Unsere Krisis

Dieser Artikel wurde 1433 mal gelesen.

Kladderadatsch, 8. Februar 1863

Unsere Krisis

— sagt die Neue Preußische Zeitung — datirt nicht seit der Adreßdebatte, auch nicht seit Ernennung der jetzigen Minister, auch nicht seit der neuen Aera, auch nicht seit 1848. Sie hat ihren Ursprung nicht in den Repräsentations-Ideen von 1815, nicht in der Niederlage von 1806, sondern sie wurzelt in der Tyrannei der Principien von 1789.

Geistreich, aber kurzsichtig!

Unsere Krisis

— sagen mir — datirt allerdings nicht seit Sonnabend, oder dem „sechsten Tage,“ wie er in dem Original der ersten Verfassungsurkunde heißt; denn der betreffende Paragraph lautet dort: Es ward Abend und Morgen. Und siehe da, es war Alles sehr gut!

Unsere Krisis datirt auch nicht seit Freitag. Denn das Amendement des fünften Tages lautet, daß die Vögel, ein jeglicher nach seiner Art, auf Erden und unter der Veste des Himmels fliegen, nicht aber daß sie sich verirren in das Knopfloch des Herrn — Moritz Gerson.

Unsere Krisis datirt auch nicht seit Donnerstag. Denn die an diesem vierten Tage beschlußfähige Macht schuf zwei Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere und ein kleines Licht, das die Nacht regiere. Von Nachtsitzungen des Herrenhauses hat aber bis jetzt noch nichts verlautet.

Unsere Krisis datirt auch nicht seit Mittwoch. Denn der an diesem dritten Tage durchgegangene Gesetz-Entwurf spricht von der Trockenlegung der ganzen Erde und nicht nur einer einzelnen Kammer.

Unsere Krisis datirt aber auch nicht seit Dienstag. wo man plötzlich den Himmel offen sah, sondern —

Unsere Krisis fängt mit dem Montag an,

mit dem ersten Tage. Denn mit der einstimmigen Forderung:

Es werde Licht!

kann kein — constitutionelles Ministerium regieren.

Kladderadatsch.

Dieser Beitrag wurde unter 1863, Geschichte, Parlamentarismus, Satire, Verfassung veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar