Schnupftabak essende Damen

Dieser Artikel wurde 3344 mal gelesen.

Die Presse (Wien), 17. Februar 1863

Wenn man gerade keine interessanten Kriegsneuigkeiten berichten kann, schrieb kürzlich ein Correspondent vom Armeecorps des unionistischen General Grant, so muß man über das Wetter, die Ernte oder sonst etwas schreiben. Ich glaube, ich thue am besten, wenn ich heute einmal über das Schnupftabaknäschen der südlichen Damen *) — wenigstens sehr vieler darunter — eine kurze Abhandlung liefere. In West- und Mittel-Tennessee scheint diese Sitte so einheimisch zu sein, daß sie nothwendig zu der Erziehung des zarten Geschlechtes gehört. Ich bin in die Geheimnisse dieser „noblen Passion“ Noch keineswegs so eingeweiht, daß ich sagen könnte, ob Rapper, Scotch und Maccoby **) zu den „Cosmetics“ und „Stimulanzen“ der Töchter des sonnigen Südens gehören. Der Proceß ist einfach. Gewöhnlich wird ein kleines Stückchen Span mit dem Speichel der Schönen befeuchtet, damit sich der pulverisirte Tabak anhängt. Sie taucht es dann in den Schnupftabak, zieht es heraus, und bringt es sofort zwischen ihre Zähne, wo der süße Bissen so lange bleibt, bis die ganze Schmackhaftigkeit aufgesogen ist. Eine andere Methode ist die: einen Löffel voll Tabak in ein Stückchen Tuch zu wickeln, und es dann tüchtig zu verkauen, wie wenn ein Stück Kauwachs (chewing gum) zwischen den Perlenzähnen wäre. Eine dritte endlich ist die: den Mund damit vollzustopfen, und den Tabak gerade so zu essen, als ob es Zucker wäre.

Man hat anderwärts keine Idee, wie diese excellente Kunst des Schnupftabaknaschens in den reichen und gebildeten Cirkeln der Südstaaten der ci-devant nordamerikanischen Union gepflegt und cultivirt wird. Ich will nicht sagen, daß alle dortigen Frauen diese Kunst practiciren. Es ist aber herkömmlich, daß ein junger Mann, der sich eine reiche Erbin von so und so viel Wollköpfen holen möchte, einen intimen Hausfreund im Vertrauen und privatim fragt: „Ißt der Engel Tabak?“ Aber das Geheimniß kann doch selten dem Freunde entlockt werden. Man muß gelegentlich dem schönen Wesen so nahe zu kommen suchen, daß man das Aroma ihres Athems schlürfen kann.

Es ist mir aus zuverlässiger Duelle gesagt worden, daß die jungen Seminar- und Pensionsladies des Südens die Wissenschaft des Schnupftabaknaschens schon los haben, wenn sie aus den Vorbereitungsclassen kommen. Rapper und Maccoby sind unter den „Extras“ der Boardings- und Pensionsbills aufgeführt. Jede Schülerin ist, wie ich vermuthe, angewiesen, sich bei ihrem Eintritt in eine solche Anstalt mit Servietten, Handtüchern und einer Flasche Schnupftabak zu versehen.

Unter den Entbehrungen und Entsagungen, denen sich, die südlichen Ladies seit dem Beginne des Krieges unterwerfen mußten, gibt es nicht leicht etwas, was sie schmerzlicher fühlen, als den Mangel an gutem Schnupftabak, der durch die Handels-Unternehmungen mit dem Norden herbeigeführt wurde. Ersatzmittel für Seide und Atlas waren leicht erdacht und erfunden. Weizen und Roggen ersetzten leicht den Ausfall von Kaffee. Aber nichts konnte den Platz des unabweislichen und unentbehrlichen Maccoby einnehmen. Ich zweifle nicht im geringsten, daß viele von den Friedensgebeten ihren Ursprung von der peinlichen und betrübenden Thatsache ableiten, daß der Süden nahe daran ist, durch Schnupftabak-Hungersnoth zugrunde zu geben.

*) Gemeint sind die Damen der Südstaaten von Nordamerika.
**) Namen der in den Vereinigten Staaten gangbarsten Schnupftabaksorten.

Siehe auch:

Dieser Beitrag wurde unter 1863, Amerika, Drogen, Geschichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar