Die katholische Kirche als Kinderräuber

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Die Presse (Wien), 18. Januar 1863

Wien, 17. Jänner.

Sowol uns als anderen Blättern ist vor einigen Tagen die Nachricht gemeldet worden, bei einer verwitweten israelitischen Dame in Verona sei unter Assistenz der Polizei ein Organ der katholischen Geistlichkeit erschienen, um dieselbe aufzufordern, ihr einziges Kind sofort der katholischen Kirche auszuliefern, da die im Hause Bedienstete christliche Magd gerichtlich die Erklärung abgegeben, daß sie vor mehreren Jahren das Kind in einer Kirche durch Besprengung mit Weihwasser getauft habe. Der Bericht fügte hinzu, die gewarnte Mutter habe ihr Kind, um es dieser unnatürlichen Entfremdung zu entziehen, noch rechtzeitig zu Verwandten in das Ausland geschickt. Wir haben diese Mittheilung vor einigen Tagen schon veröffentlicht, und dazu geschwiegen, weil wir hofften, die Sache werde von competenter Seite dementirt oder doch berichtigt werden. Nachdem jedoch nichts Derartiges erfolgt ist, und dieselbe Nachricht auch von anderen Blättern sogar mit Nennung des Namens der Mutter des Kindes als verbürgt mitgetheilt wird, ist es nicht mehr gestattet, daran zu zweifeln, wenn vielleicht auch das eine oder andere Detail, wir hegen diese Hoffnung noch, sich nachträglich als unrichtig herausstellen sollte.

Gesetzt nun den Fall, daß die Mutter des vor mehreren Jahren zufälligerweise von der Magd mit Weihwasser besprengten jüdischen Kindes nicht vor der ihr drohenden Gefahr gewarnt wurde; gesetzt den Fall, daß sie diese Warnung unbeachtet ließ, und daß sie ihr Kind nicht rechtzeitig in Sicherheit brachte, so wiederholte sich in Verona, auf österreichischem Gebiete der Fall, welcher 1858 sich in Bologna mit dem Sohne des Juden Mortara ereignet hatte. Das auf die Aussage einer Magd hin als nothgetauft betrachtete Kind würde in Verona von der Seite seiner jüdischen Mutter im Namen der katholischen Kirche weggerissen und fern von seinen Angehörigen auferzogen worden sein. Wie es von dem jungen Mortara zweifelhaft ist, ob er nach den ihm nun eingeprägten Leben bei erlangter Großjährigkeit der Stimme der Natur und dem Gebote aller Religionen: Du sollst Vater und Mutter ehren, jemals mehr Gehör geben und zu seiner Familie zurückkehren wird: so wäre auch in dem Falle von Verona mindestens die Möglichkeit gegeben gewesen, daß das seiner Mutter entfremdete Kind nicht nur von dem Glauben, dem es vermöge der willkürlichen Verfügung einer Magd einem katholischen Dogma zufolge angehört, sondern auch von der Kirche selbst buchstäblich mit Sequester belegt wurde. Wir discutiren nicht das Dogma, welches der katholischen Geistlichkeit das Recht einräumt, sich über das Gesetz der Natur und das erste der Menschenrechte hinwegzusetzen, aber wir dürfen nicht ermüden, auf die entsetzlichen Consequenzen hinzuweisen, von welchen die practische Durchführung dieses Dogmas begleitet sein kann. Im Zeitalter der Ausrottung der Albigenser, der Inquisition, der Bartholomäusnacht, im Zeitalter, wo Kaiser und Könige im Büßerhemde zu den Füßen der Päpste lagen, als die katholische Kirche als die einzig und allein berechtigte anerkannt war, stand ein Fall, wie der mit Mortara, und das, was neulich in Verona versucht worden sein soll, im Einklang mit der allgemeinen Richtung und mit der alles überragenden Stellung der Kirche, außerhalb welcher es nur Ketzer gab. Im Jahre 1863 aber, wo die Gleichberechtigung der Religionsbekenntnisse selbst tief unten in der Türkei Staatsgrundgesetz geworden, ist jeder Versuch, einen solchen Satz des canonischen Rechtes durchzuführen, ein Anachronismus und ein vernichtender Angriff auf die vom Staate seinen Bürgern garantirten Rechte. Wenn es wahr sein könnte, wie man gemeldet, daß die Auslieferung des Kindes in Verona von einem Organe der dortigen Geistlichkeit unter Assistenz der Polizei verlangt wurde, so wäre dies ein höchst bedenklicher Umstand, denn die weltliche Behörde würde in diesem Falle ihren Arm zur Vollstreckung einer kirchlichen Satzung geliehen haben, deren dogmatische Berechtigung nicht angefochten werden mag, deren practische Verwirklichung aber im grellsten Widersprüche selbst mit jenen Regierungsgrundsätzen stünde, welche, lange bevor Oesterreich ein Verfassungsstaat war, die Allerhöchste Sanction erhalten haben. Sollte es sich nichtsdestoweniger bestätigen, daß die Polizeibehörde in Verona bei der von der dortigen Geistlichkeit verlangten Auslieferung eines jüdischen Kindes assistiere, so kann diesem Beifahren nur ein bedauerlicher Irrthum zum Grunde liegen, und es kann im Interesse des constitutionellen Rufes Oesterreichs eine befriedigende Aufklärung dieses Irrthums nicht dringend genug gewünscht werden.

Wir unsererseits vermögen noch immer nicht zu glauben, daß in einer Stadt, in welcher Feldzeugmeister Ritter v. Benedek durch seine Anordnungen in Bezug auf die Religionsübung der israelitischen Soldaten in der unter seinem Commando stehenden Armee wiederholt gezeigt hat, daß die religiöse Gleichberechtigung eine Wahrheit ist, ein Fall wie der obenangeführte unter Assistenz der weltlichen Behörde sich ereignen konnte. Anerkennen wir den Grundsatz der Trennung der Kirche vom Staate, und wollen wir es gelten lassen, was neulich gelegentlich der Olmützer Excommunicationcn angeführt wurde, daß die Kirche auf ihrem Gebiete frei ist, und daß der Staat in Dinge nichts dreinspreche, die sich ohne sein Dazuthun vollziehen, so folgt daraus naturgemäß, daß die Kirche wol die Freiheit hat, Judenkinder, die von glaubenseifrigen Mägden vor mehreren Jahren insgeheim, und ohne daß die Kirche selbst davon eine Ahnung hatte, die Nothtaufe erhielten, für sich in Anspruch zu nehmen; aber sicherlich folgt daraus nicht, daß die Organe der constitutionellen Regierung irgendwie verpflichtet sind, derlei kirchlichen Anordnungen dadurch practische Wirksamkeit zu geben, daß sie zur Durchführung derselben ihren Arm leihen. Das dogmatische Recht der Kirche bleibe unbestritten, aber das des Staates nicht minder. Der Staat hat mit Satzungen nichts zu schaffen, die im Widerspruche stehen mit den Grundsätzen, auf welchen er selbst beruht, die von unseren Gesetzen nicht anerkannt sind, und gegen welche sich das Rechtsbewußtsein und die feinere Empfindung eines gebildeten Zeitalters aus tiefster Seele auflehnt.

Siehe auch: Als noch nicht die Rede von der christlich-jüdischen Kultur des Abendlandes war

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