Der Aufstand in Polen

Dieser Artikel wurde 1317 mal gelesen.

Die Presse (Wien), 26. Januar 1863

Es kennzeichnet die Wahrheitsliebe der russischen Regierung, daß sie zwei Tage vor Ausbruch der Volksempörung in Warschau in ihrem amtlichen Organe, dem Dziennik Powszechny, vom 20. d. einen Artikel publiciren ließ, worin Mittheilung von dem vortrefflichen Fortgang der „Recrutirung“ in Warschau gemacht, die Energie der Beamten, die „gute Haltung“ der Bevölkerung, der „gute Wille der Militärpflichtigen“ bei ihrer Gestellung belobt und der freiwillige Eintritt mehrerer Nichtverpflichteter hervorgehoben wurde. Vom 15. Jänner an wurden allmälig unter dem Vorwande einer Recrutirung die politisch Verdächtigen ohne Unterschied des Alters und der Stellung nächtlicherweise zu Tausenden aus den Häusern geholt, und ebenso viele Tausende hatten die mit Schrecken erfüllte Stadt verlassen, um sich in den Wäldern zu verbergen, wo sie von KosakenpiketS gehetzt und zusammengefangen wurden, und das Organ der russischen Regierung in der offenkundigen Absicht, Europa Sand in die Augen zu streuen, wagt es, von der „guten Haltung“ der Bevölkerung zu reden.

Die neuesten Nachrichten aus Petersburg bilden den Commentar zu der schönfärberischen Auseinandersetzung des Warschauer Dziennik vom 20. d.: Die Bevölkerung von Warschau und an anderen Orten des Königreiches, ja einzelner Orte Litthauens hat sich erhoben, mehrere Zusammenstöße zwischen Truppen und Insurgenten haben stattgefunden, und die russische Regierung sieht sich gezwungen, nicht den theilweise aufgehobenen Kriegszustand, sondern das Standrecht mit allen seinen blutigen Gräueln über das ganze Land zu verhängen. So gibt die russische Regierung durch ihre eigenen Maßregeln Zeugniß von der „guten Haltung“ und von dem „guten Willen“ der unter ihrer „väterlichen“ Herrschaft stehenden polnischen Bevölkerung.

Die Nachrichten aus Petersburg über die im Königreich Polen ausgebrochene Insurrection sind mit der größten Vorsicht aufzunehmen. Es liegt nur zu sehr im Interesse der russischen Regierung, die polnischen Aufständischen im Lichte von Kannibalen erscheinen zu lassen und die Bedeutung des Aufstandes zu übertreiben, damit zwischen dem Thatbestande und den Furchtbarkeiten der Repression der Unterschied nachträglich nicht so grell hervortrete. Die Frage, ob die „Recrutirung“ nicht deshalb mit solch äußerster Strenge durchgeführt wurde, weil die Regierung Kunde davon hatte, daß sich im Königreiche etwas vorbereite, oder ob umgekehrt der Aufstand durch die Recrutirung hervorgerufen würde, läßt sich noch nicht mit Bestimmtheit beantworten. Mannichfache Erscheinungen gestatten die Annahme, daß Recrutirung und Aufstand einander wechselseitig bedingen. Aus Rom schrieb man dem Czas schon vor zehn Tagen, daß sowol die dortige russische Gesandtschaft, als auch die russischen Gesandten an anderen Höfen, von Petersburg aus die Weisung erhielten, die betreffenden Mächte von dem Bevorstehen einer bewaffneten Bewegung im Königreich Polen in Kenntniß zu setzen.

Die Besatzung von Warschau bestand am 13. d. angeblich noch aus nicht mehr als drei Garde- und vier Linien-Regimentern, etwa 25,000 Mann. Kurz vor Beginn der Hetze marschirten weitere 15,000 Mann in Warschau ein und traf man alle Anstalten, etwaige Unruhen mit Gewalt zu unterdrücken. Andererseits läßt die Gleichzeitigkeit der Erhebung auf verschiedenen Punkten des Landes und das Auftauchen von Insurgentenschaaren auf dem linken und rechten Weichsel-Ufer annehmen, daß die Insurrection nicht ohne innere Organisation vor sich geht. In Warschau stürzte man sich, wie es scheint, auf die einzelnen Truppentheile, welche nach dem gemeinschaftlichen Sammelplatz marschirten, und es setzte ein förmliches Gemetzel ab. Die Insurgenten müßten bewaffnet und mit Munition versehen gewesen sein, weil es sonst wol nicht möglich wäre, daß das Petersburger Telegramm von ernsten Gefechten bei Plock, Plonsk, Radzin, Siedlec spricht; überdies bewies auch die Niederbrennung ganzer Dörfer durch die Insurgenten die Planmäßigkeit der Bewegung. In Berichten preußischer Blätter aus Posen spukt das Gerücht von der Anwesenheit Mieroslawski’s. Das Gerücht, daß achthundert Mann polnische Flüchtlinge bei Skalat auf österreichisches Gebiet übergetreten sind und gastliche Aufnahme gefunden, wird heute vom Telegraphen dementirt. Die Stellung der österreichischen Regierungs-Organe an der polnisch-russischen Grenze ist eine äußerst delicate; aber es ist zu erwarten, daß sie durch ihr Verhalten nicht nur den Rücksichten der Menschlichkeit Rechnung tragen, sondern auch den Unterschied zwischen österreichischem und russischem Regime scharf zu markiren verstehen werden. — —

So stellen sich die Dinge nach den uns bis zur Stunde (1 Uhr Nachmittags) vorgelegenen Nachrichten dar. Soeben erhalten wir den Krakauer Czas und anderweitige Nachrichten, welche den Ernst und Umfang der Vorgänge in Warschau selbst sowol als im Lande auf ein sehr bescheidenes Maß reduciren, und denen zufolge das Petersburger Telegramm vom 25. d. einfach Dinge berichten würde, die sich gar nicht ereignet haben.

Der Czas bemerkt zu.dem gestern mitgetheilten Telegramme über den Aufstand in Polen Folgendes: Diese Nachrichten seien übertrieben und falsch. Keinen Aufstand, sondern einen passiven Widerstand haben die in zwei Haufen aus Warschau entkommenen Proscribirten in den Wäldern der Umgegend versucht.“

Ueber die Bewegung selbst bringt der Czas folgende Daten: Die eine Schaar von Flüchtlingen hat sich auf der Kampinower Halde am linken Weichsel-Ufer gesammelt, sie dürfte 500 Mann stark sein. Gegen diese marschirt das Militär von vier Seiten an, von Warschau, Blonic, Sochaczew und Isow, und treibt die Flüchtigen gegen Zakroczym. Oberst Bremsen leitet die Expedition, und seine Absicht scheint zu sein, sie bis zur Festung Midling zu drängen, um sie dann von zwei Seiten anzugreifen.

Die zweite Abtheilung.der Flüchtlillge verließ Warschau über Praga, und hat sich in der Gegend von Sierock am rechten Weichsel-Ufer zusammengeschaart. Gegen diese ist von Warschau und Modlin zugleich Militär aufmarschirt. —

Die Scharf’sche Correspondenz theilt uns die folgende Note mit, für deren Angaben wir derselben natürlich alle Verantwortung überlassen. Die S. C. schreibt:

„Nach allen einlangenden Nachrichten, die uns von bestunterrichteter Seite zugehen, erscheint die ganze Schreckensgsschichte einer in Polen ausgebrochenen Revolution als ein reines Manöver seitens der russischen Regierung. Die in den heutigen Telegrammen mitgetheilten Nachrichten, deren russischer Ursprung zweifellos ist, können wir in einigen ihrer Hauptpunkte thatsächlich widerlegen. Daß die Warschauer Eisenbahn zerstört wäre, ist völlig unwahr, wie aus der Thatsache hervorgeht, daß wir im Besitze von Briefen sind, die den Poststempel Warschau den 24. Jänner tragen und heute Morgens hier eingetroffen sind.

Diese Briefe, die aus gänzlich unverfänglicher Quelle stammen und die Warschauer Tagesereignisse bis inclusive 23. d. M. Abends in der detaillirtesten Weise besprechen, wissen nicht nur kein Wort von den Gräueln einer angeblichen „Bartholomäusnacht“, die laut dem heutigen Petersburger Telegramme in der Nacht vom 22. zum 23. d. stattgefunden haben sollen, sondern constatiren vielmehr ausdrücklich, daß in der Stadt die größte Ruhe herrsche.

Ueberdies hat ein achtbares hiesiges Handlungshaus eine telegraphische Depesche, die in Warschau Freitag den 23. d. Abends aufgegeben wurde, und von der vorausgegangenen „Bartholomäusnacht“ gleichfalls keine Sylbe meldet — dagegen von geschäftlichen Dingen in der harmlosesten Weise berichtet.

Nach diesen Daten, für deren Authenticität wir einstehen, dürfte sich die ganze polnische Revolution, die mit so viel Eclat gerade von russischer Seite aus in die Welt hinausposaunt wird, auf den mehr oder weniger blutigen Widerstand beschränken, den einige hundert Recrutirungs-Flüchtlinge in ihrer Verzweiflung den sie einfangenden Kosaken gegenüber leisten.“

Siehe auch:

Dieser Beitrag wurde unter 1863, Geschichte, Militarismus, Polen, Rußland veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar