Rekrutierung in Polen und Sklavenjagden in Westafrika

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Die Presse (Wien), 22. Januar 1863

Wien , 21. Jänner.

Wenn an der westafrikanischen Küste Sklavenkäufer aus Amerika angesagt sind, pflegt der König von Dahomey eine Jagd zu veranstalten. Das Wild, das er einfängt sind Menschen schwarzer Farbe, seine eigenen Unterthanen. An der Spitze bewaffneter Schaaren stürzt er über die fliehenden Neger her, und den jüngsten, robustesten von ihnen werden die Schlingen über den Kopf geworfen. Hat dieser wilde afrikanische König soviel Opfer zusammmgefangen, als mit dem Sklavenhändler bedungen worden, so wird den Sklaven, damit sie auf dem Wege bis zur Küste nicht mehr entfliehen können, die Sprungsehne des rechten Fußes durchschnitten, und in diesem Zustande der Wehrlosigkeit, mit auf den Rücken gebundenen Händen wird die menschliche Waare an den Sklavenfährer gegen klingende Münze abgeliefert. Was wir über die Vorgänge vernehmen, deren Schauplatz seit einigen Tagen, das Königreich Polen ist, erinnert uns unwillkürlich au die Negerhetze des Königs von Dahomey. Unter dem Namen und Vorwande einer Recrutirung findet dort eine Menschenjagd statt, nur mit dem Unterschiede, daß es Weiße, civilisirte Menschen sind, die im Königreich Polen von den Organen der russischen Regierung eingefangen werden.

Der Mann, welcher im Königreich Polen an der Spitze der Regierung steht, derselbe Marquis Wielopolski, den neulich die Revue des deux Mondes als den Regenerator Polens charakterisirt, soll die Aeußerung gethan haben, daß zur Besänftigung der Aufregung des Landes eine „Recrutirung“ dringend nöthig sei. Die russische Regierung ließ sich dies, wie es scheint, nicht zweimal sagen, und die Anwesenheit des Großfürsten Konstantin, Namiestiks des Königreichs, in Petersburg wurde dazu ausersehen, diese „Recrutirung“ ins Werk zu setzen. Ein Telegramm von der polnischen Grenze wußte uns vor zwei Tageu zu melden, daß die Operation in größter Ruhe vor sich ging, und nach diesem Telegramme konnte die Welt einen Augenblick glauben, die Autorität der russischen Regierung habe ohne Anwendung von Zwangsmitteln einen großen Sieg errungen. Aber die Aufklärung folgte dieser Meldung auf dem Fuße, und was wir über den Anfang der am 15. d. in Warschau begonnenen Recrutirung aus Privatbriefen und Zeitungen erfahren, ist selbst nach Abschlag aller Uebertreibungen noch furchtbar genug, um das Entsetzen der gebildeten Welt zu erregen. Nicht in den Formen civilisirter Staaten bewegt sich die russische Recrutirung im Königreich Polen, nicht eine einfache Assentirungs-Maßregel, sondern ein allgemeines gewaltthätiges Soldatenpressen ist es, das man vornimmt, nicht um Soldaten zu bekommen, sondern um politisch verdächtige Personen einzufangen und in die Strafcompagnien nach Orenburg und im Kaukasus zu stecken.

In der Nacht vom 15. wurde von den russischen Truppen um Warschau ein undurchdringlicher Cordon gezogen, worauf die Recrutirung begann. Um Mitternacht wurde, was sich in denStraßen noch blicken ließ, verhaftet, und dann zur Durchsuchung von Haus zu Haus geschritten. Kein Haus blieb verschont, jedes stellte sein Contingent, Jünglinge und Männer, Arbeiter, Handwerker, Studenten nahm man fest ohne Rücksicht auf die Familien, und wenn zufällig die eine oder andere gesuchte Person nicht gefunden wurde, nahm man den Vater oder Bruder als Geißel mit. Die Citadelle von Warschau wurde auf diese Weise mit „Recruten“ gefüllt, und wie verlautet, wurde diese neue Art von Recrutirung in der Nacht vom 16. in dem vor Schrecken stummen Warschau fortgesetzt. Es handelt sich aber hier nicht um eine Maßregel, welche auf die Hauptstadt des Landes beschränkt bleibt. Die russische Regierung hat alle Anstalten getroffen, um im ganzen Lande in gleicher Weise zu „recrutiren“, und scheint entschlossen, jeden Versuch eines Widerstandes in der schonungslosesten Weise zu erdrücken. Von einer Regelmäßigkeit der Abstellung ist bei diesem Verfahren keine Rede; man fängt so viel Personen ein, als nur möglich ist, denn nicht um Soldaten handelt es sich, sondern um Erzeugung eines heilsamen Schreckens und um die Entfernung politisch Verdächtiger aus dem Lande. Daß ist die Methode, mittelst welcher der Panslavismus der russischen Regierung Polen zu beruhigen und zu regeneriren gedenkt. „Mit blutendem Herzen,“ schreibt man dem in Krakau erscheinenden Czas, „mit Thränen in den Augen blickt die Bevölkerung auf den in geheimnißvoller Stille vollzogenen Raub ihrer Brüder, und diese in ihren Folgen ebenso grausame als gewissenlose Recrutirung wird als die schrecklichste Verfolgung betrachtet, die das polnische Volk von Rußland je erduldet hat.“

Die heutige russische Regierung liebt es, sich der Welt als liberal und human darzustellen, und ein großer Theil der europäischen Presse kommt ihr bei diesem Bestreben, bereitwilligst entgegen. Wenn nur ein kleiner Theil dessen wahr ist, was über ihre „Recrutirung“ in Polen verlautet, so straft sie damit alles Lügen, was der Welt seit Jahren über russische Reformen erzählt wird. Das Regime des Kaisers Nikolaus gab sich offen und gerade als unbeugsamen Absolutismus, und man erwartete von ihm nichts anderes als Handlungen der rücksichtslosesten Gewalt. Die Heuchelei des Liberalismus, in der sich die heutige russische Regierung so wohl gefällt, ist es gerade, welche solche Rückfälle in eine selbst unter Nikolaus vermiedene Barbarei doppelt schrecklich erscheinen läßt, und wenn man uns in Hinkunft von den russischen Reformen und der in diesem Lande herrschenden Menschlichkeit erzählen wird, werden wir auf diese Recrutirung in Polen verweisen können. Und ein Regime, welches sich mitten im Frieden, ohne besondere Veranlassung zu Gewaltmaßregeln hinreißen läßt, die man in diesem Jahrhunderte nicht mehr für möglich gehalten hätte, wagt es, als Ankläger der Pforte, als Anwalt der von den Türken unterdrückten orientalischen Christen aufzutreten? Wann ist seit einem halben Jahrhundert bei den Türken der Christ in solcher Weise gebrandschatzt und niedergetreten worden, wie dies mit den katholischen Polen des orthodoxen Rußlands der Fall ist? Aber was nützt es, über solche Anomalien in Entrüstung zu gerathen, die Welt ändert deshalb ihren Lauf nicht, und die politische Heuchelei scheint berufen, den hervorragendsten Charakterzug dieser an traurigen Enttäuschungen so reichen zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts zu sein. Das Nationalitäten zerfleischende Rußland, dessen Staatsprincip die Rechtlosigkeit und Verfolgung Andersgläubiger ist, darf der toleranten Türkei gegenüber sich als der Hort der Menschenrechte und der Religionsfreiheit, das napoleonische Kaiserreich darf dem constitutionellen Europa gegenüber sich als der Apostel der Völkerfreiheit geberden, ohne daß sich dem schnatternden Chor der auf russische und französische Civilisation versessenen europäischen Presse ein Schrei brandmarkender Entrüstung entringt. Und doch sind es dieselben, die Menschenjagd in Polen und die Niedertretung jedweder Freiheit in Frankreich todtschweigenden Organe, welche mit ihrem ekelhaft heuchlerischen Jammer über die Gräuel des amerikanischen Bürgerkrieges die Luft erschüttern, und im Eifer ihrer civilisatorische Politik auf dem Punkte angekommen sind, in diesem eine sociale Revolution vollziehenden amerikanischen Kriege Partei zu ergreifen für die baumwollerzeugende Aristokratie der nordamerikanischen Sklavenbesitzer.

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