Die Intervention Preußens in Polen

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Die Presse (Wien), 16. Februar 1863

Der polnische Aufstand und die laut mit Rußland abgeschlossener Convention projectirte Intervention Preußens in Russisch-Polen bilden das hervorragendste Moment der Tagesgeschichte. Sehr bemerkenswerth ist die Haltung der officiösen preußischen Presse (Nordd. Allg. und Kreuzzeitung) und des Organs der österreichischen Regierung, der Donau-Zeitung. Die Kreuzzeitung und ihre officiöse Collegin in Berlin suchen zu beweisen, daß Oesterreich aus Gründen der Selbsterhaltung eine ähnliche Convention wie Preußen mit Rußland abschließen müsse. Die Donau-Zeitung ist jedoch ganz andrer Meinung. Oesterreich habe, bemerkt sie, sehr Wohl gethan, sich einer Vereinbarung fernzuhalten, welche gar nicht geeignet wäre, die Sicherheit der polnischen Besitzungen Oesterreichs zu gewährleisten. „Wir wollen nicht daran erinnern,“ fahrt der sehr merkwürdige Artikel des Organs der österreichischen Regierung fort, „daß Oesterreich im verflossenen Jahrhundert nur widerstrebend zu den Theilungen Polens seine Zustimmung gab. Wir wollen nicht geltend machen, daß es hiebei nicht seiner Neigung und Ueberzeugung, sondern dem Gebote der Nothwendigkeit folgte, das Gleichgewicht zwischen seinen eigenen Machtzuständen und denen seiner nächsten Nachbarn herzustellen und einseitigen unverhältnißmäßigen Gebietszuwachs bei letzteren fernzuhalten. Viele Jahrzehnte sind seitdem dahingeschwunden, aus der vollbrachten Thatsache sind neue Zustände und Besitzrechte hervorgewachsen, und wer möchte zweifeln, daß Oesterreich dieselben achtet und auch seinerseits geachtet wissen will? Es konnte daher wol kaum eine plattere Beschuldigung vorgebracht werden, als die, daß Oesterreich mit der Sache der Insurrection sympathisirt. Oesterreich hat nie von dem gefährlichen Mittel der Nationalitäten-Politik Gebrauch gemacht, es hat diese zweischneidige Waffe nie gehandhabt.

Allein woraus es mit ziemlicher Beruhigung ein Gewicht legen darf, das ist der Umstand, daß es die zwei Wichtigsten Momente des polnischen Lebens, die Nationalität und den Katholicismus. stets in Ehren hielt. Selbst seine Gegner müssen ihm in dieser Hinsicht Anerkennung widerfahren lassen. Die Polen wissen am besten, daß sie von unserer Seite keinen Germanisirungszwang zu erdulden hatten. Sie wissen, daß die katholische Kirche in Galizien gewissenhaft geachtet und geschützt wurde, und daß nichts geschah, was sie ihrem natürlichen Gefüge, der Verbindung mit Rom, entrückt hätte. Es entfallen daher bei uns zwei wichtige Motive jener immerhin beklagenswerthen Bewegung, welche auf polnischem Boden jetzt so viel Blut fließen macht.

Aus der Lauterkeit seiner Politik mag daher Oesterreich jetzt die Beruhigung schöpfen, daß es keiner außerordentlichen Maßregeln bedürfen wird, um die Sicherheit seiner Besitzungen in dem tobenden Sturme zu verbürgen. Es that jedenfalls am besten, sich auf den Boden seiner specifischen Interessen zu stellen und nur diesen bei der Behandlung der urplötzlich aufgeworfenen brennenden Frage zu Rathe zu ziehen. Es dürfte über den Kreis derselben nicht hinausgehen, ohne sich Wechselfällen auszusetzen, die es vermeiden will und hoffentlich auch kann. Bei einiger Ueberlegung dürften daher die gemeinten preußischen Organe zur Ueberzeugung gelangen, daß ihre Schlußfolgerungen ebenso unannehmbar erscheinen, als die Prämissen, von denen sie ausgehen.“

