Karneval 1863

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Berliner Gerichtszeitung, 19. Februar 1863

— Das fromme Köln schwelgt im Carnevalsjubel, daß der ernsthafte alte Dom schier mit seinem grauen Haupte wackelt. Der Karnevalszug vom 16. d. M. war einer der glänzendsten, den die Stadt je gesehen. Vor allen zeichneten sich die drei Wagen der Hanswürste, der Blüte der Nation und der japanesischen Gesandtschaft aus. Die Figuren darauf waren Muster von Humor und Satyre. Eine japanesische National-Hymne wurde gratis herumgereicht. Sie lautete in kölnischer Uebersetzung:

„Jo, Loyalitätenschwindel
Kümt bei uns doch noch nit vör.
Fingk mer do esu Gesindel
Wirft mer’t marsch doch vör de Döhr.“

Nicht weniger sinnreich war die Idee, daß der Verschönerungsverein den Kölnern in Wirklichkeit durch wandelnde Bäume, Blumen, Springbrunnen u. s. w. vorzeigte, was sie einst von ihm zu erwarten hätten. (Möchte doch unser Berliner Verschönerungsverein bei passender Gelegenheit von dieser sinnreichen Idee ebenfalls Gebrauch machen!) Auf dem Wagen, der die Blüthe der Nation vorstellte, sah man in den Bäumen allerlei Figuren, Junker, kleine Püppchen in bunten Jäckchen, Krebse u. s. w. statt der Blätter. Ueberhaupt spielten die Krebse eine bedeutsame Rolle. — Auch in Breslau wurde in der städtischen Ressource ein Narrenfest gefeiert. wobei ein Festspiel aufgeführt wurde: die Königswahl in Arcadien in einem Aufzuge aber zwei Aufzügen. Zuerst erschien Prologus und Gefolge mit den üblichen Zeichen der Narrenwürde. Dann kam er eingezogen. der König von Arcadien, aber nicht schäferlich, sondern königlich geputzt. begleitet von Frau Lätitia (Freude) und seinem Ministerium: v. Querloch (Aeußeres), v. Tollec (Krieg), v. Waldesel (Inneres), Pansche (Handel) Presche (Finanzen), Stutenberg (Cultus), Strehlitz (Justiz), Schweifwedel (Ceremonienmeister). Nachdem der Zug den Saal mit klingendem Spiel durchzogen, stellte er sich an den Stufen des Thrones auf, um der Staatsaction der Verleihung einer närrischen aber zeitgemäßen Verfassung beizuwohnen. Diese, durch Kürze und Klarheit ausgezeichnet, lautete: §. 1. der Fürst befiehl; §. 2. das Volk gehorcht! §. 3. die Minister sind nur ihrem Gewissen verantwortlich; §. 4. alle Gewissen sind aufgehoben. — „Sollte noch etwas,“ verkündete Jocus, „in der Verfassung vergessen sein, so regiere ich mit den Lücken.“ Ob darin viel Humor liegt, müssen die „närrischen“ Breslauer am besten wissen.

Hintergrund

Die Kölner Karnevalisten machen sich über die „Loyalitätsadressen“ an die preußische Regierung lustig. Dabei handelt es sich um arrangierte Veranstaltungen, die angeblich die Stimmung in der Bevölkerung widergeben sollen, die aber im Preußischen Verfassungskonflikt weit mehrheitlich auf Seiten des Abgeordnetenhauses steht.

Die Breslauer Narren zielen natürlich auf die preußische Regierung und das verfassungslose Regiment Bismarcks. Dieser bemüht zur Rechtfertigung die sogenannte „Lückentheorie“: wenn sich die beiden Häuser (Abgeordneten- und Herrenhaus) und der König nicht einig werden können, dann fällt die Macht an den König zurück, weil ein solcher Fall in der Verfassung nicht geregelt ist und eine „Lücke“ darstelle. Damit ist das Abgeordnetenhaus völlig überflüssig, weil es nur zur Zustimmung gebraucht, bei Ablehnung einfach übergangen werden kann.

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