Der halbierte Storch

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Alexander Moszkoswki, 1927

Es würde sich verlohnen, einmal die Geschichte der Froschplagen im Zusammenhang zu schreiben. Historisches Material ist genug vorhanden, und aus alten Berichten ergibt sich, daß der Frosch keineswegs als eine harmlose Kreatur zu gelten hat. Der Knabe, der seinen Laubfrosch auf der Leiter im Glase vergnüglich beobachtet, der Genießer, der den Frosch von der Seite der gebackenen Schenkel auffaßt, sind nicht die kompetenten Beurteiler. Der Frosch wird vielmehr in seiner ganzen Bedeutung erst dann gewürdigt, wenn man ihn als Massenfaktor betrachtet, als Vermehrungskünstler, als Vertreter eines höchst bedenklichen Majoritätsprinzips. Als solcher trat er schon in den ägyptischen Plagen auf: . . . „und die Frösche kamen herauf und bedeckten das ganze Land Mizrajim“. Noch unheimlicher hausten sie zu Demokrits Zeiten in der Thrazischen Landschaft; es steht geschrieben, daß die Frösche damals größeres Unheil heraufbrachten, als alle Ungeheuer, Räuber und Thyrannen jemals in ganz Griechenland anrichteten.

Aber auch in Mitteleuropa ganz in unserer Nähe hat es eine Froschplage gegeben, und da ich der einzige bin, der sie studierte, will ich davon erzählen. Es ist eine abenteuerliche Geschichte, die, um ganz bei der Wahrheit zu bleiben, ihren Abschluß erst von der Zukunft erwartet.

Schauplatz eine mit Seen, Teichen und Tümpeln reichlich gesegnete Landschaft im Kreise Ladenberg-Schöppenstedt. Dort also trat eine Froschplage auf und die betroffenen Städtchen und Dörferchen wandten sich hilfesuchend an den weisen Magistrat der Kreishauptstadt. Deren Obmann, Dr. Bürokratius, ernannte sofort eine Froschvertilgungsbehörde und diese stellte den logisch wie zoologisch ganz einleuchtenden Grundsatz auf: Storch contra Frosch! Sie bezog das größte Gebäude des Ortes, richtete sich in zahllosen Schreibstuben ein und berief als Oberstorchkommission eine Anzahl von Sachverständigen. Schon nach wenigen Wochen war durch Mitwirkung einer Tierhandlung à la Hagenbeck ein großer Storchkomplex bereit gestellt und es entstand nunmehr die Frage: Wie sind diese Störche auf die bedrängte Landschaft zu verteilen? Derartige Fragen pflegen ein Statut zur Folge zu haben, ein Bündel von Paragraphen, an denen nicht mehr zu rütteln ist, wenn sie einmal in den Akten der Behörden verankert sind. Hier lautete der grundlegende § 11 in dem Faszikel mit der Aufschrift Schema F:

„Jede Ortschaft des Kreises hat ihre genaue Einwohnerzahl zu ermitteln und für jede 200 Köpfe ihrer Bevölkerung einen Storch von der Oberstorchkommission zu verlangen.“

Prompt und ohne Stockung wurde die Ordre befolgt. Die rationierten Störche langten an ihren Bestimmungsorten an, so und soviel pro Gemeinde, sie entwickelten einen fabelhaften Appetit, und die Frösche der beteiligten Destrikte hatten alle Ursache, ihr trauervolles Requiem zu quaken.

Nur bei einer Ortschaft der kleinsten von allen, haperte es. Das Dörfchen Klein-Niedermupkewitz nämlich ermittelte eine Bevölkerungszahl von genau 100 Seelen. Und der Dezernent entschied ganz folgerichtig: Dieser Flecken hat einen halben Storch zu beanspruchen. Man konnte da rechnen und dividieren so viel man wollte, das Resultat blieb unabänderlich: Null Komma fünf, gleich ein halber Storch.

Sogleich erhoben sich neue Probleme: Wie sollte der Storch geteilt werden? der Länge oder der Quere nach? Welche Hälfte sollte man dem Flecken überweisen? und was geschah mit der anderen Hälfte?

Ein sittlich nicht ganz gefestigter Storch-Assessor schlug vor, dieser Gemeinde einen ganzen Storch zu spendieren, da ein halber schwerlich in der Lage sein würde, das verlangte Froschvertilgungsgeschäft zu bewältigen. Aber dagegen opponierte der Obmann aufs heftigste: es hieße an den Grundfesten des Kreisorganismus rütteln, wenn man vom klaren Wortlaut proklamierter Gesetze auch nur um Haaresbreite abwiche.

Schließlich entschied Dr. Bürokratius: Der Gemeinde Klein-Niedermupkewitz wird hierdurch aufgegeben, ihren Bevölkerungsstand zu verdoppeln. Sobald sie die vorschriftsmäßige Zahl von 200 Köpfen erreicht haben wird, erhält sie einen kompletten Storch von Statuts wegen.

Da die Ortschaft über einen gesunden und kräftigen Menschenschlag verfügt, so wird sie — das darf man annehmen — die gestellte Aufgabe etwa bis zur Mitte des Jahrhunderts erfüllen können. Freilich wird sich die Zahl der Frösche bis dahin auf rund 17 Billionen erhöht haben; und zu deren Vertilgung werden dann mindestens drei Milliarden Störche erforderlich sein.

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