Die Vorgänge im Königreich Polen

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Die Presse (Wien), 11. Februar 1863

Polish_scythemen_1863Mit den preußischen Vorsichtsmaßregeln gegen die polnische Insurrection ist es nun so weit gekommen, daß nicht blos preußische Commandos, sondern Bataillone und Regimenter an die polnische Grenze rücken müssen, Und jedenfalls werden noch weitere Nachschübe, als bisher erfolgt sind, in kurzer Zeit, wie die Bresl. Ztg. sagt, „den festen Cordon bilden, der allein im Stande ist, den Aufstand von unseren Grenzen abzuhalten. Blicken wir auf die 150 deutsche Meilen lange preußisch-polnische Grenze von Myslowitz bis Schmaleningken, so finden wir, daß das 1. Armeecorps (Provinz Ost- und Westpreußen) den größten Theil derselben, und zwar von Stallupöhnen bis inklusive Thorn zu besetzen hat, während das 2. Armeecorps die Strecke von hier bis Powidz, das 5. von Wreschen bis Kempen und das 6. Corps von Pitschen bis Myslowitz die Grenze sichern muß.

Wahrscheinlich werden bald auch einzelne Generale und Oberste besondere Commandos an der Grenze erhalten; sie werden dann in den Hauptgrenzstädten ihren Sitz nehmen und gewisse Strecken mit mehreren Grenzstädten unter ihr besonderes Commando erhalten. In erster Linie wird die Cavallerie aufgestellt, welche Vedetten an allen Straßen hat, die nach Polen führen, während die Doppelposten der Infanterie wahrscheinlich an den Ausgängen der Grenzorte und in besonders coupirtem Terrain hinter der Cavallerie stehen. In der Stadt Posen herrscht die größte äußere Ruhe, eine förmliche Stille lagert über der Stadt, und des Abends erscheint sie wie ausgestorben, Die militärischen Sicherheits-Maßregeln bestehen nach wie vor, doch nicht mehr ganz in der ausgedehnten Strenge, wie in den Tagen, wo an die Möglichkeit eines heimlichen Ueberfalles auf die Truppen gedacht werden mußte. Die nächtlichen Patrouillen sind allerdings noch sehr stark. Die Sicherheit der einzelnen Forts hat man in besonderes Augenmerk genommen; es sollen jetzt selbst Officiere, die nicht dort garnisoniren und also nicht persönlich bekannt sind, ohne besondere Erlaubnißkarten dieselben nicht betreten dürfen. Die äußere Ruhe wird gewiß in Posen selbst, wie in der Provinz erhalten werden; doch anders scheint die Stimmung in denjenigen Städten und Ortschaften zu sein, welche eine überwiegend polnische Bevölkerung haben.“ Wie die Kreuzz. hört, werden, weil der Aufstand in Polen an Ausdehnung zugenommen, hat, das erste und das sechste Armeecorps, sowie eine Division des zweiten Corps zusammengezogen werden, um für alle Eventualitäten in Bereitschaft zu sein. Wie verlautet, soll bei diesen Truppentheilen das Bataillon auf 800 Mann gebracht werden.

Der Generalmajor und Commandeur der 2. Garde-Infanterie-Brigade, v. Clausewitz, begibt sich in Begleitung des Rittmeisters im Garde-Husaren-Regiment, v. Somnitz, nach Posen, und zwar der erstere als Generalstabschef bei dem Obercommando des 1., 2., 5. und 6. Armeecorps.

Ein Danziger Blatt will aus Thorn , 5. d., die Nachricht erhalten haben, daß in der Nacht vom 5. d. unweit Thorn preußische Truppen mit 2000 polnischen Insurgenten handgemein wurden; zwei Compagnien des 45. Infanterie-Regiments, welche dort längs der Grenze die Chaine bildeten, seien den die Grenze überschreitenden Insurgenten, welche entweder vor den Russen flüchten oder die diesseitigen Polen zur Insurrection veranlassen wollten, entgegengetreten, und es habe sich ein „ernstliches Gefecht“ entwickelt, bei dem die preußischen Truppen vier Mann verloren hätten. Die Nachricht erscheint, da jede Bestätigung von anderer Seite fehlt, sehr zweifelhaft.

