Die Vorgänge im Königreich Polen

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Die Presse (Wien), 9. Februar 1863

Zur Orientirung über den Aufstand im Königreich Polen theilt die Br. Z. einige interessante Betrachtungen eines militärischen Berichterstatters mit. Wir lassen hier Einiges daraus folgen. Das Terrain des Aufstandes ist hienach enorm; Biala und Brzesc-Litewski, wo sich bereits organisirte Insurgentenlager befinden, liegen auf der großen Heerstraße von Warschau nach Moskau und schließen den Eingang aus dem russischen Gouvernement Grodno nach dem Königreich Polen. Von Litewski am Bug bis Olkusz, nordwestlich von Krakau, sind in directer Entfernung fast 50 deutsche Meilen, während Tykoczyn, welches auch mehrfach als Lagerort schon bezeichnet worden ist, beinahe 60 Meilen von Olkusz und 15 Meilen nördlich von Biala liegt. Tykoczyn am Narew ist ungefähr gleich weit von der Eisenbahn wie von der Chaussee entfernt, die von Petersburg nach Warschau geht.

Obwol Plock, das nordwestliche Gouvernement, auch schon mehrfach genannt worden, so scheint doch aus allen bisher eingegangenen Nachrichten hervorzugehen, daß der östliche und südliche Theil des Königreichs den Hauptherd der Insurrection abgibt. Mehrfache Gründe machen dies auch erklärlich. Die an Galizien grenzenden Theile Polens, namentlich das Gubernium Radom, sind die coupirtesten Landstriche, namentlich allein bergige, und die Ostgrenze des Königreichs gegen Rußland ist von der Memel bis nach Galizien eine ununterbrochene Kette von Strömen und Flüssen, welche an einzelnen Punkten besetzt werden können, um diesseits und jenseits des Königreichs Zuströmung von Mannschaften zu erhalten, während sie gleichzeitig den aus Rußland kommenden kaiserlichen Truppen den Uebergang über die Flüsse erschweren und streitig machen können. Nehmen wir diese Ostgrenze als vorderste Aufstellung gegen Rußland an, so bildet das Strombett der Weichsel die zweite Linie. Warschau selbst erscheint paralysirt, da die jetzt noch daselbst stehenden Truppen zur Erhaltung der kaiserlichen Autorität wol nöthig sind und keine Detachements nach den Provinzen mehr werden abgeben können. Südlich Warschaus scheint aber Kazimierz der Hauptsammelplatz an der Weichsel für die insurgirten Schaaren zu sein. Die Ufer des hier schon breiten Stromes sind zwar meist flach, aber von ganz enormen Waldungen noch umgeben.

Eine dritte Linie von Osten nach Westen bildet das bergige Terrain des Guberniums Radom, welches gegen Norden und Westen (also gegen die Warschau-Krakauer Eisenbahn) in dem Flußbett der Pilica eine scharfe Abgrenzung findet. Wahrscheinlich finden von hier aus die Bedrohungen und vorübergehenden Besetzungen der genannten Eisenbahn statt, welche letztere an und für sich den Insurgenten keinen Anhaltspunkt bietet. Zu bemerken ist hier nur, daß wenn sich die Besetzung von Czenstochau bewahrheiten sollte, doch anzunehmen ist, daß das daselbst befindliche kleine Fort sich noch in russischen Händen befindet. Die Gegend um Kalisch, welches militärisch stark besetzt ist, scheint noch ganz ruhig zu sein, daher bleibt anzunehmen, daß zur Zeit das Ufer der polnischen Warthe noch nicht Schauplatz hervortretender insurrectioneller Ereignisse gewesen, obwol bei Nadomsk und Sieradz sich auch Banden gezeigt haben. Nördlich von Warschau ist die Weichsel über 1000 Fuß meistens breit und auf dem rechten Ufer ober- und unterhalb von Plock befinden sich fortlaufende steile Abfälle, daher ist es wol anzunehmen, daß wenigstens diesen nördlichen Terrain-Abschnitt die Insurgenten sowie die russischen Truppen stets auch in ihrem Augenmerk behalten werden.

Die Organisirung der Banden in dem Krakauer Winkel, welcher zwischen Oberschlesien und Galizien liegt, kann insofern ebenfalls von erheblicher Bedeutung werden, weil die österreichischen und preußischen Nachbarn, wenn sie auch noch so stark die Grenzen besetzen, doch die Insurgenten ruhig gewähren lassen müssen, sobald sie jene nicht überschreiten, und die russischen Truppen, welche jetzt anderweit schon genügend beschäftigt und alarmirt sind, es wol fürs erste schwerlich ermöglichen werden, mit ausreichender Macht bis hierher vorzudringen. Die weitere Organisirung dieser Banden, die sich jetzt im äußersten Südwesten des Königreichs zeigen, ist daher mit Recht zu besorgen.

Aus Berlin schreibt man der Br. Ztg.: Die Abreise des General-Adjutanten v. Alvensleben nach Petersburg und des Flügel-Adjutanten v. Rauch nach Warschau sprechen dafür, daß unsere Regierung sich in den innigsten Rapport mit der russischen wegen dieses Aufstandes zu setzen beabsichtigt. Oesterreichischerseits scheint dies noch nicht der Fall zu sein. Sollte eine Benützung des preußischen Gebietes von Seiten der russischen Nachzuge nothwendig werden, so glauben wir, daß dem preußischerseits nichts hinderlich in den Weg treten wird. Und käme es ja so weit, daß die Russen auf unberechenbare Schwierigkeiten bei Bewältigung dieses Aufstandes stoßen, so würden sie wol zunächst auf die preußische Unterstützung hoffen. Daß der Höchstcommandirende v. Werder seinen Sitz in Posen aufschlagen wird, hat eine politische und strategische Bedeutung.

Zum Hintergrund: Alvenslebensche Konvention

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