Ministerkrise und Spannungen mit Hannover

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Die Presse (Wien), 4. Februar 1863

Berlin, 31. Jänner. [Orig.-Corr.] (Ministerkrisis. Kandidatenliste. Landtagsausschuß.) Die Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Unsere politischen Kreise sind von Gerüchten über die Auflösung des Ministeriums erfüllt, und bereits circuliren. die Listen der neuen Minister-Candidaten. Ohne die Aufstellung der neuesten Liste verbürgen zu können, führe ich dieselbe an: Herzog von Ratibor, Premier; Graf Schwerin, Inneres; Graf Goltz, Aeußeres; Vogt-Rendz, Krieg; Bodelschwingh, Finanzen; v. d. Heydt, Handel; Rönne, Justiz. So weit unsere speciellen Nachrichten aus gut unterrichteter Sphäre reichen, sind an maßgebendem Orte noch keine positiven Beschlüsse über die Entlassung des Ministeriums Bismarck gefaßt worden. Aber es wird uns versichert, daß im Ministerium selbst, sowol im gestrigen als im heutigen Ministerrathe Differenzen ausgebrochen sind, welche schon in den nächsten Tagen zu Schritten führen dürften, die den Bestand des gegenwärtigen Ministeriums zweifelhaft machen müssen. Diese Schritte werden wahrscheinlich von den Ministern Bodelschwingh, Selchow und Mühler ausgehen, wenn sich nicht eine unerwartete Ausgleichung finden sollte. Wie wir vernehmen, würden die Dispositionen im Schlosse nicht weiter als bis zur Concession der factischen zweijährigen Dienstzeit gehen. Das wäre ein mageres Programm für ein neues Ministerium. Das gegenwärtige Abgeordnetenhaus wird das Geldbewilligungsrecht und die Landwehr einem Ministerium v. d. Heydt-Schwerin nicht aufopfern, und am Etat für 1863 wird das „Versöhnungswerk“ scheitern. Dann aber wird das Haus aufgelöst und wir treten in die weitere Phase kurhessischer Zustände. Das sieht man in Abgeordnetenkreisen bereits kommen, und dringt auf die Vorlage eines Gesetzentwurfes zur Constituirung eines Landtagsausschusses. Ob jedoch dieser im Stande wäre, uns vor Octroyirungen zu bewahren, ist allerdings eine andere Frage.

— (Preußen und Hannover.) Von einem andern Correspondenten erhalten wir aus Berlin, 1. Februar, folgende Mittheilung: „Die Beziehungen zu Hannover sollen in letzter Zeit in eigenthümlicher Weise gespannt geworden sein, trotzdem im übrigen die politischen Sympathien seit der Machtgelangung des Ministeriums Bismarck sicher nicht schwächer wurden. Aber es sind, wie man wissen will, merkwürdige Enthüllungen zum Vorschein gekommen, welche in Hannover die Besorgniß rege gemacht, daß man in Berlin für gewisse Eventualitäten sich mit Planen trage, die noch viel weiter reichen, als die etwas voreilig ausgeplauderten Ansprüche auf die braunschweigische Erbschaft. Herr v. Bismarck scheint hienach, eben für die angedeuteten Eventualitäten, das Terrain in Paris mit einer solchen Nonchalance recognoscirt zu haben, daß es nicht einmal einer besondern Indiscretion bedürfte, um die Aufmerksamkeit der Betroffenen auf seine Combinationen zu lenken. Es ist, so viel wir wissen, noch nicht zu eigentlichen Auseinandersetzungen darüber gekommen; man spielt vielmehr noch Versteckens mit einander. Aber der Stachel sitzt einmal, und die nächste Zeit dürfte, vorerst in der allmälig sehr brennend sich gestaltenden Handelsvertragsfrage, eine Haltung Hannovers constatiren, welche die gegenwärtige preußische Politik auch zu einer geographischen Unmöglichkeit macht.“

Anmerkungen

  • Die Gerüchte sind natürlich voreilig, tatsächlich wird Bismarck bis 1890 an der Macht bleiben.
  • Er bereitet hier bereits die Annexion des Königreichs Hannover durch Preußen vor, die 1866 erfolgen wird.
  • Die Anspielung auf die „kurhessischen Verhältnisse“ bezieht sich auf den dortigen Dauerkonflikt zwischen Parlament und Herrscherhaus, der um die Zeit wieder akut wird und schon 1850 zum kurhessischen Verfassungskonflikt geführt hatte. Das Kurfürstentum Hessen wird übrigens ebenfalls 1866 von Preußen annektiert.

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