welch bei Reason nimmt den oft etwas wohlfeilen „Je Suis Charlie“-Widerstand von denen aufs Korn, die bis gestern nicht viel dazu zu sagen hatten, daß Charlie Hebdo ihr Leben aufs Spiel setzten, und die sich wegduckten und -ducken: ‘Je suis Charlie’? No, You’re Not, or Else You Might Be Dead – Es ist eben ein Public Goods Problem: Wenn genug dabeisind, haben alle etwas davon. Aber die ersten halten den Kopf hin, damit die Trittbrettfahrer später aufspringen können. Ebenfalls bei Reason zeigt Ed Krayewski auf, wie mutig etwa Satiriker direkt an der Frontlinie sind: While White Westerners Bellyache Over Offensive Satire, Satirists in the Middle East Push the Envelope to Challenge Radical Islam. Auch ohne Arabischkenntnisse kann man mit dem Artikel diesen sehr witzigen libanesischen Clip aus der Show Ktir Salbe auf YouTube verstehen:

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