Das neueste Stadium des Conflicts

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Die Presse (Wien), 18. Januar 1863

Berlin, 15. Jänner. [Orig.-Corr.] (Das neueste Stadium des Conflicts. Plane und keine Ausführung. Stellung der Altliberalen.) Der officielle Artikel des Staatsanzeiger gibt Zeugniß davon, welche ungewöhnliche Sensation die Eröffnungsrede des Präsidenten Grabow am maßgebenden Orte sowol wie in den ministeriellen Bureaux hervorgerufen hat. Herr v. Bismarck wurde gestern zur ungewöhnlichen Stunde ins Schloß befohlen, und wenn in der Umgebung desselben eine „Vertagung“ der Kammern erwartet wurde, so hat sich die Aussicht auf dieses oder auf ein weitergehendes Ereigniß nicht vermindert. Entweder war man gestern in dem Vorwand nicht einig, oder es wurde von bekannter Seite her Widerstand geleistet. Denn wir können der uns zugehenden Mittheilung kaum Glauben schenken, daß nämlich die Regierung der soeben in Frankfurt erfolgenden Entwicklung der deutschen Frage gegenüber die inneren Zwistigkeiten nicht bloßlegen wolle, und um die Hände frei zu haben, die Kammern vertagen wolle. So unverständlich und wenig staatsmännisch diese Politik Wäre, so ist doch Vieles bei uns möglich, was anderswo nicht denkbar. Der Regierung steht das Wasser bis zum Halse, und es würde selbst bis zu einem gewissen Grade erklärlich sein, wenn in der zwölften Stunde ein Coup nach „Außen“, d. h. in Deutschland, geführt würde.

Die Altliberalen gehen im Abgeordnetenhause mit gehobenen Köpfen umher. Es scheint, als wenn jeder von ihnen sagen wollte: Der Zeitpunkt zum Ergreifen des Staatsruders naht. Zwar stimmt diese Zuversicht wenig mit den Auflösungsgerüchten, aber es scheint, daß man in diesem Lager die Deroute schon kommen sieht. Es werden Winke an die Linke ertheilt, man will die „Einheit“ der liberalen Partei erhalten. Fortschrittspartei und Fraction Bockum-Dolffs machen sich anheischig, für die Altliberalen in den Commissionwahlen zu stimmen.

— 17. Jänner. (Aus der Kammer. Verurtheilung. Diplomatisches.) In der heutigen Sitzung des Hauses der Abgeordneten, in welcher nur die Minister Bodelschwingh und Eulenburg anwesend waren, erregte ein Schreiben des Pastors Gräser, worin er die Niederlegung seines Mandats meldet, großes Aufsehen. „Das Consistorium,“ heißt es in dem Schreiben, „erklärt, daß die Annahme eines Mandats mit den Pflichten des geistlichen Amtes im Widerspruch stehe.“ Immermann bemerkte darauf, er würde den Cultusminister, wenn er anwesend wäre, inne.Miren; er frage aber die anwesenden Minister, ob sie etwas von der Sache wüßten. Die Minister schweigen. Der Finanzminister legt das Budget für 1863 vor. Die Erhöhung der Einnahmen beträgt gegen das vorjährige Budget 900,000 Thaler, die Ausgaben-Ermäßigung 160,000 Thlr., das Deficit 2.100,000 Thlr. Sämmtliche Special-Etats sind in wenigen Tagen zu erwarten. Die nächste Sitzung ist unbestimmt.

Gegen den Artikel des Staatsanzeigers wird die Kammer nichts thun. — Die Fortschrittspartei und das linke Centrum beginnen morgen ihre gemeinsamen Berathungen. — Lassalle ist heute wegen des bekannten Vertrages im Handwerkerverein von der vierten Deputation des Stadtgerichtes unter Pielchen der Friedensstörung für schuldig befunden und zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt worden. In seiner sehr heftigen Verteidigungsrede wurde der Angeklagte vom Präsidenten mehrmals zur Ordnung gerufen und mit Entziehung des Wortes bedroht.

Abgeordneter Hoverbeck beabsichtigt die Einbringung des Antrages auf Versetzung der Minister in Anklagestand. — Eine Berliner Correspondenz der Br. Z. versichert, daß die Initiative zu einer Zusammenkunft Rechberg’s mit Bismarck von ersterem ergriffen wurde, und daß die Zusammenkunft nur unterblieb, weil schon anderweitig eine Verständigung angebahnt war. Ganz aus der Luft gegriffen sei somit das bezügliche Gerücht nicht gewesen.

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