Eine eigentümliche Beschäftigung

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Berliner Gerichtszeitung, 10. Februar 1863

Ein heruntergekommener Handlungsdiener hat sich seit einigen Wochen einer eigenthümlichen Beschäftigung gewidmet, die ihn vorläufig in die Stadtvogtei gebracht hat, auf wie lange ist bei er Sonderbarkeit seiner Handlungsweise freilich nicht zu ermessen. Er hat nämlich auf Papierstreifen von allerhand Größe und Qualität in fabelhaft verzierten Buchstaben die Worte „Zinscoupon“ oder „Dividendenschein“ geschrieben, ringsum allerhand Schnörkel gemacht und diese Wische, die kein Menschs der nicht ganz blind ist, für Papiere von irgend welchem Werth ansehen kann, an prostituirte Dirnen, die er besucht hatte, ausgegeben. Auch einigen seiner Freunde hat er von diesen Handzeichnungen der lächerlichsten Art Einiges zukommen lassen und sollen viele, deren Namen man jedoch nicht kennt, ebenfalls davon in der angegebenen Weise Gebrauch gemacht haben. Eins der Mädchen, die ein solches Papier erhalten, hat nun versucht es auszugeben und ist dabei, wie natürlich angehalten worden. Durch ihre Angaben ist der Verfertiger ermittelt und zur Haft gebracht worden. Man hat bei ihm noch eine ganze Anzahl der bezeichneten Phantasiestücke gefunden. Daß hierdurch eine Münzfälschung begangen, wird schwerlich angenommen werden können, da die Papiere mit keinem irgend wie bekannten Werthpapier auch nur die geringste Aehnlichkeit haben sollen, aber auch ein Betrug dürfte mit denselben nicht verübt sein, denn die Personen, an welche sie gegegen, hatten kein einklagbares Recht, Zahlung zu verlangen, sie sind daher im gesetzlichen Sinne nicht beschädigt, die ganze Geschichte scheint vielmehr nur auf einen schlechten Witz herauszugehen, der freilich auch für den Urheber auf einige Zeit seine unangenehmen Folgen haben dürfte.

Anmerkung

In der Zeit ist es durchaus üblich, daß Kupons oder Dividendenscheine als Bargeld benutzt werden, da dieses in seiner harten Form als Münzen nicht immer verfügbar ist.

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