Nachrichten aus Polen

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Die Presse (Wien), 27. Januar 1863

Wien, 27. Jänner.

Fünf Tage sind seit der aus Petersburg signalisirten polnischen Vesper verstrichen, zahlreiche Briefe aus Warschau vom 24. und 25. d. liegen vor, aber keiner sagt ein Wort von einer außerordentlichen Bewegung, deren Schauplatz die Hauptstadt des Königreichs Polen in der Nacht vom 22. auf den 23. gewesen ist. Etwas muß wol vorgefallen sein; wie groß aber der Umfang der nun wieder unterdrückten Insurrection war, darüber fehlen alle Details. Der heute eingetroffenen, gestern Nachmittags erschienenen Schlesischen Zeitung entnehmen wir Folgendes: „In Warschau und überhaupt in Polen haben die Unruhen einen sehr ernsten Charakter angenommen. Factisch ist, daß die Telegraphenleitung zwischen Kattowitz und Sosnowice, der ersten polnischen Grenzstation, zerstört und auch die Schienen dort an verschiedenen Stellen von den Insurgenten aufgerissen sind. Wie es heißt, schießen sie Jeden nieder, welcher es wagt, beim Legen neuer Geleise behilflich zu sein. Für das Aufhören des Eisenbahnverkehrs zwischen den beiden Stationen spricht, daß die Warschauer Post vom Samstag Abends anstatt, wie sonst immer, am anderen Tage Früh mit dem Myslowitzer Personenzage anzukommen, erst gestern Mittags mit dem oberschlesischen Zuge hier eingetroffen, also wahrscheinlich zum Theil per Achse befördert worden ist, und die gestrige Warschauer Post noch ganz fehlt, da sie ebenfalls mit dem erwähnten Güterzuge heute nicht nachgekommen ist. Der Güterverkehr nach Warschau hat eine vollständige Unterbrechung erlitten und wird preußischerseits augenblicklich kein Frachtgut auf dieser Strecke befördert. Wie es heißt, stehen 3000 Insurgenten unweit der preußischen Grenze, und soll es bereits zu einem Gefecht mit den kaiserlichen Truppen gekommen sein, wobei das Militär den Kürzern gezogen hat, und zwei Stabsofficiere und 90 Mann verwundet worden sind. Man spricht außerdem von 30 Todten. Die Banden sollen wohlbewaffnet sein. Heute Früh sollten mit dem Schnellzuge alle hier nur irgendwie disponiblen Gendarmen an die Polnische Grenze abgehen, um die Sicherheit diesseits zu unterstützen.“

Die von der „General-Correspondenz“ behauptete Verkehrsstörung zwischen Krakau und Warschau hat nicht stattgefunden. Ein von der österreichischen Einbruchsstation Szezakowa, 26. d. 6 Uhr datirtes Telegramm der Sch. C. constatirt, daß zwar die von Warschau kommenden Züge sich verspätet haben, der Verkehr als solcher jedoch keine Unterbrechung erlitt. In Folge verfehlten Anschlusses an den österreichischen Zug ist die gestern fällig gewesene Warschauer Post erst mit dem heutigen Frühzuge hier angelangt. Derlei Verspätungen aber sind in der gegenwärtigen Jahreszeit in Folge der Witterungs-Verhältnisse nichts Seltenes.

Bis inclusive 24. d. Abends reichende, der Sch. C. zugekommene Privatbriefe aus Warschau beschränken sich auf die Constatirung der in der Stadt herrschenden Ruhe, und enthalten nicht die geringste Andeutung über außerordentliche Vorkommnisse.

Was die unterbrochene telegraphische Verbindung betrifft, so versichert dieselbe Correspondenz, daß dieselbe einfach durch die russische Regierung beliebt wurde, indem sie ihre Linien dem privaten Verkehre eigenmächtig verschließt. Schon Sonntag Nachmittags wurden sämmtliche auswärtige Telegraphenämter durch das Petersburger Telegraphenamt verständigt, daß der Verkehr auf den aus dem Auslande nach Polen führenden Telegraphen-Linien unmöglich sei.

Die Nachricht von dem Uebertritt von 800 polnischen Flüchtlingen bei Skalat auf österreichisches Gebiet ist gestern vom Lemberger Telegraphen dementirt worden. Die Mgp. glaubt auf Grund von Privatberichten, trotz dieses Dementis, versichern zu können, daß wirklich bei Skalat zahlreiche Flüchtlinge, aus Podolien kommend, unsere Grenze überschritten und dem ersten Berichte entsprechend eine gastfreundliche Aufnahme gefunden haben.

Die Bresl. Ztg. hat erst Warschauer Briefe vom 22., also von dem Tage vor Ausbruch des angeblichen Ausstandes. Dieselben theilen nur verschiedene Gerüchte mit über das Sammeln der zur Aushebung Bestimmten an verschiedenen Orten, und es heißt darin: „Gegen die Versammelten bei Kampinos ist der General-Lieutenant Bremse, derselbe, welcher Jaroszinski ergriffen, als er auf den Großfürsten schoß, mit Militär ausgezogen, indem er es übernahm, ohne Blutvergießen die Verschwörer auseinander zu bringen, oder zu fangen. Ein dichter Cordon von Kosaken umgibt den Sammelplatz in einer Entfernung von ein paar Meilen, so daß die Zuzügler, das Durchdringen unmöglich findend, wieder heimlich umkehren oder aufgegriffen werden. Von den innerhalb des Cordons befindlichen Verschwornen werden diejenigen, welche des Kampfes mit Mangel aller Art müde, sich wegzuschleichen suchen, einzeln oder gruppenweise aufgefischt und nach der Festung Modlin abgeführt. Natürlich wird das wahnsinnige Unternehmen der vom Revolution-Comité zum offenen Widerstand angestachelten Jugend bald endigen, wenn auch vielleicht noch in anderen Gegenden des Landes derartiger Widerstand, vorkommen sollte.“

Aus Posen meldet die Pos.-Ztg. unterm 25. Jänner: „Heute Nachts um 12 Uhr fand eine Allarmirung des Militärs statt. Vor der Hauptwache war etwa ein Bataillon Infanterie aufgestellt.“ — Die ebenfalls in Posen erscheinende Ostd. Z. meldet unterm 25. Jänner: „Wie wir hören, waren in verflossener Nacht zwei Compagnien Infanterie bei der Hauptwache zum Patrouilliren consignirt, sowie der Wilhelmsplatz von einigen Batterien und entsprechender Cavallerie besetzt.“ — Als Ursache hiezu werden von beiden Blättern die beunruhigenden Nachrichten aus Polen angegeben.

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