Die Breslauer-Ztg. schreibt unter dem gestrigen Datum: Die Warschauer Post ist gestern Abends mit dem Wiener Schnellzuge angekommen. ES heißt indeß, daß der Briefverkehr, gleich dem Personenverkehr, sehr unbedeutend ist, da kaum jemand in Warschau wagt, Correspondenzen von dort abzusenden, und noch weniger darin Mittheilungen über die Vorgänge in der polnischen Residenz und im Lande selbst zu machen, insofern man fürchtet, daß sie das russische Gouvernement öffnen und die Absender je nach ihrer politischen Meinung zur Verantwortung ziehen könnte. Ueberdies wird uns von Kaufleuten Versichert, daß sie Briefe aus Warschau erhalten haben, die neben dem Siegel der Absender auch noch das Dienstsiegel der polnischen Postdirection trugen. Anscheinend waren sie aber nicht geöffnet. Unter diesen Umständen läßt sich freilich nicht absehen, was es für ein Bewenden mit diesem officiellen Verschluß hat. Möglich, daß die Eröffnung in einer vorsichtigen Weise vorgenommen wird, welche dies nur bei ganz genauer Durchsicht wahrnehmen läßt. — Die neuesten Nachrichten bestätigen, daß der Aufstand in Polen immer mehr zunimmt. Wichtig ist die Verfügung der königlichen Regierung, daß die polnischen Grenzkassen nach Preußen, und zwar bei der Regierungs-Hauptkasse in Oppeln und respective hier übertragen werden, um sie vor den Insurgenten zu sichern.

Aus Oppeln, 9. Februar, wird geschrieben, daß die nach Gleiwitz escortirten übergetretenen russischen Soldaten, welche in Myslowitz nicht weiter untergebracht werden können (160 Infanteristen Und 200 Kosaken), sobald als möglich über die an der Lublinitzer Grenze gelegene Station Herby wiederum nach Rußland zurückkehren sollen.

Aus Myslowitz wird der Schl. Ztg. unter dem 9. d. M. geschrieben: Die Ereignisse in den letzten Tagen lassen darauf schließen, daß die polnischen Insurgenten Fortschritte in ihrer Erhebung machen, was ihnen in hiesiger nächster Nähe durch den Rückzug der russischen Grenzbesatzung wenigstens nicht, erschwert worden ist. Sie haben das die hiesige Grenze einschließende Dreieck von Sosnowiec bis Granica besetzt und dirigiren von Dombrowa, ihrem Hauptquartier, ihre Bewegungen. Daselbst sollen auch nicht unbedeutende Waffenvorräthe gesammelt werden; ebenso erzählt man, daß die Arbeiter des Hüttenwerkes Dombrowa zu den Insurgenten übergegangen sind.

Nachdem gestern der Transport der übergetretenen russischen Soldaten nach Kattowitz und weiter beendigt war, kamen zur Mittagszeit noch die russischen Beamten und Gendarmen aus Granica, die dort von den Insurgenten außer Thätigkeit gesetzt waren, hier an, um theils ihre Familien unterzubringen, theils selbst Schutz bei der diesseitigen Regierung zu suchen. Beides ist erreicht, und sind die russischen Gendarmen, als militärisch zu behandelnde Organe, der vorgestern aus Modrzejow übergetretenen russischen Besatzung behufs Internirung nachgesendet worden, ebenso gestern die russischen Officiere der genannten Besatzung.

Gestern ertönte Abends um 9 Uhr der Generalmarsch, und zu gleicher Zeit cursirte das Gerücht, daß die Insurgenten die Grenze überschreiten und Myslowitz angreifen würden, um die Kassen an sich zu reißen. Diese Befürchtungen wurden auch an maßgebender Stelle getheilt, und sie wurden bestärkt, als sich ein bedeutender Feuerschein im benachbarten Polen zeigte. Bis heute Morgens 7 Uhr hat unsere Besatzung in Kälte und Nässe die ganze Nacht hindurch ihre Schuldigkeit gethan; die angegebenen Befürchtung sind nicht zur Wahrheit geworden,

Das benachbarte Grenzstädtchen Modrzejow erwartet jeden Augenblick die Ankunft der Insurgenten, um die noch vorhandenen Gelder der Kassen abzuholen. Da die Besatzung diesen Ort verlassen hat, wird es zu einem Kampf dort wol nicht kommen. Auch in Schoppinitz und Kattowitz, wo preußische Besatzungen liegen, ist gestern Abends Generalmarsch geschlagen worden, und alle Vorsichtsmaßregeln waren aufgeboten, um etwaigen feindlichen Agitationen der Insurgenten gegen uns kräftig zu begegnen. Bis jetzt ist heute die Ruhe nicht gestört worden.

Ueber die Affaire bei Wengrow vom 6. Februar bringt der amtliche Dziennik folgende Details: „Der russische Befehlshaber, Oberst Papafanasopulo, commandirte drei Compagnien Infanterie und 3 Schwadronen Cavallerie.

Diese Abtheilung war bei dem Dorfe aufgestellt, 6 Werste südlich von Wengrow, und wurde die ganze Nacht von den Banden der Aufständischen, die sich in den nahen Wäldern aufhielten, beunruhigt. Mit einigen Kanonenschüssen hielt man sie in der Entfernung. Am folgenden Morgen Uhr rückte das Militär gegen Wengrow vor und postirte sich um 8 Uhr auf Kanonenschußweite vor der Stadt. Um 9 Uhr begann die Schlacht. Zwei Kanonenschüsse gaben das Signal. Bald bemerkte man, daß es in der Stadt lebendig wurde, und kurz darauf drangen die Insurgenten von allen Seiten aus derselben, die Hauptmasse aber in der Richtung nach Sokolow.

Die Vertheidigung der Stadt hatte eine andere Abtheilung übernommen, welche die Straße gegen Mokobod stark besetzt hielt. Um den davonziehenden Insurgenten den Weg abzuschneiden, hatte Oberst P… die 4. Schwadron Smolenskischer Uhlanen ihnen nachgesendet. Die Uhlanen warfen sich auf die Insurgenten und zwangen sie, in die Stadt zurückzukehren, wo letztere den Kirchhof besetzten. Gleichzeitig rückte eine Äbtheilung der 3. Batterie unter dem Schutze einer Compagnie Infanterie und einer Schwadron Uhlanen vor, und die Beschießung des Friedhofes begann. In diesem Augenblicke zog jene Abtheilung der Insurgenten, welche vor der Stadt aufgestellt war, ins Feld, aber eine Kartätschenladung trieb sie in Unordnung zurück; nur ein Theil, etwa 150 Mann, rückten, auf das Feuer der Kanonen nicht achtend, immer vor und griffen mit den Sensen die auf sie eindringenden Uhlanen an. Die Artillerie stellte das Feuer ein, und eine Escadron Uhlanen unter Anführung des Oberstlieutenants Fiodorowski stürmte auf die Andringenden los. Gleichzeitig wurden die Insurgenten. von einem Tirailleurfeuer belästigt, mit welchem man von der rechten Seite auf sie operirte, so daß sie bald alle weichen mußten.

Nun nahm die Artillerie wieder ihre frühere Stellung ein, und die Infanterie begann den Angriff auf die Stadt. In dieser entstand große Unruhe. Durch das Artilleriefeuer waren Scheuern in Brand gerathen, der sich nun ausbreitete. Die Insurgenten stürzten haufenweise aus der Stadt durch die Gärten in die Wälder, wurden aber vom Feuer zweier gegen sie gerichteter Kanonen stark mitgenommen. Während dem zog die Infanterie in die Stadt und besetzte sie. Von den Aufständischen wurden 128 getödtet, 9 verwundet, besonders von jenen, welche sich auf die Kanonen geworfen hatten. Die Zahl der Verluste auf Seite der Aufständischen läßt sich übrigens nicht genau bestimmen, da die in der Nähe der Stadt Gefallenen von den Einwohnern fortgeschafft wurden. Das Militär zählt nur 6 Verwundete. Von den Einwohnern der Stadt wurden nur durch Zufall zwei Judenknaben erschossen. Die Aufständischen knüpften einen gedienten Soldaten und zwei Edelleute auf, die beschuldigt wurden, daß sie zwei Insurgenten-Anführer an die Kosaken ausgeliefert hätten.

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