Zur polnischen Frage

Dieser Artikel wurde 3284 mal gelesen.

Die Presse (Wien), 27. Februar 1863

Lord Palmerston, 1855 (Quelle: Wikipedia)

Lord Palmerston, 1855 (Quelle: Wikipedia)

Es hat nicht geringes Aufsehen erregt, als in der dritten oder vierten diesjährigen Sitzung des Hauses der Gemeinen an Lord Palmerston wiederholt die Frage gerichtet wurde, ob es wahr sei,daß zur Zeit des Krimkrieges den Westmächten vom Wiener Cabinete ein auf die Reconstruirung Polens abzielender Vorschlag gemacht wurde. Lord Palmerston leugnete, nachdem diese merkwürdige Frage wiederholt gestellt worden, daß ein solcher Vorschlag von Oesterreich gemacht worden sei. Aber mit den Ableugnungen Lord Palmerston’s ist es immer eine eigene Sache gewesen. Vor wenigen Tagen leugnete er, daß es eine österreichische Note Über die Abtretung der ionischen Inseln, gebe, was natürlich nicht hindert, daß diese Note existirt. Von Disraeli vor mehreren Jahren einmal befragt, ob die französische Regierung der englischen nicht gewisse „Vorschläge“ gemacht habe, erwiderte er: von derartigen „Vorschlägen“ sei ihm nichts bekannt, die französische Regierung habe der englischen nie etwas Aehnliches vorgeschlagen“. Ein paar Tage darauf zog Disraeli die Beweise für seine Behauptungen aus der Tasche. „Ich habe die Wahrheit gesagt,“ erwiderte Lord Palmerston, „ich habe gesagt, die französische Regierung habe uns keinen „“Vorschlag““ gemacht; sie hat uns blos eine diplomatische „“Eröffnung““ gemacht. Und so war es. Das Ding war kein „Vorschlag“, sondern eine „diplomatische Eröffnung“, und Lord Palmerston hat Recht behalten.

Nun gibt es auch heute sehr viele Leute, welche glauben, daß Lord Palmerston, als er neulich die Existenz eines österreichischen Vorschlages bezüglich Polens leugnete, nicht alles gesagt hat, was er wußte. Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung, ein in neuerer Zeit vielgenanntes Blatt, bringt in ihrer Nummer vom 19. d. eine Londoner Correspondenz, deren Verfasser sich mit der Ableugnung Lord Palmerston’s näher beschäftigt und dabei allerlei pikante Daten anführt. Der Fragesteller im Unterhause, Herr Hennessey, ist, nach Versicherung des Berliner Blattes, vom Grafen Zamoyski inspirirt, und dieser Gewährsmann behauptet, Oesterreich hake zur Zeit des Krimkrieges nicht einen Vorschlag zur Wiederherstellung Polens gemacht, sondern sich einfach erkundigt, ob die Alliirten gesonnen seien, Polen so wiederherzustellen, daß es nicht von Rußland abhänge.

„Als die Antwort ungünstig lautete,“ fährt die Londoner Correspondenz der Norddeutschen Allgemeinen fort, „hat Oesterreich die Sache fallen lassen. Ich muß noch erwähnen, daß ein Freund Zamoyski’s, General ScharnofSki, im Mai 1854 erklärte: „Ich habe einen Brief Bourqueney’s (des französischen Gedandten in Wien) an einen Freund in Paris gelesen, worin es heißt, Oesterreich habe sich erboten, zur Wiederherstellung Polens behilflich zu sein, wenn England und Frankreich mitwirken wollten.““ Wie ich aus einer Quelle höre, die mehr Glauben verdient, als Lord Palmerston, nahm die französische Regierung, die damals noch nicht von Rußland umgarnt war, den österreichischen „“Vorschlag““, Wink, oder wie wir es eben nennen mögen, günstig auf, wurde aber durch die englische Regierung von dem Plan abgebracht. Diese Angaben finden eine gewisse Bestätigung in dem Umstand, daß die englische Regierung bis auf den heutigen Tag nicht dazu zu bewegen war, die auf die damaligen Unterhandlungen mit Oesterreich sich beziehenden Actenstücke zu veröffentlichen. Was nun die Behauptung Lord Palmerston’s betrifft, die Wiederherstellung Polens sei gegen das österreichische Interesse, so ist das eine Ansicht, die ich nicht zu discutiren habe, die aber jedenfalls nicht von der österreichischen Regierung getheilt wird. Ohne auf das prophetische Wort der Kaiserin Maria Theresia zurückzugreifen, will ich folgende Thatsachen anführen, welche dies beweisen. Während der Schilderhebung von 1831 erhielten die Polen von österreichischer Seite allen Beistand, der ohne eine stricte Kriegserklärung an Rußland geleistet werden konnte. Fürst Metternich empfing den polnischen Gesandten Zamoyski, anfangs geheim, später öffentlich, und schloß jede Unterredung mit den Worten: „Gewinnen Sie die englische und französische Regierung. Wir können uns nicht rühren, ohne die Gewißheit, daß jene beiden Regierungen ernstlich entschlossen sind, Rußland ein- für allemal einen Damm zu setzen.“ (To check Russia once and for ever, englische Uebersetzung des Zamoyski’schen Berichts.) Zu jener Zeit schickte Kaiser Franz II. dem polnischen Gesandten, durch Graf Kolowrat, nachstehende vertrauliche Botschaft: „Ich fühle, daß ich meinem Ende nahe bin. Ich habe bald vor meinem Richter zu erscheinen. Der Besitz Galiziens lastet auf meinem Gewissen. Ich würde glücklich sein, wenn ich Polen wiederherstellen könnte, vorausgesetzt, es fiele nicht an Rußland.“

Einige Jahre später (1835) brachte der englische Gesandte Herr Henry Fox (Lord Holland) die polnische Frage bei Fürst Metternich zur Sprache, und setzte auseinander, wie wichtig die Wiederherstellung dieses Landes für Oesterreich wäre. Fürst Metternich erwiderte: „Geben Sie mir die Versicherung, daß Polen binnen 24 Stunden hergestellt ist, und ich habe nichts einzuwenden. Aber halten Sie die Sache nicht für so leicht. Es bedarf dazu Ihrer (der englischen) und der französischen Hilfe. Geben Sie mir die Zusicherung, daß England mitwirken wird, und ich bin bereit. Ich verlange keine Entschädigung. Die Entschädigung liegt in der Wiederherstellung der Barriere zwischen uns und Rußland.“

Hat sich das Verhältniß Oesterreichs zu Rußland seitdem wesentlich geändert? fragt der Correspondent der Nordd. Allg. und schließt in folgender Weise: „Daß England, das England Palmerston’s, die Wiederherstellung Polens, für die es in der Phrase schwärmte, thatsächlich hintertrieben hat, erhellt aus der Depesche Lord Palmerston’s vom 22. Juli 1831, welche vor anderthalb Jahren, nachdem sie 30 Jahre lang verheimlicht, dem Premier durch Herrn Hennessey abgepreßt wurde. In dieser Depesche weist Lord Palmerston den Vorschlag Talleyrand’s auf Vermittlung zwischen Russen und Polen deshalb zurück, weil das Anerbieten der Vermittlung, wenn von Rußland verworfen, die Mächte zu einem Krieg gegen Rußland zwingen würde. Fürst Talleyrand hatte freilich nicht an eine Vermittlung gedacht, die ohne Folgen bleiben sollte. Ungeachtet dieser Antwort verbreitete Lord Palmerston geflissentlich das Gerücht, er habe sich für Polen bemüht, sei aber an Frankreich gescheitert; gerade wie während des KrimkriegeS seine Organe in alle Welt herausposaunen mußten, Oesterreich habe aus Freundschaft für Rußland den Eintritt in die Allianz der Westmächte verweigert. So viel für heute. Mit der Zeit sollen Sie mehr erfahren. Herr Hennessey wird nicht schweigen, Graf Zamoyski wird nicht schweigen. Und Andere, welche Beweisstücke in Händen haben, werden hoffentlich auch nicht schweigen.“

Wir sind sehr entfernt, irgend etwas von dem hier Angeführten verbürgen zu wollen, aber alle diese Dinge ermangeln sicher nicht des größten Interesses, und wenn nur ein Theil davon der Wahrheit entspricht, so wird dadurch Manches aufgeklärt, was in Bezug auf die Stellung der verschiedenen Regierungen zu der polnischen Frage in jüngster Zeit dunkel und widerspruchsvoll erschienen ist.

Siehe auch:

Dieser Beitrag wurde unter 1863, Geschichte, Großbritannien, Österreich, Polen, Rußland veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar