Napoleon III. und Mexico

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Die Presse (Wien), 19. Januar 1863

Aus Vera-Cruz, 25. v. M., bringt der Telegraph heute die Nachricht, daß die französischen Truppen unter General Forey Puebla genommen haben, und in dieser Stadt Verstärkungen abwarten, um den Marsch gegen Mexico anzutreten. General Forey ist glücklicher gewesen als Lorencez, der vor Puebla mit seiner allerdings viermal kleineren Truppenmacht eine Niederlage erlitt. Mit der Einnahme von Puebla ist die französische Expedition im vollen Zuge, und wichtiger denn je ist die Beantwortung der Frage, was die Franzosen in Mexico denn eigentlich beabsichtigen. Die neueste französische Thronrede gab der Welt hierüber keinen Aufschluß, aber in dem jüngst dem gesetzgebenden Körper von Frankreich vorgelegten Gelbbuch finden wir ein Document mitgetheilt, welches allen Zweifeln ein Ende macht und beweist, daß es eine weitgreifende Unternehrung ist, welche Napoleon III. im Schilde führt. Das uns vorliegende Document ist ein Schreiben des Kaisers an General Forey, das wir seiner Wichtigkeit wegen hier wörtlich folgen lassen:

 „Fontainebleau, 3. Juli 1862.

Mein lieber General! In dem Augenblicke, wo Sie, mit politischen und militärischen Gewalten ausgerüstet, nach Mexico abreisen, halte ich es für nützlich, Sie wohl mit dem mich hiebei leitenden Gedanken vertraut zu machen. Folgendes Verhalten werden Sie zu beobachten haben: 1. Bei Ihrer Ankunft in Mexico erlassen Sie eine Proclamation, deren Grundideen Ihnen angedeutet worden; 2. alle Mexicaner, die Ihnen entgegenkommen, nehmen Sie mit dem größten Wohlwollen auf; 3. Sie dürfen sich dem Streite von keinerlei Partei anschließen; Sie erklären, daß altes provisorisch ist, solange die mexicanische Nation sich nicht ausgesprochen hat; Sie haben gegen Religion die größte Rücksicht zu beobachten, müssen jedoch gleichzeitig den Besitzern von Nationalgütern Beruhigung einflößen; 4. die mexicanischen Hilfstruppen werden Sie je nach Ihren Mitteln ernähren, bewaffnen und besolden und ihnen bei den Kämpfen die Hauptrolle überlassen; 5. unter Ihren Truppen, sowie bei den Bundesgenossen werden Sie die strengste Disciplin aufrechterhalten, jedes für die Mexicaner verletzende Wort oder jede derartige Handlung nachdrücklich bestrafen, denn der Stolz des mexicanischen Charakters muß wohl im Auge behalten werden, und für den Erfolg des Unternehmens ist es von der größten Wichtigkeit, vor allem sich den Geist der Bevölkerungen geneigt zu machen. Wenn wir nach Mexico gelangt sein werden, ist es wünschenswerth, daß die Notabilitäten aller Schattirungen, welche sich uns angeschlossen haben, sich mit Ihnen behufs Organisation einer provisorischen Regierung ins Einverständniß setzen. Diese Regierung wird dem mexicanischen Volke die Frage des definitiv einzuführenden politischen Regimes vorlegen, worauf nach den mexicanischen Gesetzen zur Wahl einer Versammlung zu schreiten ist. Sie werden der neuen Regierung behilflich sein, in die Verwaltung und insbesondere in die Finanzen jene Regelmäßigkeit zu bringen, deren bestes Vorbild Frankreich darbietet.

Zu diesem Zwecke wird man der neuen Regierung Männer schicken, welche die Fähigkeiten besitzen, ihr bei der neuen Organisation Hilfe zu leisten. Der zu erreichende Zweck besteht nicht darin, den Mexicanern eine ihnen antipathische Regieungsform aufzuerlegen, wol aber darin, ihnen behilflich zu sein bei ihren Austrengungen zur Errichtung einer ihrem Willen entsprechenden Regierung, welche Chancen des Bestandes darbietet und Frankreich Sicherheit für Erlangung der Genugthuung bietet, die es zu fordern hat. Es versteht sich von selbst, daß es, wenn die Mexikaner die Monarchie vorziehen, im Interesse Frankreichs liegt, sie in diesem Vorhaben zu bestärken.

