Silbernes Schlafstellen-Jubiläum

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Berliner Gerichtszeitung, 26. Februar 1863

Am Sonntag ist in dem Hause Prinzenstraße 37 ein Jubiläum gefeiert worden, wie es auf der Welt wohl noch nicht vorgekommen ist. Dort wohnt eine schon bejahrte Dame, welche Schlafleute hält. Einer der Schlafburschen, ein Arbeiter in einer hiesigen Fabrik, feierte nun am Sonntag sein 25jähriges Jubiläum als Miether bei dieser Wirthin. Sämmtliche Schlafleute der alten Dame hatten zu dem Behufe zusammengelegt und ein Festmahl einfacher aber gemüthlicher Art arrangirt, das in der fröhlichsten Weise verlief. Der Tag war übrigens ein Doppelfest für die Schlafwirthin. Sie empfing nämlich an demselben eine alte Freundin, die lange Zeit in der Charité so schwer krank gelegen hatte, daß schon jede Hoffnung auf Wiederherstellung geschwunden war. Dessenungeachtet war die Kranke vollständig genesen und stattete am Sonntag der alten treuen Freundin den ersten Besuch ab. Sie wurde von Letzterer, die von allen ihren Schlafburschen umgeben war, in einem mit Guirlanden verzierten Zimmer feierlich und mit dem von allen Anwesenden angestimmten Liede: „Nun dankt alle Gott“ empfangen. Die Scene muß unendlich ergreifend gewesen sein. — Man muß übrigens nicht etwa glauben, daß die alte Dame etwa ihre Schlafburschen verhätschelt. Sie sieht im Gegentheil mit großer Strenge darauf, daß sie Morgens pünktlich aufstehen, um zu rechten Zeit zur Arbeit zu gehen, sowie daß sie Abends zur gehörigen Zeit nach Hause kommen. Langschläfer werden von ihr mit einer großen Besenruthe auf das Unbarmherzigste aus dem Bett getrieben und Nachschwärmer duldet sie überhaupt nicht in ihrem Hause. Dagegen sorgt sie aber mit wahrhaft mütterlicher Sorgfalt für das leibliche Wohl ihrer Miether, die sie trotz ihrer Strenge ingesammt „Mutter“ nennen. Man wird uns zugeben, daß es solche Schlafwirthschaften in Berlin nicht viele giebt.

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