Wir können diese Sprache der Donau-Zeitung nur billigen; sie stimmt mit dem überein, was die liberale preußische Presse der Berliner Regierung natürlich ganz vergebens empfiehlt. Die in Posen erscheinende Ostdeutsche Zeitung weist den Gedanken einer Intervention Preußens zu Gunsten Rußlands ganz entschieden zurück. Die Provinz Posen sei ganz ruhig und gebe zu keiner Befürchtung Veranlassung. „Eine preußische Intervention in Polen,“ sagt die Ostdeutsche Zeitung, „würde zur Zeit nicht den Charakter einer Unterstützung der Macht tragen, deren eigene Kraft durch Niederlagen geschwächt ist, sondern den einer gewöhnlichen Polizei-Execution. Wir trauen keinem preußischen Minister den Gedanken zu, den vierten Theil des preußischen Heeres zu Gendarmendiensten mißbrauchen zu wollen, zwei preußische Armeecorps zu Zwecken zu verwenden, für die die russische Regierung ihre eigenen Truppen zu gut zu halten scheint. Wir sind Feinde aller und jeder Interventions-Politik. Wir würden es nicht nur für einen schweren politischen Fehler halten, die Gemüther unserer polnischen Landsleute auf das tiefste dadurch zu verletzen, daß die preußische Regierung sich als den Henker aller nationalen Bestrebungen der Polen par excellence hinstellte; wir würden es auch als ein schweres Verbrechen gegen uns Deutsche in der Provinz betrachten, wenn die Regierung ohne alle und jede Veranlassung den Brand der Zwietracht und des Aufruhrs in unsere Provinz schleuderte und uns in die Mitleidenschaft eines Aufstandes hineinzöge, der uns zur Zeit noch gar nicht berührt und uns auch nicht in der Folge berühren dürfte.“

Sehr energisch sprechen sich auch die Nat.-Ztg. und die Köln. Ztg. im. gleichen Sinne aus. „Will man, „fragt ersteres Blatt, „auf die Politik des vorigen Jahrhunderts zurückgehen, so ist doch wenigstens in dieser Richtung auch nicht der allergeringste Vortheil abzusehen. Zu einem Vasallenstaate, der bei dem geringsten Anlaß für Rußlands Integrität Geld und Blut einzusetzen hätte, ist Preußen doch hoffentlich noch nicht herabgesunken. Soll damit bewiesen werden, mit welcher Leichtigkeit jedes preußische Ministerium jetzt zu beliebigen militärischen Operationen zu schreiten vermag, so wird auf diesem Wege der neuen Heeres-Organisation wahrlich am wenigsten die Stimme des Volkes gewonnen werden.“

Die Köln. Ztg. stellt sich ungläubig. „Die sogenannte „“Recrutirung““ in Polen ist die unmenschlichste That unseres Jahrhunderts, und eben deshalb, um dies vorauszunehmen, ist es auch unmöglich, vollkommen unmöglich, daß der Staat, der sich den gebildetsten Europas nennt, daß Preußen auch nur den Schein auf sich lade, sich zum Schergen einer so entsetzlichen Execution zu erniedrigen!“ Die Köln. Ztg. führt dann die Aeußerung der Nordd. Allgem. Ztg. an, wonach eine Einsprache der Westmächte gegen die preußische Intervention das Verhältniß zwischen den deutschen Großmächten und Rußland nur noch intimer gestalten würde, und sagt: „Also eine neue heilige Allianz gegen Frankreich mit Oesterreich, während noch soeben alle Plane des Herrn v. Bismarck mit Frankreich gegen Oesterreich gerichtet schienen. Man sieht, seine Plane wechseln rascher als der Wind. Aber wenn ihm auch der Einspruch sämmtlicher Großmächte eine Kleinigkeit scheinen sollte, so wollen wir doch bescheidentlich daran erinnern, daß noch jemand ein Recht der Einsprache hat: die preußische Landesvertretung. Die Zustimmung der Landesvertretung ist nach Artikel 48 der Verfassung zu allen Verträgen nöthig, welche dem Staate Lasten auferlegen. Wenn ein durch die Verfassung mündig gesprochenes Volk, wie das preußische, sein Blut vergießen soll, so verlangt es zu wissen, wofür.“ Die Kölnische Zeitung sieht nicht gut. Wenn Herr v. Bismarck die Verfassung dem preußischen Volke zuliebe nicht beachtet, sondern trockenlegt, weßhalb sollte er sie in der polnischen Sache einhalten? Er wird sich um Artikel 48 der Verfassung so wenig kümmern, als er sich um Artikel 99 gekümmert hat, und im Nothfalle sich mit der Person des Königs decken.

Die auswärtigen Blätter schweigen noch über die preußischen Interventions-Gelüste. Nur der Pariser Siècle gibt eine Meinung ab. „Wird Deutschland,“ so fragt er, „diese Erde, die so stolz darauf ist, die größten Denker der Neuzeit hervorgebracht zu haben, gestatten, daß Preußen sich durch eine solche Mithilfe entehre? Eine preußisch-russische Allianz gegen Polen wäre Schmach und Entwürdigung für Deutschland, und würde Frankreich in die Lage versetzen, auf seine eigene Vertheidigung bedacht zu sein. Erst nach Vernichtung der polnischen Macht sei im vorigen Jahrhundert die nordische Coalition zum erstenmal gegen Frankreich angerückt.“

Es fehlt natürlich auch nicht an guten Rathschlägen, welche Rußland bei dieser Gelegenheit ertheilt werden. Kaiser Napoleon, welcher gestern in seiner Antwort an die Adreß-Deputation der Kammer die „widrigen Leidenschaften“ verdammte, die überall in Europa aufflammen, soll, wie die Independence erzählt, vor einigen Tagen zu einem Ausländer von Distinction (wahrscheinlich einem russischen Abgesandten), der in vertraulicher Mission in den Tuilerien empfangen wurde und um die Meinung des Kaisers bezüglich der polnischen Unruhen und der Mittel, sie zu heben, bat, gesagt haben: „Heutigen Tages muß jeder Souverän aufmerksam die moralischen Aspirationen seines Volkes belauschen. Wäre ich Kaiser von Rußland, so würde ich mit den Concessionen nicht warten, bis ich dazu gezwungen bin. Für solche abgetrotzte Concessionen wissen die Völker keinen Dank, sie werden nur noch begehrlicher, denn sie fühlen, daß man dazu nur von der Furcht bestimmt wurde. Ich ließe mich durch die jetzigen Unruhen nicht nur nicht abhalten von Reformen, sondern ich würde den Kreis derselben nur erweitern. Was die Zukunft betrifft, so gibt es für Rußland nur Ein Mittel, Polen zu befriedigen — die Wiederherstellung der Verfassung von 1815.“ So erzählt man der Independance, die ihre Mittheilung natürlich nicht verbürgt.

Die Times sprechen sich übrigens in ganz ähnlicher Weise aus: Dem Aufstand kann nur durch eines von zwei Mitteln eine Ende gemacht werden — entweder durch eine langwierige und unbarmherzige Niederkämpfung der Rebellen oder durch eine Regierungsform, welche die Polen befriedigt und dem Kaiser die Achtung Europas zurückgewinnt. Ueber die erste Möglichkeit wollen wir keine Speculationen anstellen. Aber wir hoffen, daß ein Herrscher vom Charakter Alexander’s II. nicht für gut finden wird, die Gräuel von 1830 vor den Augen der heutigen Generation wieder in Scene zu setzen. Solch ein Frevel würde mit Recht alle Cordialität zwischen seiner Regierung und denen Westeuropas aufheben, und wahrscheinlich Rußland, wenn nicht von dem Souverän, doch von dem Volk und Parlament jedes constitutionellen Staates isoliren.

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