Die militärische Bedeutung des Polen-Aufstandes

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Lokomotive an der Oder, 3. März 1863

Es dürfte für manchen der Leser von Interesse sein, das Urtheil eines höheren österreichischen Militärs der den Schauplatz der jetzigen Insurrection genau kennt, über den jetzigen Aufstand zu erfahren. Die Erhebung, schreibt er, wurde äußerst klug geleitet; denn der Aufstand brach in sehr kurzer Zeit fast im ganzen Lande gleichmäßig aus. Nur die nach einem tadellosen Plane angelegten Festungen des Landes und einige größern vom Militär stark besetzten Plane blieben von der Empörung bis jetzt unberührt. Gleich von vornherein machte sich eine gute, einheitliche Leitung bemerkbar. Die einzelnen kleinen Insurgentenhaufen von 100 bis 300 Mann folgten ihnen unbekannten Führern und vereinigten sich in der Regel an schwer zugänglichen Punkten zu größeren Schaaren. Diese suchten sich nun in Besitz der kaiserlichen Kassen, von Munition und Pferden zu setzen und nun ging der Plan dieser stärkeren Abtheilungen darauf, die Haupt-Communicationdwege des Landes weg zu nehmen.

Solcher Hauptstraßen giebt es vier: nach Petersburg, nach Moskau, nach Preußen und nach Galizien. Nun sarnmelten sich Reiter, Jäger und Sensenmänner-Banden in den jenen Straßen nächstgelegenen Wäldern, um den Zuzug frischer Truppen aus Rußland zu hindern oder zu erschweren und zu verspäten, oder, um sich eine Rückzugslinie nach Preußen oder Oesterreich offen zu halten. An dem Hauptwege von Warschau nach Moskau setzte sich nun eine stärkere Insurgentenbande in der Stadt Wengrow und Umgegend fest; ihre bis jetzt unbekannten Führer legten sich die Namen Falke (sokol) und Fliege (mucha) bei. Jetzt rückten von verschiedenen Seiten vier russische Colonnen an, um, nach dem Plane des Großfürsten Constantin, diesen Hauptstock der Insurgenten in jenen Winkel zu treiben, der von den Flüssen Bug, Narew und Weichsel gebildet und von den Festungen Sierock, Modlin und Warschau beherrscht wird, um dort die Insurrection durch einen Hauptschlag zu unterdrücken. Der Plan gelang nicht; Sokol setzte es durch, die Straße nach Litthauen über Grogow nach Sokolow zu erreichen, diß geschah am 3. und 4. Februar; eine andre InsurgentenAbtheilung drängte die russische Colonne des Grafen Nostiz zurück, erzwang den Uebergang über den Bug bei Jonow und drang gleichfalls in Litthauen ein. Dort vereinigten sich die Schaaren wieder, schwollen durch Zuzug auf mehre Tausend Mann und bestanden ein glückliches Gefecht gegen den General Maniukin.

Minder bedeutend war die Insurrection im Gouvernement Augustowo und in den Wäldern von Nasielsk längs der nach Petersburg führenden Straße. Zwar waren die Banden zahlreich, die sich auch hier erhoben, von ihren Führern Wolowicz und Graf Czapski galt wenigstens letzterer für einen tüchtigen Cavallerie-Officier, aber außer einigen unbedeutenden Gefechten gaben sie kein Lebenszeichen von sich und scheinen sich nur im Zerstreuen und wieder Sammeln geübt zu haben. An der Hauptstraße nach Preußen zu, die Umgegend von Plotzk, Radom und Krakau bedrohend, stehen ziemlich zahlreiche Insurgenten-Schaaren unter dem Befehle Godlewski’s und des Grafen Tyszkiewicz. Diese Schaaren schlugen sich in der ersten Hälfte des Februar bei Meszonow, Rawa, Bolinow und Plotzk mit den Russen herum; da sie aber in der Mehrzahl der Gefechte den Kürzeren zogen, so zerstreuten sie sich in den dortigen Wäldern und abgelegenen Walddörfern.

Der stärkste Trupp steht im Südwesten, im Gouvernement Radom, und dem russischen Bezirke von Krakau; ihre Aufgabe ist, die Straße nach Krakau und die Eisenbahn nach Oberschlesien zu beherrschen. Hier hatte den Oberbefehl Langiewicz, ohngefähr über 5000 Mann, unter ihm standen Kurowski und Frankowski. Die russischen Generale versuchten nun zunächst, sich zwischen die einzelnen Abtheilungen dieser größten Insurgentenschaar einzudrängen, um ihre Verbindung zu hindern; Fürst Bagration rückte mit einer Colonne zwischen Langiewicz und Kurowski und General Marx rückte geradezu auf das Lager des Langiewicz in Wonchok vor, wo es zu einem blutigen Treffen kam und die Polen sich nach Süden zurückzogen, nach dem Kloster Swienty Krzyz (heiligen Kreuz) am 11. und 12. Febr. hier verdrängt, zog er südwestlich um sich in Ojcow mit Kurowski zu verbinden, der freilich unterdeß bei Miechow von weit überlegenen Streitkräften geschlagen war (18. Febr.). Von der Abtheilung, welche Frankowski führte, wurde ein Theil sammt dem Anführer geschlagen und zog sich über die galizische Grenze zurück, die bei weitem stärkere Abtheilung, gegen 2000 Mann, aber bemächtigte sich der Stadt Dubienka am Bug und drang in Volhynien vorwärts, ohne daß von ihren Erfolgen bis jetzt sichere Nachricht uns zugekommen wäre.

Die Insurgenten haben während des Februar gezeigt, daß sie überlegenen russischen Truppenmassen mit Geschick ausweichen; sie haben die vier Hauptstraßen — selbst wenn sei geschlagen waren — immer wiederbesetzt und obwohl sie sich von der Preußischen Grenze weiter als zu Anfange des Monats entfernt haben, so haben sie doch die ihnen gegebenen Stellungen zu behaupten und einem allgemeineren Angriffe zu entgehen gewußt. Da nun der Januar und Februar für eine allgemeine Aufregung des Landes bestimmt war und in dieser Zeit nur eine ausreichende Anzahl von Leuten bewaffnet und eingeübt werden sollten, so wird es jetzt darauf ankommen, ob die Erhebung zunimmt, wie diß in Volhynien und Podlachien der Fall ist, oder ob die Betheiligung des Communisten Mieroslawski die besitzende Classe der Bevölkerung dem Kampfe ganz entfremden wird.

Jedenfalls sieht man aus obiger Darstellung, daß das Auge eines tüchtigen Officieres da einen wohldurchdachten Plan sah, wo der Laie nach den unzusarnrnenhängenden Zeitungsberichten nur ein regelloses Hin- und Herziehen im Lande wahrnahm, und wenn der Aufstand wirklich so planmäßig und einsichtsvoll geleitet wird, so ist die Wahrscheinlichkeit gering, daß es den Russen gelingen werde, den Wunsch ihres Kaisers zu erfüllen und den Aufstand spätestens binnen 10 Tagen zu unterdrücken. Je länger aber der Aufstand sich hinzieht, desto lebendiger wird man in Frankreich und England sich für die Polen aussprechen.

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