Preußen und Rußland

Dieser Artikel wurde 2753 mal gelesen.

Berliner Gerichtszeitung, 28. Februar 1863

— Hört! Hört! Die Neue Preußische Zeitung sagt in einem ihrer letzten Leitartitel: Wenn Preußen die Ostseeprovinzen verliert, so ist es nicht mehr Preußen. Sollte es aber durch eine höhere Macht sie verlieren, so müßten wir uns darein fügen. Diese höhere Macht kann doch offenbar keine andere sein, als die russische. Bereits 1813 hatte diese bekanntlich den Wunsch, Königsberg und Danzig zu annectiren. Jetzt, 50 Jahre nach jener Periode, erklärt das Organ der Reactionspartei sich in die Annexion durch jene höhere Macht fügen zu müssen, obwohl dann Preußen nicht mehr Preußen ist. Wenn eine liberale Zeitung öffentlich zu erklären die Stirne gehabt hätte, daß wir uns in den Verlust der Rheinprovinzen, sobald dabei eine höhere Macht im Spiele wäre, fügen müßten, welch ein Sturm der Entrüstung hätte, und zwar mit Recht, die Spalten der Neuen Preußischen Zeitung durchtobt! Er ist daher vollkommen unbegreiflich, wie dieselbe eine solche Aeußerung, welche doch nicht anders als landesverrätherisch zu nennen ist, nackt und kalt aussprechen kann. Freilich wird sie mit heuchlerischem Augenverdrehen unter der „höheren Macht“ die Macht Gottes verstehen wollen; diese aber äußert sich doch nur durch irdische Organe, und daß wir uns ohne Weiteres in dar Wirken und Belieben solcher fügen und nicht den letzten Hauch von Kraft Menschenalter hindurch daran setzen sollten, um unsere Brüder in den Ostseeprovinzen vor dem lebendigen Tode unter russischer Herrschaft zu wahren das — ist eben nicht die Meinung der Neuen Preußischen Zeitung. Sie ist also bereits in Russland aufgegangen und der „Vatermord“, wie der ehemalige Kriegsminister v. Bonin sehr bezeichnend während des Krimkrieges das Eintreten Preußens für Rußland nannte, ist in ihren Gedanken vollzogen. Leider hat jene Zeitung das traurige Vorrecht, die Ideenfabrik der Reaction zu sein und die Krautjunker mit oberfaulen Anschauungen zu versehen.

Hintergrund

Bismarck kann sich der Neuen Preußischen Zeitung (wegen des eisernen Kreuzes im Titel meist auch einfach „Kreuzzeitung“ genannt) durchaus bedienen, um seine Überlegungen in die Öffentlichkeit zu bringen. Ob das hier der Fall ist, läßt sich nur schwer ermessen. Daß es aber eine gewisse Abstimmung gegeben haben könnte, erscheint nicht unwahrscheinlich. Der Artikel paßt nämlich sehr gut in die allgemeine außenpolitische Linie des preußischen Ministerpräsidenten, der sich gerade gegen die gesamte öffentliche Meinung in Europa und auch die der inländischen Opposition beim polnischen Aufstand auf die Seite Rußlands gestellt hat. Das ist kein Zufall: durch diese Solidarisierung mit dem Zarenreich wird Bismarck sich für die Kriege 1864 gegen Dänemark, 1866 gegen Österreich und 1870 gegen Frankreich den Rücken freihalten. Man kann den Leitartikel insofern als eine Art Angebot verstehen, die Ostseeprovinzen für ein russisches Stillhalten oder sogar Unterstützung abzutreten. Denn aktuell gibt es gar keine Forderungen von russischer Seite, die eine derartige Überlegung nahelegen würden.

Siehe auch:

Dieser Beitrag wurde unter 1863, Bismarck, Geschichte, Polen, Preußen, Rußland veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar