Die polnische Frage im englischen Oberhause

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Die Presse (Wien), 25. Februar 1863

London, 21. Februar.

Gestern fand im Oberhause der „erste Wortaustausch“ über Polen statt. Graf Ellenborough, von dem die Interpellation an die Regierung ausging, galt bisher als einer der „stillen Bewunderer“ des liberalen Czars. Bei mehr als Einer Gelegenheit seit 1856 hatte er das Aufgehen Polens in Rußland vor den patres conscripti des englischen Senats proclamirt. Er ist außerdem alter Specialfreund Louis Napoleon’s.

Ellenborough also erkundigte sich bei der Regierung, ob sie Depeschen des britischen General-Consuls zu Warschau betreffs der polnischen Insurrection vorzulegen habe? ob das russische Cabinet Mittheilungen über den Ursprung der Insurrection gemacht oder das preußische Cabinet über seine Convention mit Rußland? Er selbst ist so naiv, zugestehen, daß ihn die Nachricht von der Insurrection Polen aufs schmerzlichste überraschte. Er hat umgekehrt geglaubt, seit 18 Monaten sei alles im besten Gang — versöhnliche Eröffnungen des Czar an die polnische Nation, Sendung des Großfürsten Konstantin mit Familie nach Warschau u. s. w. Er, wie die übrigen gemäßigten Freude der Polen, habe ihnen bereitwillig Kooperation mit der russischen Regierung anempfohlen. Aber während alles dieses vorging, habe die russische Polizei im Stillen Buch aufgenommen über die politischen Meinungen jedes Polen, und in der Nacht vom 21. Jänner seien russische Soldaten plötzlich auf Grund einer erst um 10 Uhr derselben Nacht gezeichneten Ordre in die Privatwohnungen Warschaus eingebrochen, um dort wohnende Personen gewaltsam in die Armee zu pressen. Man habe nicht die zum Militärdienst tauglichsten Personen gepreßt, sondern Personen, deren politische Ansichten der Polizei „lebenslängliche Verurtheilung zur russischen Armee“ meist zu verdienen schienen. Daher die Flucht der Bedrohten in die Wälder, daher der bewaffnete Widerstand, diese Ausgeburt nicht berechnender Reflection, sondern der Verzweiflung. In der That blieb keine andere Wahl. Es galt eine Bartholomäusnacht gegen die Nation, und die Nation erhob sich zur Rache. Unter diesen Umständen sei es klar, daß die russische Regierung die Insurrection „absichtlich provocirt“ habe. Er hoffe, daß das englische Cabinet diese Thatsache constatiren und sich damit zum Ausdruck der öffentlichen Meinung in England machen werde … So lange Sinn für militärische Ehre in Frankreich existire und Erinnerung an alte Waffenverbrüderung, müsse das Herz Frankreichs mit Polen sein. Und Louis Napoleon sei ein zu ängstlicher Beobachter jedes Zuges der öffentlichen Meinung, um sich lange wider die Gefühle des französischen Volkes und der französischen Armee zu sperren. Oesterreich habe von vornherein loyal gehandelt. Weder Rußland noch eine andere Macht könne ihm den leisesten Vorwurf machen. „Aber was sollen wir von Preußen sagen? Erst vor wenigen Wochen mahnte König Wilhelm seine Armee und sein Volk zur Feier des königlichen Aufrufes von 1813. Das preußische Volk erhob sich damals zur Behauptung seiner Unabhängigkeit. Was Preußen heute ist, verdankt es denselben Gefühlen und Principien, die es jetzt an der polnischen Grenze angreift. Meine Lords, das ist unmöglich. Es widerspricht der Natur, den Gefühlen der Nationen und der Armeen. Sollte der König von Preußen den verschiedenen Wandlungen, die sein Volk bereits so erbittert haben, noch das Attentat hinzufügen, durch seine Armee dieselben Principien auszustampfen, denen er die Unabhängigkeit und Ehre seines Landes schuldet, so wird eine Krise in jenem Königreich ausbrechen, die sich weiter erstrecken und wieder alle Staaten Europas desorganisiren kann.“

