Protestanten in Tirol

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Die Presse (Wien), 7. Februar 1863

Innsbruck, 4. Februar. [Orig.-Corr.] (Eine protestantenfreundliche Streitschrift.) Es kam uns dieser Tage ein in München erschienenes Büchlein, „Der schwarze Gast, Erzählung aus den Tagen der tirolischen Protestanten-Frage, von Ludwig Steub„, zu Gesichte, das den alten Stocktirolern einmal recht derb die Wahrheit sagt. Was so eigentlich der Grund, warum man bei uns den Standpunkt des 16. Jahrhunderts, der Anatheme und Ketzerverfolgungen, der Vorschriften des Trienter Concils über das Verbot des Umgangs mit Protestanten und des Lesens ihrer Bücher, einnimmt, ist der Mangel an Intelligenz. Dank unserer wunderlichen Erziehung, hat sich ein großer Theil der Gesellschaft, die sich zu den Gebildeten zählt, mit heiliger Scheu abgewendet von jenem Deutschland, von dem mir verbotene Bücher und schlechte Grundsätze kommen, sorglich gehütet vor allem , was den Verstand erhellen, das Urtheil schärfen, den Geist ausschließen könnte für die großen Errungenschaften der Gegenwart: Bildung, Freiheit, Presse, Verfassung. Man könnte keinen sprechendern Beweis für diese Versumpfung anführen, als die jüngsten Bestrebungen für die Glaubenseinheit, an denen unter Anderen auch die Koryphäen unserer Jurisprudenz und andere Celebritäten des Landes thätigen Antheil nahmen.

Steub, der schon in seinen „Drei Sommern in Tirol“ dem geistigen Eunuchenthum einen treuen Spiegel vorgehalten, entkleidet auch die jetzige Frömmelei mit dem Haß gegen die Ketzer ihrer gleißenden Schminke, und gibt den Nacheiferern der glaubenseifrigen Japanesen den guten Rath, statt sich von der ganzen Welt verlachen zu lassen, ihr zu imponiren. Dazu fehlt ihnen nun freilich das Zeug, aber so viel Verstand dürfte man selbst gewöhnlichen Menschen zutrauen, keine Satyre auf sich selbst zu schreiben.

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