Aus der Mormonenstadt Utah

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Die Presse (Wien), 12. Januar 1863

[Aus der Mormonenstadt Utah.] Vor nicht langer Zeit kam eine neue Schaar von Einwanderern in der Mormonenstadt Utah an. Unter denselben befand sich ein junger Mann von vornehmerem Anscheine als die übrige Gesellschaft, und zwei junge tiefverschleierte Frauen, deren feines Benehmen und Aussehen sie als einer höhern socialen Stellung angehörend verrieth. Der junge Mann ist der Sohn eines reichen Gutsbesitzers in Norwegen, und die beiden Damen sind Waisen, welche mit ihm in seines Vaters Hause erzogen worden waren. Der Jüngling hatte das elterliche Haus verlassen, um die Universität Drontheim zu beziehen, wo er sich einige Jahre aufhielt und danach Reisen durch den größten Theil Europas unternahm. Seine Jugendgespielinnen waren vergessen. Als er endlich nach Hause zurückkehrte, war er erstaunt, zwei schöne Jungfrauen zu finden. Der Pfeil des Liebesgottes verwundete sein Herz. Er war „verliebt“, aber in welche von beiden? Beide waren von strahlender Schönheit; beide nahmen all sein Lieben, all sein Denken  in Besitz. Zweifelnd, rathlos schwankte er zwischen Scylla und Charybdis. In dem Uebermaße verzweifelter Offenheit gestand er den beiden Mädchen seine Gefühle. Zuerst schlugen sie ein Gelächter auf, saun wurden sie nachdenkend, und das schließliche Ergebniß ihres Nachdenkens war, daß beide Herrn Ludwid liebten, und sich in derselben Verlegenheit befänden, wie er. Der Ausgang sagt sich bald. Ein Mormonen-Apostel predigte willigen Ohren, und das Trio machte sich auf den Weg nach Utah.

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