Ritter als Öfen

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Berliner Gerichtszeitung, 24. Februar 1863

— Die feudale Partei ist bekanntlich eine Freundin „starker Rüstungen“ selbst für einen „schmalen Leib,“ ein Bild, das von dem Herrn Minister-Präsidenten sehr glücklich gewählt wurde, um seine Ansicht und die seiner elf Anhänger im Abgeordnetenhause über Preußens Stellung zur Armee-Reorganisation auszudrücken. Die Gegner dieser Ansicht behaupten nun, daß anstatt zu starken Rüstungen zu schreiten, deren Gewicht den schmalen Leib möglicherweise erdrücken oder ihm die freie Beweglichkeit rauben könnte, man letzteren vielmehr von innen heraus kräftigen und ihm vor allen die scharfen Waffen des männlichen Selbstbewußtseins und der Intelligenz in die Hand geben möge, denn „zu gebildet“ könne ein Volk nicht sein. Letztere Ansicht wird nun wieder von den Feudalen bestritten, denn sie sehen eine hohen Grad von Intelligenz in der Menge nur für ein Unglück an, da hierdurch der passive Gehorsam, den sie für die Quelle alles Staatsheils halten, allmählich ausstirbt. Das Ideal eines Kriegsmannes in ihrem Sinne scheint der schwergepanzerte, mit einem baumlangen Spieße bewaffnete Riese Goliath zu sein, der ein Uebermaaß an Muskeln und Knochen und eine bescheidene Dosis Hirn besaß. Leider hat die moderne Zeit die starken ritterlichen Rüstungen ganz außer Cours gesetzt, höchstens kann man sie für eine gräfliche Schloßgarde benutzen, wo sie nicht schaden und hübsch aussehn. In neuester Zeit hat aber der Präsident des Herrenhauses, Herr Graf zu Stollberg-Wernigerode, in seiner Vorliebe für diese Rüstungen und die sich daran knüpfenden hehren Erinnerungen des (sobald wie möglich wieder einzuführenden) Mittelalters einen eigenthümlichen Gebrauch von ihnen gemacht und damit auf der Londoner Weltausstellung Sensation erregt und zugleich Propaganda für den neupreußischen Feudalismus getrieben. Er läßt nämlich in seinen Eisenwerken geharnischte Ritter in Lebensgröße gießen, welche außer dem heroischen Eindruck, den sie, in Zimmern aufgestellt, nothwendig hervorrufen, noch den practischen Zweck haben als — Oefen zu dienen. Eine gewiß ebenso künstlerisch schöne, wie politisch interessante Idee, da sie offenbar dazu beiträgt das Ritterthum auf die wärmste Weise selbst in den bürgerlichen Haushalt einzuführen.

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