Die spanische Ministerkrise

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Die Presse (Wien), 17. Januar 1863

Aus Madrid hat der Telegraph uns heute die Nachricht gemeldet, daß die.Königin die Entlassung des Ministeriums O’Donnel-Collantes angenommen, aber den Chef des bisherigen Cabinets sogleich wieder mit der Bildung des neuen Ministeriums beauftragt habe. Nachdem die spanischen Cortes die Adresse mit einer Mehrheit von nahezu hundert Stimmen angenommen haben, hätte man alles eher als den Ausbruch einer Ministerkrise erwarten können. Aber Spanien ist das Land der Ueberraschungen, und die Dinge pflegen dort immer anders zu verlaufen, als es in anderen constitutionellen Ländern der Brauch ist. Die spanische Ministerkrise würde vielleicht kein besonderes Interesse in Anspruch nehmen, wenn es sich dabei nicht hauptsächlich um das napoleonische Frankreich handelte. Bei der Stimmung aber, welche gegenwärtig auf der iberischen Halbinsel bezüglich des Nachbarstaates herrscht, und bei dem scharfen antibonapartistischen Winde, der seit geraumer Zeit über die Pyrenäen herüberweht, ist diese Madrider Ministerkrise ein Ereigniß, das von sehr bedeutenden Folgen begleitet sein kann.

Ursache des gespannten Verhältnisses zwischen Madrid und Paris ist die mexicanische Expedition, welche von spanischen Staatsmännern ersonnen und angeregt wurde. Spanische Interessen waren dabei hauptsächlich im Spiele, denn Leben und Vermögen der in Mexico wohnenden Spanier, welche in diesem Lande noch immer von allen Europäern die hervorragendste Stellung einnehmen, war in Mexico am meisten gefährdet. Frankreich und England hatten im Vergleich mit Spanien in Mexico nur Lappalien zu reclamiren, griffen aber den Gedanken einer solchen Expedition begierig auf, hauptsächlich aus Eifersucht, denn Spanien wollte anfänglich allein 20,000 Mann nach Mexico schicken, und man glaubte in Paris und London, Grund zu haben, den spanischen Absichten zu mißtrauen. So wurde denn jener Londoner Vertrag geschlossen, welcher die mexicanische Expedition jedes Eroberung-Gedankens entkleidete, und durch die Betheiligung Frankreichs und Englands an derselben Spanien, das das Hauptcontingent stellte, gewissermaßen unter Curatel setzte. Die französischen und englischen Contingente waren so unbedeutend, daß es wirklich den Anschein hatte, als handelte es sich nur darum, die Spanier in Mexico zu überwachen. Der Verdacht war wohl begründet. Es ist bekannt, daß Prim von Cuba nach Sacrificios absegelte, ohne die Franzosen und Engländer, wie verabredet, zu erwarten, und daß gleich nach Ankunft der Franzosen zwischen diesen und General Prim der Streit begann. Prim war nicht zu halten, und nahm ganz die Haltung und Miene eines neuen Fernands Cortez an, der da kam, um als spanischer Vicekönig von Mexico Besitz zu nehmen. Als er indessen sah, daß die Franzosen und Engländer entschlossen waren, ihm das Spiel nöthigenfalls mit Gewalt zu verderben, zog er sich auf die Stipulationen des Londoner Vertrages zurück, und schloß unter scheinbarer Zustimmung der Franzosen mit Juarez die Convention von Soledad ab, mittelst welcher der schleunige Rückzug der Alliirten nach Europa herbeigeführt werden sollte. Prim ahnte offenbar, in welcher Absicht’die Franzosen mitgezogen waren, und nachdem man Spanien nicht gewähren lassen wollte, sollten auf diese Weise die geheimen Zwecke der Franzosen vereitelt werden. Prim vergaß, daß für den Beherrscher der Franzosen, welcher die Verfassung der französischen Republik in die Tasche steckte, und der sich durch den Züricher Vertrag nicht für gebunden erachtete, die Convention von Soledad kein ernstliches Hinderniß sein konnte. Während Prim in Orizaba mit Juarez pactirte, schickte Frankreich bereits Verstärkungen nach Mexico, erklärte der Moniteur die Convention von Soledad als der Ehre Frankreichs zuwider, für null und nichtig, und apostrophirte Kaiser Napoleon den spanischen Gesandten in Paris in einer Weise, daß man dem General Concha neulich im Senate den Vorwurf in das Angesicht schleuderte, er habe die spanische Ehre preisgegeben, als er nach dieser Apostrophe noch länger in Paris blieb. Als Prim sah, daß Frankreich sich den Gedanken angeeignet, der ihn nach Mexico führte, blieb ihm, wie er selbst im Senate erklärt hatte, keine Wahl, als entweder mit den Franzosen vorwärts zu gehen, was Spanien zum Werkzeug napoleonischer Zwecke erniedrigen hieß, oder sich den Franzosen in den Weg zu stellen, und sie an der Ausführung ihrer Plane gewaltsam zu verhindern, oder aber sich mit seinen Truppen nach Cuba zurückzuziehen. Prim wählte letzteres Auskunftsmittel als das wenigst bedenkliche, und kehrte unverrichteter Sache nach Madrid zurück.

Dies die Ursachen des spanisch-französischen Zerwürfnisses, und es war natürlich, daß sich der ganze Aerger der öffentlichen Meinung in Spanien bei der ersten Gelegenheit gegen das Ministerium wendete, welches dem altcastilischen Selbstgefühle eine so schwere Demüthigung bereitete. Spanien hatte einige Millionen Realen rein zum Fenster hinausgeworfen, seinem Heere war eine glänzende Gelegenheit entgangen, sich jenseits des Oceans zu erproben, alle mexicanischen Plane waren schmählich vereitelt, und was am schmerzlichsten berührte, ein Napoleonide hatte die spanische Nation beleidigt, indem er die von einem der populärsten spanischen Generale abgeschlossene Convention von Soledad für eine ehrlose Abmachung erklärte. Bei der Ädreßdebatte in den Cortes wurde das Ministerium in der heftigsten Heise wegen seiner mexicanischen Politik angegriffen, da es Spanien in die Lage gebracht, sein eigenes Interesse opfern zu müssen, wenn es nicht den Knecht fremder Interessen abgeben wollte, und der spanische Minister-Präsident O’Donnel, Herzog von Tetuan, wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er seinen Minister des Auswärtigen desavouirte, indem er das Verhalten Prim’s billigte, und die Argumente der Opposition als vollkommen, berechtigt anerkannte. Damit wendete O’Donnel zwar den Sturm von seinem Haupte, nicht aber von dem seiner Collegen ab. Die Stellung der der Hinneigung zu Frankreich verdächtigen Minister war unhaltbar geworden, und so kam es, daß das Ministerium sofort nach der Abstimmung über die Adresse, obgleich diese kein Tadelsvotum gegen dasselbe implicirte, seine Entlassung nahm und erhielt. Im Grunde ist diese Demission des Gesammt-MinisterimUs, nachdem O’Donnel mit der Bildung des neuen Ministeriums wieder beauftragt worden, nichts anderes als ein Manöver, den Minister des Auswärtigen, Herrn Collantes, zu opfern, der in den Augen der Spanier an allem Schuld sein soll, indem er eine von Spanien projectirte Expedition durch den Londoner Vertrag von vornherein ruinirte und Spanien dann noch engagirte, als kein Zweifel mehr darüber obwalten konnte, daß die Expedition nur mehr nicht spanischen Interessen und Candidaten Vortheil bringen werde.

Die Situation in Madrid ist nun die, daß in dem Augenblicke, wo die französische Diplomatie alle Hebel in Bewegung setzte, das Ministerium zu stürzen, welches das Verhalten Prim’s billigte, und ein den napoleonischen Wünschen entgegenkommendes Ministerium an das Ruder zu bringen, ein Ministerium ganz entgegengesetzter Färbung eingesetzt wird, und daß die spanische Regierung, um den Sturm der Entrüstung im Congreß und im Volke nur einigermaßen zu meistern, Frankreich gegenüber eine möglichst stramme Haltung anzunehmen gezwungen ist. War schon seit Wochen davon die Rede, der französische Gesandte in Madrid werde abberufen werden, so könnte diese Abberufung nun um so leichter erfolgen, als das Madrider Cabinet den abgetretenen Concha in Paris noch nicht ersetzt hat, und durchaus nicht in der Lage ist, denselben durch eine dem französischen Hofe sonderlich angenehme Persönlichkeit zu ersetzen. Die Ministerkrise in Madrid stellt sich also in den Augen Europas zunächst als eine sehr empfindliche Niederlage der französischen Politik dar, und der Kaiser der Franzosen handelte vorsichtig, wenn er in seiner Thronrede über diese gespannten Verhältnisse schwieg. Er weiß, was Spanien zu dem Sturze seines Onkels beigetragen, und hütet sich, den beleidigten spanischen Stolz durch ein Wort noch mehr gegen sich zu erbittern. Und doch waren es furchtbare Angriffe, die im spanischen Senate gegen ihn und Frankreich gerichtet wurden, und welche kaum hingenommen werden würden, wenn man in Mexico bereits einen Erfolg errungen hatte, und wenn ein feindliches Spanien vermöge seiner geographischen Lage in der französischen Flanke kein so gefährlicher Gegner wäre. Die Spannung zwischen Paris und Madrid tritt mit dem spanischen Ministerwechsel in eine bedenkliche Phase. Ein unwirsches Wort dies- oder jenseits der Pyrenäen, und das noch latente Zerwürfniß steigert sich zum offenen Conflicte.

Siehe auch: Die Bombardierung von Veracruz

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