Eindruck der Adreßdebatte. Polnische Flüchtlinge.

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Die Presse (Wien), 1. Februar 1863

Berlin, 29. Jänner. [Orig.-Corr.] (Eindruck der Adreßdebatte. Polnische Flüchtlinge.) Die Adreßdebatte hat einen bemerkenswerthen Eindruck auf die Bevölkerung Berlins gemacht. An öffentlichen Orten, wo Journale aufliegen, drängten sich die Besucher in ungewöhnlicher Anzahl. Die Reden Waldeck’s, Schulze’s, Virchow’s, Twesten’s, Gneist’s u. A. mußten laut vorgelesen werden und erhielten von den aufgeregten Versammlungen nicht mindern Beifall, als sie in der Kammer gefunden. Würde der Schauplatz solcher Demonstrationen Paris sein, würde dort die Opposition in so fulminanten Reden die Regierung zermalmen, so müßte der Conflict zu einer Katastrophe führen, deren Terrain außerhalb der Kammer läge. Im kühlen Norddeutschländ bleibt es beim Reden, denn wer die Macht hat, sagt Herr v. Bismarck, hat Recht. Der Erfolg der Adresse kann somit nur moralischer Natur sein. Obwol des Königs Gesundheit soweit hergestellt ist, daß er eine Loyalitäts-Deputation empfangen und ihr eine Rede halten konnte, so ist doch gewiß, daß er die Deputation des Abgeordnetenhauses nicht empfangen wird. Als hinreichenden Grund wird das Unwohlsein Se. Majestät angegeben, und die Vorbereitung ist dazu insoferne getroffen, als die für Samstag anberaumte Hofsoirée-abgesagt wurde.

Die am Hofe einflußreichste Partei drängt zu einer äußerst entschiedenen Antwort, und will derselben Maßregeln folgen lassen, die mit dem Belagerungszustand beginnen sollen. Wir dürfen zuverlässig annehmen, daß die Majorität der gegenwärtigen Minister eine so gewaltsame Politik nicht verfolgen würde. Ihre Freunde schildern die Minister in trübseliger Stimmung über die persönliche Verunglimpfung und den tiefen Schaden, welche das Ansehen der Krone in der dreitägigen Adreßdebatte erlitt. Beneidenswerth ist der Standpunkt eines Ministeriums gewiß nicht, das keine Partei, ja keinen einzigen Vertheidiger im Hause hat. Diese Anomalie findet sich wol in keiner zweiten parlamentarischen Versammlung Europas wieder.

Eine Anzahl polnischer Flüchtlinge ist hier angekommen. Sie sind von allen Mitteln entblößt, und ihre hiesigen Landsleute müssen Sorge für ihre nothwendigsten Bedürfnisse, tragen. Es sind zumeist Söhne des mittleren Bürgerstandes, Studenten und Arbeiter, sämmtlich Conscriptions-Flüchtlinge. Einer national-politischen Verschwörung wollen sie vollständig fremd geblieben sein, und es wäre nie von etwas anderm die Rede gewesen, als von einem gewaltsamen Massendurchbruch nach dem Auslande, weil dem Einzelnen die Flucht nicht gelingen konnte.

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