Nicht wird es an Leuten fehlen, welche an Sie die Frage richten werden, weßhalb wir Menschen und Geld opfern, um in Mexico eine regelmäßige Regierung zu begründen. Bei dem jetzigen Stande der Civilisation in der Welt ist die Prosperität Amerikas für Europa nicht gleichgiltig; denn Amerika nährt unsere Fabriken und unterhält unsern Handel. Wir haben ein Interesse daran, daß die Republik der Vereinigten Staaten mächtig und blühend sei, aber wir haben gar kein Interesse, daß sie sich des ganzen Golfs von Mexico bemächtigt, von dort aus die Antillen und Südamerika beherrscht, und über die Producte der Neuen Welt die alleinige Verfügung in die Hände bekommt. Eine traurige Erfahrung belehrt uns heute, wie precär das Los unserer Industrie ist, so lange sie gezwungen ist, ihren Rohstoff von einem einzigen Markte, dessen Wechselfällen sie unterworfen bleibt, zu beziehen. Wenn aber Mexico im Gegentheile seine Unabhängigkeit beibehält und die Integrität seines Gebietes bewahrt, wenn dort mit der Hilfe Frankreichs eine stabile Regierung errichtet wird, so werden wir der lateinischen Race jenseits des Oceans, ihre Stärke und ihr Prestige wiedergegeben, so werden wir unsern und den spanischen Colonien in den Antillen ihre Sicherheit wieder gegeben, so werden wir unsern wohlthätigen Einfluß in Central-Amerika festgesetzt haben, und dieser Einfluß wird uns, indem er unserm Handel unermeßliche Absatzquellen eröffnet, die für unsere Industrie unerläßlichen Stoffe verschaffen.   as so regenerirte Mexico wird uns stets günstig bleiben, nicht nur aus Dankbarkeit, sondern auch weil seine Interessen mit den unsrigen übereinstimmen werden, und weil es in den guten Beziehungen mit den europäischen Regierungen einen Stützpunkt finden wird. Heute also macht es uns unsere militärische Ehre, das Bedürfniß unserer Politik, der Vortheile unserer Industrie und unseres Handels, kurz alles macht es uns zur Pflicht, gegen Mexico zu marschiren, dort kühn unsere Fahne aufzupflanzen, dort sei es eine Monarchie zu begründen, wenn dieselbe nicht unverträglich ist mit dem nationalen Gefühle des Landes, sei es wenigstens eine Regierung einzusetzen, welche einigen Bestand verspricht. Napoleon.“

Diese Instruction des Kaisers an General Forey enthält das ganze Geheimniß der mexicanischen Expedition, und man weiß jetzt genau, was diese Unternehmung bezweckt. Weder in der Alten noch in der Neuen Welt kann man nach Lesung dieses napoleonischen Schreibens mehr darüber in Zweifel sein, daß die 40,000 Mann starke französische Armee in Mexico die Aufgabe hat, dort nicht blos die Regierung des Präsidenten Juarez und die Republik zu stürzen, sondern, wenn irgendwie möglich, Mexico zu erobern oder wenigstens einen Zustand herbeizuführen, eine Regierung zu etabliren, welche Mexico direct oder indirect unter die Botmäßigkeit Frankreichs stellt. Wie in der Alten Welt, wie in Italien, im Orient, so tritt das napoleonische Frankreich jetzt in der Neuen Welt als der bewaffnete Apostel der lateinischen Race, als der Feind und Unterdrücker jener demokratischen Ordnung auf, deren eigentlicher Träger aus beiden Hemisphäre die germanische Race ist. Die Occupation Mexicos soll jenseits des Oceans das Seitenstück zur Occupation Roms bilden. Der Grundgedanke beider Occupationen ist einer und derselbe, hier wie dort Reaction gegen die Demokratie im Namen eines alle Schranken seiner Macht niederreißenden, alle Freiheit der Individuen zertretenden, alle Selbständigkeit der Nationen zerstampfenden Cäsarismus, welcher sich als den bewaffneten Sendboten der Civilisation geberdet.

Der Kaiser der Franzosen will also Mexico für Europa erobern, damit die Nordamerikaner nicht eines Tages den ganzen Golf von Mexico in Besitz nehmen, und von dortaus Südamerika und die von europäischen Mächten besessenen Antillen bedrohen. Im Grunde also handelt es sich darum, die Monroe-Doctrin mit Füßen zu treten und auf dem amerikanischen Continente Posto zu fassen, um über die Leiche der mexicanischen Unabhängigkeit hinweg den Aufschwung der Macht und Größe Nordamerikas aufzuhalten. Der innere Zusammenhang zwischen dem Schreiben des Kaisers an Forey und dem französischen Projecte einer Vermittlung zwischen dem Norden und Süden der nordamerikanischen Union auf Grundlage der definitiven Trennung derselben ist mit Händen zu greifen. Begründet die südliche Conföderation durch die sympathische Mitwirkung Frankreichs ihre Selbständigkeit, so hat Frankreich in Mexico freie Hand und braucht nicht zu fürchten, vom Norden her in seiner Etablirung in Mexico gestört zu werden. Die Niederlage der Demokratie des Nordens, die Zerreißung der Union, der Triumph der Sklaverei ist fürder die unerläßliche Bedingung des französischen Erfolges in Mexico.

In seinem Kerne ist das der Grundgedanke der napoleonischen Expedition. Das ist aber nicht Civilisation, sondern unzweideutige absolute Barbarei. Es ist übrigens reiner Hohn, von der Wiederherstellung der Macht und des Prestige der lateinischen Race in Mexico zu reden. Nichts als Fluch, Elend und Verderben hat die lateinische Race seit der Landung Cortez‘ über Mexico gebracht, und das Prestige, das dort die Spanier einst besaßen, wiederherstellen wollen, hieße ein System der Erpressungen, Aussaugung, Beraubung und Unterdrückung wiederherstellen, wie die Geschichte kein zweites kennt. Mexico unter dem Vorwande erobern, damit die europäische Fabrication andere Bezugsquellen für ihre Rohstoffe erhalte als die bisherigen, wie der Kaiser vorgibt, ist geradezu lächerlich. Frankreich, das in dreißig Jahren Algerien nicht in eine baumwollerzeugende Colonie zu verwandeln vermochte, wird auch aus Mexico trotz seines Reichthums an edlen Metallen keine einträgliche Colonie zu machen im Stande sein. Die ökonomische Motivirung der Expedition ist die allerschwächste Partie der napoleonischen Auseinandersetzung.

Daß England gegen diesen weitaussehenden napoleonischen Plan, dessen Gelingen die Zerstücklung und Schwächung der nordamerikanischen Republik zur Folge hätte, nichts einzuwenden hat, ist natürlich. Reussiren die Franzosen in Mexico, so haben sie für England die Kastanien aus dem Feuer geholt. Aber England hütet sich, bei der Expedition irgendwie mitzuwirken, denn in der That, das Spiel ist in hohem Grade gewagt. Wenn in Nordamerika die Sache der Union und der Sklaven-Emancipation schließlich dennoch den Sieg davonträgt, wozu trotz aller bisherigen Niederlagen der Unionstruppen doch noch Aussicht vorhanden ist, dann dürfte es das erste Geschäfts der Washingtoner Regierung sein, Frankreich im Namen des Grundsatzes, daß der amerikanische Kontinent den Amerikanern gehört, zur Räumung Mexicos aufzufordern und im Weigerungsfalle einen Theil seiner disponiblen Armeen zur Säuberung Mexicos von den europäischen Eindringlingen auszusenden.

Frankreich wird sich dann in der Alternative eines schmachvollen Rückzuges oder eines Krieges mit Amerika befinden. Da der Kaiser der Franzosen diese Expedition im Namen des Prestige der lateinischen Race unternommen, so wird es dann ganz natürlich sein, wenn die germanische Race dies- und jenseits des Oceans ihm von ganzem Herzen die Niederlage wünscht.

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