Der letzte Schneesturm in den Alpen

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Lokomotive an der Oder, 29. Januar 1863

Seit dem Jahre 1808 ist ein Unwetter, wie in den ersten Tagen dieses Monates, nicht mehr in der Schweiz beobachtet worden; nach Ausdehnung und Dauer aber, sammt demselben überhaupt keines gleich, denn vom 6. bis zum 17. Januar fiel in den Alpen und an den südlichen Abhängen dieser Riesenberge eine so ungeheure Masse Schnee, daß gewölbte Gebäude von der Last zusammengedruckt wurden; den Einsturz des Kirchengewölbes von Locarno in der wälschen Schweiz (am 11. Januar) haben wir schon früher erwähnt; die unerhörte Masse Schnee drückte das Dach nieder und das einstürzende Gewölbe erschlug 39 Kirchgänger fast im Augenblick. Am 17. Januar drückte das Gewicht des gefallenen Schnees zwei Drittel der großen Wein-Verkaufshalle in Florenz ein.

Das Unwetter begann in der Nacht vom 5. zum 6. Januar, wo ein wilder Föhn (Südwind) hohl über die ganze Schweiz wegbrauste; am 6. hatte ein grauer, feuchtwarmer Nebel Berg und Thal dicht umhüllt; über die Höhen brauste der Sturm fort, dabei fiel aber eine unerhörte Masse Schnee in dichten großen Flocken, Am Abend des 6. Januar hatte der Sturm die Telegraphenstangen und andre Marken zur Bezeichnung der Alpenübergänge weggerissen und — was seit vielen Jahren nicht vorgekommen war — die Uebergänge aus der Schweiz nach Italien waren nicht nur unfahrbar, sondern sie waren vollkommen unkenntlich geworden. Diese Uebergänge, der Simplon-, der Gotthard-, Splügen-, Bernhardin- und Julier-Paß, von denen der letztere nie unfahrbar wurde, waren durch Schneeflächen von 6 bis 10 Fuß Tiefe versperrt. Nachrichten sind von allen diesen Gebirgspässen eingetroffen und jetzt sind wahrscheinlich alle wieder eröffnet, das genauste aber haben wir über den Splügener Paß erfahren. Von der italienischen Seite her war hier der Conducteur Decasper mit der Post, mehren Passagieren und einem Maulthierzuge am 6. Januar bis zur Höhe von Campo dolcino, dem letzten italienischen Dorfe, vorgedrungen. Hier wurde nun das Wetter so entsetzlich, der Schneefall so dicht und das Herabstürzen von Lawinen so zahlreich, daß ein weiteres Vordringen unmöglich war. Decasper, ein sehr kräftiger und muthiger Mann, versuchte am 7. und 8. Januar, wenn das Unwetter auf kurze Zeit nachließ, entweder den Hinweg nach Chiavenna einzuschlagen oder über den Berg nach Splügen vorzudringen. Beides erwies sich als unmöglich. Die Bewohner des Dorfes leisteten dabei jeden möglichen Beistand, denn ihre Brodvorräthe waren am 9. Januar aufgezehrt und der Mehlvorrath nahm bedenklich ab.

Ein zweiter Conducteur, Namens Fry, der unter Allen Weg und Steg bei diesem Alpenübergänge am besten kannte und der ein unermüdlicher Fußgänger war, versuchte nun am 10. Januar ein weiteres Vordringen. Der Sturm hatte etwas nachgelassen und Fry traf auch die Richtung des Weges, die er freilich nur instinktmäßig errathen mußte, da nach seiner eigenen Aussage, der Berg das Ansehen eines einzigen ungeheuren Schneeballes hatte und alle Wegmarken zerstört waren, dabei aber immer noch mehr Schnee fiel, so daß eine freie Umschau unmöglich war. Als er an den reißenden Bergbach Cencio kam, hatte er doch die Brücke verfehlt und mußte brusttief denselben durchwaten, nichts desto weniger drang er fast bis zur vollen Höhe des Passes nach Pianazzi vor, wo die italienische Grenze und Grenz-Zollstätte (Dogana) ist, doch hier waren seine Kräfte erschöpft und er mußte hier liegen bleiben.