Auf Ellenborough’s Rede, die mit lauten Cheers begrüßt ward, erwiderte John Russell in sehr gedämpftem, halb unverständlichem Ton, und mit einer Art Befangenheit, die sonst eben nicht den edlen Lord zu charakterisiren pflegte in seinen internationalen !speeches“ und „letters“. Er sagte im wesentlichen Folgendes:
Im ganzen wolle er es möglichst vermeiden, seine „Meinung“ über die Vorgänge in Polen auszusprechen. Die Berichte des General-Consuls zu Warschau könne er nicht vorlegen, ohne dessen Situation unhaltbar zu. machen. Der jetzige Ausbruch sei kein so plötzliches und unerwartetes Ereigniß gewesen, wie Ellenborough wähne. Man werde sich erinnern, daß im vergangenen Jahre eine Reihe großer kirchlich-patriotischer Demonstrationen zu Warschau stattfand. Es war vorherzusehen, daß dies mit Concessionen des Czars oder mit gewaltsamen Ausbrüchen enden müsse. Man müsse drei Volksclassen in Polen unterscheiden: Grund-Aristokratie, städtische Mittelclasse und Bauernschaft. Die Grund-Aristokratie sei jedem gewaltsamen Ausbruch abgeneigt gewesen, habe aber beschlossen, ihre Beschwerden und Forderungen der Krone vorzulegen. Was sie verlangte, war konstitutionelle Regierung, das Recht der Repräsentation und eine aufgeklärte Administration, überwiegend aus Polen selbst zusammengesetzt, günstig der Religion und Sprache des Landes. „In Bezug auf diese letzteren Punkte stimmten sie mit den Absichten des Kaisers überein.“ (!) Im Gegensatz zu seinen Vorgängern, begünstigte Alexander II. die nationale Entwicklung Polens, und verfolgte sehr aufgeklärte Regierungs-Maximen. Die Grund-Aristokratie glaubte daher im Sinne Alexander’s und seines Bruders Konstantin zu handeln, als sie eine Adresse entwarf, worin erstens die Wiedereinverleibung einiger seit 1772 getrennten Provinzen, andererseits constitutionelle Regierung verlangt wurde. Diese Wünsche ähnelten den von Alexander I. „verkündeten“, und widersprachen keineswegs den allgemeinen Bestimmungen der Wiener Verträge, die er so sehr beeinflußt hatte. Sobald jedoch diese Adresse, gezeichnet von mehr als 200 der größten polnischen Grundeigenthümer, eingereicht wurde, erklärte man die Anhänger derselben gewissermaßen für Staatsverbrecher, und ihr Ueberbringer. Graf Zamoyski, ward bedeutet, daß sein fernerer Aufenthalt in Polen den Landesfrieden gefährde. Er verließ seine Heimat, um nach England zu gehen. In dieser Art scheiterte der Versuch der polnischen Aristokratie, ihre National-Bestrebungen mit Loyalität gegen die russische Dynastie zu vereinen.

Die Mittelclasse ihrerseits, an jeder Verbesserung der Administration verzweifelnd, bildete besonders zu Warschau geheime Gesellschaften, worin extreme Ansichten vorherrschten. Es war in der Ordnung, wenn der Czar einerseits diese Gesellschaften streng überwachte, gerichtlich verfolgte und hart strafte, andererseits aber mit seinen administrativen Verbesserungsplanen.voranging, um zu zeigen, daß selbst mit russischer Herrschaft das Glück des polnischen Volkes vereinbar. (!) Unglücklicherweise aber faßte die russische Regierung auf des Marquis Wielopolski Anrathung einen andern Entschluß. Die Conscriptions-Maßregel mußte das Volk zur Verzweiflung treiben. – Die russische Regierung verließ ihre eigenen gesetzlichen Bestimmungen von 1859. Sie verlegte die Conscription von dem Lande nach der Stadt. Die Conscriptionslisten wurden in der That zu politischen Proscriptionslisten. Die Mitglieder der geheimen Gesellschaften wurden zur Verzweiflung getrieben. Sollten sie einmal als Soldaten dienen, so zogen sie vor, ihren letzten Blutstropfen für Polen zu verspritzen, statt ihr Leben in fernen Landen russischen Zwecken zu opfern. Auch die nicht in den geheimen Gesellschaften Einrollirten, fürchteten den Verdacht, flohen und schlössen sich der Insurrection an. Kein russischer Minister wird wagen, diese Conscriptions-Maßregel zu rechtfertigen. In einer Privatunterhaltung mit dem russischen Gesandten und in einem Schreiben an unsern eigenen Gesandten zu Petersburg konnte ich mich nicht enthalten, meine Meinung auszusprechen, daß es der unklugste und ungerechteste Schritt war, den die russische Regierung thun konnte. (Beifallsruf.)

In Bezug auf die preußisch-russische Convention hatte ich Unterhaltungen mit dem russischen und preußischen Gesandten. Sie haben mir keine Copie der Convention mitgetheilt, sondern mich nur über die allgemeine Natur derselben unterichtet. Der russische Gesandte erklärte mir heute, es sei auf Seite Preußens keine Convention zur Unterdrückung der Insurrection in Polen. Jedoch solle Preußen nicht völlig neutral bleiben. Auf preußischen Boden geflüchtete russische Truppen sollten nicht nur ihre Waffen behalten, sondern berechtigt sein, polnische Insurgenten auf preußisches Gebiet zu verfolgen, und wo möglich zu fangen. (Hört! Hört!) Was Oesterreich betrifft, so hat der österreichische Gesandte mir eine Depesche vorgelesen, betreffend die von seiner Regierung einzuschlagende Politik. Die österreichische Regierung erklärt, sie werde sich nicht in die polnische Insurrection einmischen, wol aber genau ihren Verpflichtungen gegen Rußland nachkommen. Sie werde weder Waffen noch Munition über die Grenze schicken lassen, noch bewaffneten Insurgenten erlauben, das österreichische Territorium zu Einfällen in Rußland zu benützen. Ueber das hinaus werde sie keine Maßregeln ergreifen. Die österreichische Regierung erkläre im Namen des Kaisers, daß den Galiziern alle von ihnen bisher genossenen Privilegien, verbleiben sollen, daß die vor dem Ausbruch der Insurrection in Galizien befindliche Truppenzahl nicht vermehrt, sondern gänzlich auf die Treue des Volkes vertraut werden soll. (Laute Cheers.) Ich konnte nicht umhin, fuhr Graf Russell fort, dem preußischen Gesandten zu bemerken, daß, meiner Meinung nach, die preußische Regierung durch ihre Theilnahme an der Unterdrückung der Insurrection gewissermaßen post festum sich für die Conscriptions-Maßregeln verantwortlich machte. (Laute Cheers.) Rath zu ertheilen, sei übrigens bedenklich. Man müsse vorläufig abwarten, ob die Insurrection die Dimensionen einer nationalen Erhebung annehme.

Die Daily News bemerken, Russell habe seine Rede innerhalb diplomatischkühler Grenzen halten müssen. Bemitleidenswerth sei die Lage des preußischen Volkes. Es sei aber keineswegs ehrenwerth für ein Volk, Mitleid einzuflößen. Die Morning Post meint, wenn die Polen einigermaßen erfolgreich operiren, werde Preußens Regierung, „ebenso feig als anmaßend“, vor jeder weiteren Offensive zurückbeben. Der Daily Telegraph endlich beschuldigt Preußens Regierung mit jener Rußlands vereint, „Kidnapper“ (Menschenräuber, Seelenverkäufer) zu sein. Und nicht ein einziges Organ der Presse, tägliches oder wöchentliches, plaidirt auch nur die „mildernden Umstände“ für Preußen.

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