Bismarck verbündet sich mit Rußland gegen die Polen

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Die Presse (Wien), 14. Februar 1863

Wien, 13. Februar.

Der preußische Minister-Präsident Herr v. Bismarck-Schönhausen hat endlich das Mittel gefunden, eine größere Action in Scene zu setzen. Gleich nach den ersten Nachrichten über den Aufstand im Königreich Polen lag er der russischen Regierung in den Ohren, um Preußen den Ruhm zu assecuriren, an dem Kampfe gegen die polnische Insurrection theilnehmen zu können. Bald darauf hörte man, General Alvensleben sei in einer besonderen Mission nach Petersburg geschickt worden. In Petersburg scheint nun eine den heißen Wünschen des Berliner Cabinets entsprechende Uebereinkunft zu Stande gekommen zu sein. Ueber den Inhalt dieser Convention aber erhielten wir heute eine Mittheilung von der größten Wichtigkeit. Zwischen den Cabinetten von Berlin und Petersburg ist nämlich unter anderm vereinbart worden, daß Preußen für den Fall, als Rußland eine militärische Cooperation gegen den polnischen Aufstand ausdrücklich in Anspruch nehmen sollte, sich anheischig macht, eine solche Cooperation nach Umständen auch innerhalb des russisch-polnischen Gebietes sofort eintreten zu lassen. In Berlin ist dem entsprechend der Befehl ergangen, die betretenden Truppen-Concentrirungen (Preußen setzt vier Armeecorps, die Hälfte seiner ganzen Heeresmacht, in Bewegung) unmittelbar zu beginnen.

Die Bedeutung eines solchen Uebereinkommens bedarf keines besonderen Nachweises. Niemand verkennt die schwierige Stellung, in welche Preußen durch einen polnischem Aufstand gebracht wird. Ein siegreicher Ausstand der Polen im Königreich würde bald einer Angriff auf Preußen zur Folge haben, dem ein sehr beträchtlicher Theil der Provinzen des ehemaligen polnischen Reiches zugefallen ist. Die Integrität des Gebietes des preußischen Staates würde durch einen solchen Angriff in Frage gestellt, und es ist begreiflich, daß die preußische Regierung beizeiten Vorkehrungen trifft, durch die Ereignisse nicht überrumpelt zu werden. Daß also Preußen sich in die Defensive setzt, Truppen an der polnisch-russischen Grenze aufstellt, um ein Herübergreifen der Bewegung zu verhindern, ist ganz erklärlich. Aber eine andere Frage ist es, ob Preußen eine weise Politik befolgt, wenn es schon jetzt, wo der Aufstand sich streng innerhalb der Grenzen des Königreiches hält, zur Offensive rüstet und die Verpflichtung übernimmt, auf Verlangen Rußlands diesem bei Unterdrückung des Aufstandes auch dann Hilfe zu leisten, wenn derselbe, wie es allen Anschein hat, die russischen Grenzen nicht überschreitet, d. h. falls Rußland sich nicht als mächtig genug bewähren sollte, den Aufstand allein zu bewältigen. Was eine solche preußische Hilfeleistung in diesem Falle für Rußland zu bedeuten hätte, liegt auf der Hand. Das große mächtige Rußland würde damit, daß es Preußen zu Hilfe rufen muß, seine eigene Ohnmacht in der flagrantesten Weise offenbaren, und aus diesem Grunde glauben wir auch, daß man sich in Petersburg nur im alleräußersten Falle entschließen würde, Preußens Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Aber die Bloßlegung der russischen Ohnmacht ist doch sicher nicht der Zweck, den Herr v. Bismarck mit seiner Interventions-Politik im Auge hat. Er will nur überhaupt in der möglichst gefahrlosen Weise preußische Bataillone in Bewegung setzen und bei dieser Gelegenheit zugleich auch die Lorbeern eines siegreichen Kampfes gegen die Revolution um seine eherne Junkerstirne winden können. Meint er aber mit solchen Großthaten den Liberalen im Lande die Nothwendigkeit der Armeereform darthun und durch seine Intervention in Russisch-Polen das moralische Recht gewinnen zu können, wie die Nordd.Ztg., sein Organ, sagt, „die dankbare Rolle des Vermittlers zwischen der russischen Regierung und der irregeleiteten Bevölkerung zu übernehmen“, so glauben wir, daß Herr v. Bismarck nach beiden Richtungen seinen Zweck verfehlen wird. Sind die preußischen Liberalen auch vollkommen mit sich im Klaren darüber, daß jeder Angriff des siegreichen polnischen Aufstandes auf preußisches Gebiet energisch zurückzuweisen sei, so perhorresciren sie doch jede Überflüssige, durch eine wirkliche Gefährdung des preußischen Gebietes nicht unzweideutig gerechtfertigte Offensive zu Gunsten Rußlands und jede Betheiligung an Vorgängen auf fremdem Gebiete. Was sich aber der „irregeleiteten polnischen Bevölkerungen“ für Gefühle bemächtigen werden, wenn Preußen als der Bundesgenosse der Russen auf russisch-polnischem Gebiete erscheint, das kann man leicht errathen. Pflegte der Pole überhaupt des deutschen Namens nicht mit Liebe zu gedenken, so würde eine nicht durch die zwingende Nothwendigkeit der Selbsterhaltung hervorgerufene preußische Intervention die polnische Abneigung bis zum unversöhnlichsten Hasse steigern. „Dankbar“, wie das Organ des Herrn v. Bismarck sagt, ist die Preußen von diesem Staatsmanne durch die Convention mit Rußland zugetheilte Rolle gewiß nicht.

