Verdächtigungen der offiziösen Presse

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Kladderadatsch, 22. Februar 1863

Aus der Gegend von Thorn. So eben ist wieder ein polnischer Emissär verhaftet worden. Man fand bei demselben eine Menge haarscharf geschliffener Messer, Büchsen, Pulver und auch weiße Binden, die höchst wahrscheinlich als geheime Verbindungszeichen benutzt werden sollten. Eine in der Tasche des Emissärs gefundene Namenliste hat zur Entdeckung einer weit verzweigten Verschwörung geführt, in welche Männer aller Stände verwickelt zu sein scheinen. Eine Verstärkung der in unserer Gegend liegenden Truppen dürfte daher dringend geboten erscheinen.

(Officiöse Correspondenz.)

Der Emissär bat gestanden, daß er den auf der Namenliste genannten Häuptern seit längerer Zeit gedient und ihnen Nachrichten aller Art zugetragen habe. Eine Verstärkung der Garnison in unseren kleinen Städten ist nicht länger zu verschieben.

(Officiöse Correspondenz.)

Einem Qbservanten, welcher mit dem verhafteten Emissär in eine Zelle gesperrt worden, sind wichtige Enthüllungen gelungen. Der Emissar — ein unzweifelhaft sehr gefährliches Individuum — sprach davon, daß er hoffe, noch manchen Kopf vors Messer (sic!) zu nehmen, und Mancher werde Haare lassen müssen, der es nicht vorzöge, sich bei Zeiten selber zu scheeren (sic!!) Es wird sich zeigen, daß nur durch einen starken Aderlaß — so äußerte er wörtlich — die Krisis zu beenden. Er sprach außerdem von der Nothwendigkeit des Schröpfens, und von Blutsaugern — womit er natürlich die Feudalpartei meinte — von Brenneisen u. s. w. Das Gebot energischer Hilfe durch bedeutende Truppensendungen tritt immer dringlicher an uns heran.

(Officiöse Correspondenz.)

Herr Redakteur! So eben ist hier auf Denunciation eines Concurrenten ein — Barbier verhaftet worden, der sich für Polen ausgesprochen hatte. Man fand bei ihm natürlich nichts weiter als Pomaden-Büchsen, Zahnpulver, Rasirmesser. Streichriemen und ein chirurgisches Besteck. Was die Officiösen von einem Emissär melden, reducirt sich auf diese simple Thatsache, welche zu verbürgen sich bereit erklären

sämmtliche Bewohner unserer Gegend.

Hintergrund

Preußen hat soeben eine Vereinbarung mit Rußland getroffen, die Alvenslebensche Konvention, deren Inhalt noch geheim ist, aber bei der es, soweit man weiß, darum geht, daß beide Staaten bei der Verfolgung von polnischen Aufständischen auch auf dem Gebiet des anderen Staates operieren dürfen. Gerechtfertigt wird das von Seiten der preußischen Regierung damit, daß der polnische Januaraufstand im Königreich Polen (unter russischer Herrschaft) auch auf die polnischen Gebiete in Preußen übergreifen könnte. Allerdings gibt es hierfür keine Anhaltspunkte. Angehalten werden um die Zeit allein einige polnische Studenten, die die Grenze auf die russische Seite überqueren möchten, um sich dort dem Aufstand anzuschließen. Die Dramatisierung dieser einzelnen Vorkommnisse wird vom Kladderadatsch auf die Schippe genommen. Wie man an der Auflösung sieht, betätigen sich Barbiere auch nebenberuflich als Chirurgen.

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