Endlich am 13. Januar trat das erste Mal klares, heiteres Wetter in Campo dolcino ein; früh 8 Uhr brach Decasper aus diesem Dorfe auf und unterstützt von 12 Mann, versuchte er das Postfelleisen nach Splügen über den Berg zu bringen. Unmittelbar hinter dem Dorfe lag der Schnee 10 bis 12 Fuß tief; nur dadurch, daß alle diese Männer mit jeder Stelle des Weges vollkommen vertraut waren, so daß sie die höheren Ränder, wo der Sturm den den Schnee fortgeweht hatte, zu ihrem Wege benutzten, gelang es ihnen, bis 2 Uhr Nachmittags die Höhe des Passes zu erreichen. Hier fanden sie nun zu ihrer unaussprechlichen Freude einen schmalen Pfad, der nach Splügen führte. Der Schweizer Ingenieur Simonetti hatte nämlich mit 70 Bergleuten von Splügen aus versucht, so bald das Wetter nur überhaupt es möglich machte, einen schmalen Pfad von der Höhe des Passes bis zu diesem Dorfe frei zu erhalten. Der immer wieder fallende Schnee hatte das Arbeiten mit Schaufeln als vergeblich gezeigt, daher entschlossen sich die Leute in Trupps getheilt, einer hinter dem andern drei Tage und drei Nächte lang einen schmalen Fußweg bis zur Höhe durchzutreten.

Den Paß über den Bernhardin hatte an demselben 13. Januar der Conducteur Meuli unter beständiger Lebensgefahr überschritten; da nun Decasper wie Meuli die Nachricht nach Graubündten brachten, daß auf der italienischen Seite lange Züge mit Seide, Baumwolle, Früchten, Wein und andern Gütern lägen, so arbeitete die ganze Bevölkerung von Tessin, Schams und« Rheinwald seit dem 13. an Wiederherstellung der Straßen und am 16. Abends waren der Bernbardin- und Splügen-Paß für Schlitten wieder fahrbar geworden. — Von der Masse des gefallenen Schnee’s nur einige Beispiele; das Hotel neben dem Badehaus auf der Höhe der Bernhardin-Passes stand bis an den 16 Fuß über den Boden erhöhten Balkon in einer undurchdringlichen Schneewand, so daß der Besitzer das Eisengitter abnehmen ließ und vom Balkon aus über den Schnee die Verbindung beider Baulichkeiten wieder herstellte. — In Campo dolcino sollten 2 Schwestern (Mädchen von 18 und 21 Jahren) am 7. Januar begraben werden; es wurde diß unmöglich, weil die Gräber sich so schnell mit dichtem Schnee füllten und der ganze Kirchhof so rasch in eine 4-6 Fuß tiefe Schneefläche verwandelt wurde, daß man die Stelle der Gräber 4 Tage lang nicht wiederfand. — Daß bei einem so unerhörten Schneefalle durch Lawinen herbeigeführtes Unglück nicht ausblieb, war unvermeidlich; am 14. Januar begrub eine Riesen-Lawine 23 Arbeiter, welche die Bahn am St. Gotthard-Passe ausschaufelten, der berggroße Schneeball riß sie mit sich über die Straßenbrüstung hinweg und rollte sie in tiefe Abgründe hinab. Am 18. Januar wurde das Dorf Domodossola von einer aus 2000 Fuß Höhe herabrollenden Lawine verschüttet und im eigentlichen Sinne zermalmt, da mächtige Felsblöcke in die Schneemassen eingedrückt waren; die Zahl der hier umgekommenen Opfer berechnet man auf 80. — Ebenso wurde um 7. Januar das Bergdorf Bedretto di mezzo im Livinen-Thale am Ausgang des Gotthard-Passes Nachmittags um bald ein Uhr durch eine ungeheure Lawine verschüttet; 30 Personen wurden im Schnee begraben und nur 2 Häuser blieben stehn. An Rettung war nicht zu denken, da die Schneemassen die schmalen Seiten des Thales ganz ausfüllen und Schnee, Bäume, Steingerölle über hundert Fuß hoch das Thal begraben haben, das durch die Wildbäche jetzt bald in einen See verwandelt werden dürfte. — Selbst in alten Chroniken findet sich keine Kunde von einem ähnlichen Schneesturme.

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