Die Sache hat aber auch eine andere, allgemeinere Bedeutung. Ist schon jede derartige Intervention im höchsten Grade bedenklich, so erscheint sie auch, so lange der polnische Aufstand auf das Königreich beschränkt bleibt, als vollkommen überflüssig. Rußland mag sehen, wie es mit seinem inneren Feinde fertig wird. Ihm ohne Noth beispringen, heißt den geheimnißvollen Ränken der russischen Politik nach anderen Richtungen hin Vorschub leisten, heißt den Brand in Polen ersticken helfen, damit er an anderer Stelle doppelt heftig emporschlage. Weder Oesterreich, noch England, noch Frankreich hat ein Interesse daran, eine solche Politik gutzuheißen, und es müßte mit gar sonderbaren Dingen zugehen, wenn die neuerlich zwischen Berlin und Petersburg zum Abschluß gelangte Convention ohneweiters schweigend hingenommen werden sollte. Das Organ des Herrn v. Bismarck, die Nordd. Allgemeine, meint zwar, daß man in Berlin auf ein eventuelle Einsprache der Westmächte kein großes Gewicht legen würde, da die polnische Frage an sich ein Zusammengehen Preußens und Oesterreichs mit Rußland veranlasse, und eine dieses Verhältniß durchkreuzende auswärtige Politik würde dieses Verhältniß noch intimer gestalten; aber es scheint uns denn doch etwas gewagt von der Norddeutschen Allgemeinen, Oesterreich als bereits acquirirt für dieses intime und ultra-reactionäre Verhältniß zu betrachten. Abgesehen davon, daß das constitutionelle Oesterreich zur Wiederbelebung der heiligen AlMnz im Sinne der in Berlin regierenden, allerdings stockrussischcn Kreuzzeitungsmänner nimmer die Hand bieten darf, müßten die österreichischen Staatsmänner alle Besinnung, alles Gedächtniß verloren haben, wenn sie jetzt auf den Lockruf aus Berlin und Petersburg hören wollten. Seit einer langen Reihe von Jahren haben wir von Preußen und Rußland nur das Schlimmste erfahren, und Oesterreich hat nicht den geringsten Grund, die offenen Feindseligleiten der Gortschakoffe, Bernstorffe und Bismarcke mit Liebesdiensten, die noch dazu auf Kosten unseres besser gewordenen Rufes erwiesen werden müßten, zu belohnen. Das Recht Preußens und Rußlands, sich sicherzustellen, mag in Wien nicht bestritten werden, aber die Ehre, den Gendarmen in russischen Diensten zu spielen, bleibe Preußen ungeschmälert; eine wirkliche Großmacht kann eine solche Rolle nimmer ihrer Würde angemessen finden. Die Convention, welche Herr v. Bismarck mit Rußland abgeschlossen hat, zerstört die letzten Illusionen über den deutschen Beruf Preußens; denn eine jämmerlichere Politik gibt es schon nicht mehr, als wenn die Regierung, welche es für ihre Aufgabe hält, Deutschland zu führen und aufzubauen, wenn das Preußen, welches ein deutsches Parlament, aus unmittelbaren Volkswahlen hervorgegangen, beantragt, seine nationale Aufgabe damit inaugurirt, daß es, ein Bahnbrecher Wielopolski’schen Panslavismus, Rußland bei Unterdrückung einer fremden Nationalität Frohndienste leistet.

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