Verkündigung des Herzogs Ernst als König

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Die Presse (Wien), 8. Februar 1863

Ernst von Sachsen-Coburg und Gotha, 1842 (Quelle: Wikipedia)

Ernst von Sachsen-Coburg und Gotha, 1842 (Quelle: Wikipedia)

Athen, 31. Jänner. [Orig.-Corr.] (Verkündigung des Herzogs Ernst als König.) Der Vertreter Englands, Lord Elliot, machte dem Präsidenten der provisorischen Regierung bereits die officielle Mittheilung, daß die Krone von Griechenland von dem Herzog Ernst von Koburg-Gotha angenommen sei (obgleich ihm dieselbe bis jetzt nur von den Engländern und nicht von den Griechen angetragen) und die Candidatur desselben von Frankreich und England unterstützt werde. Die betreffende Mittheilung des Herrn Elliot lautet: „Ich bin von meiner Regierung beauftragt, der provisorischen Regierung von Griechenland mitzutheilen, daß die englische Regierung dem Kaiser von Frankreich vorgeschlagen hat, als den passendsten Candidaten für den griechischen Thron gemeinschaftlich den Fürsten Ernst von Koburg-Gotha vorzuschlagen. Der Kaiser hat mit großer Bereitwilligkeit den Vorschlag Englands angenommen und der Herzog Ernst nimmt die Krone, welche ihm angeboten wird, unter der Bedingung an, die Fürstenkrone seiner Vorfahren so lange behalten zu können, wie es ihm angemessen erscheint. Sobald der Herzog einmal zum König von Griechenland proclamirt, wird er der National-Versammlung einen seiner Neffen, Sohn seines Vetters August und der Prinzessin Clementine, Tochter Louis Philipp’s, des ehemaligen Königs von Frankreich, zum Thronerben vorschlagen. Dieser junge Fürst ist jetzt 17 Jahre alt und wird, sobald er zum Thronfolger bestimmt ist, das orientalische Dogma annehmen.“

Die Engländer setzen nicht den geringsten Zweifel darein, daß die Griechen den von ihnen beliebten König annehmen. Die Mittheilung des Herrn Elliot an die Provisorische Regierung kam noch vor Thoresschluß, denn heute wird die provisorische Regierung der National-Versammlung einen Auszug ihrer Administration vorlegen und die Zügel der Regierung, welche sie seit dem 23. October, wenigstens der Form nach, führte, der National-Versammlung übergeben.

In diesem Augenblick schlägt man bereits die Mittheilung Elliot’s an Bulgaris, ins Griechische übersetzt, an die Straßenecken. Der vor einiger Zeit entstandene neue Club, „der geheiligte Kampf“, fordert durch Placate zu einer Demonstration für morgen auf, nämlich zu einem Te Deum laudamus für die Vereinigung der Ionischen Inseln mit Griechenland, obgleich dieselbe noch nicht vollzogen.

In Kalamata herrschte in den letzten Tagen große Aufregung, da man eine Brandschatzung der Stadt durch die mainotischen Räuberbanden befürchtete. Die Einwohner brachten ihre Werthsachen nach dem österreichischen Consulate und die Häuser wurden verbarricadirt und mit Schießscharten versehen. Im Hafen liegen ein französisches, ein englisches und ein österreichisches Kriegsschiff. Letzteres hielt sich bereit, im Nothfalle seine Marine-Soldaten zum Schutze des Consulats-Gebäudes an das Land zu setzen. Die mainotischen Banden, von denen es übrigens heißt, daß sie von französischen Agenten bearbeitet sind, zogen sich, als sie von den Vertheidigungs-Anstalten in Kalamata Wind bekamen, wieder zurück.

Hintergrund

Ernst II. von Sachen-Coburg und Gotha ist einer der liberal gesinnten Fürsten in Deutschland. Als älterer Bruder von Prinz Albert, dem Mann von Königin Victoria, steht er auch dem englischen Königshaus nahe. Die Nachricht hier ist allerdings etwas vorschnell.

Die Ionischen Inseln gehören zu Großbritannien (seit dem Sieg über Napoleon), sind aber als „Vereinigte Staaten der sieben Inseln“ autonom. Im folgenden Jahr werden sie Griechenland beitreten.

Zum Hintergrund siehe auch: Germania und Hellas und Wollen die Griechen denn nicht auch genesen?

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