Die Revolution in Griechenland

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Die Presse (Wien), 11. März 1863

Wien, 10. März.

Wir haben wahrlich den Grundsätzen des echtfärbigsten Liberalismus nicht das Geringste vergeben, als wir vor fünf Monaten es unterließen, die Revolution jubelnd zu begrüßen, mittelst welcher die hellenischen Gräco-Slaven ihre Wiedergeburt zu manifestiren versuchten. Die Geschichte der jüngsten Vorgänge in Athen und das ganze Verhalten des sogenannten griechischen Volkes seit der Abreise König Otto’s ist in der That nicht dazu angethan, das verwerfende Urtheil umzustoßen, welches der von philhellenischen Ueberschwänglichkeiten nicht benebelte Theil der öffentlichen Meinung von Europa über diese unmotivirte, muthwillige griechische Revolution gefällt hat. Welche Fehler auch der Regierung des Königs Otto zur Last gelegt werden können, die Griechen hatten kein Recht, über Unterdrückung zu klagen. Für ihren Culturzustand, für ihren Rechtssinn, für ihre Ehrlichkeit war diese Regierung noch viel zu gut. König Otto trifft nicht der Vorwurf, ein Unterdrücker der griechischen Nationalität oder hellenischer Freiheits-Aspirationen, gewesen zu sein; weit eher ist ihm vorzuwerfen, daß seine Hand nicht stark, sein Charakter nicht energisch genug war, um dieses in gleichem Grade rohe und perfide griechische Wesen zu bändigen und seinem aufgeklärten Willen zu unterwerfen. Nicht ein constitutionelles Staatsoberhaupt — ein Tyrannos im eigentlichen Smne des Wortes ist es, dessen diese zügellosen Griechen bedürfen, um allmälig in die Bahnen zur Civilisation heranreifender Völker geleitet zu werden. Daß dieses Urtheil nicht zu hart ist, lehrt die Geschichte der jüngsten griechischen Revolution. Nicht gleich anderen Völkern mit offener Gewalt haben sie sich ihres mißliebig gewordenen Königs entledigt. König Otto wurde unter dem Vorwande, Ovationen in den Provinzen entgegenzunehmen, aus Athen weggelockt, und während er vom Pyräus nach Kalamata fuhr und unterwegs heuchlerische Huldigungen empfing, erklärten die Intriguanten in Athen mit Hilfe einer bestochenen Soldateska den Thron für erledigt, plünderten sie das Residenzschloß, und verwehrten sie dem auf hoher See verweilenden Souverän die Rückkehr an das Land. Wo man kurz vorher zur Feier der königlichen Anwesenheit an der Küste Feuerwerke abgebrannt, empfing man die königliche Yacht mit Gewehrschüssen, und auch dieser Manifestation des griechischen Volkswillens sich unterwerfend, schlug der mit echt byzantinischer Hinterlist aus dem Lande hinausgefoppte und hinausgelogene König den Weg nach Triest ein. Bei einer Gelegenheit, wo andere Völker Beweise der Hochherzigkeit geben, offenbarten die Griechen nichts als ganz gemeine Verschlagenheit. Sie vertrieben ihren König nicht durch trotzige Auflehnung, den Säbel in der Faust; ihre Waffen waren die Lüge, der Verrath, die Bestechung, bei deren Anwendung allerdings kein Blut zu fließen braucht. Nicht eine Spur von Edelsinn und Ritterlichkeit ist in diesen griechischen Vorgängen zu entdecken. Die Neu-Hellenen machten nicht Revolution, wie man es von jenen erwarten konnte, die sich rühmen, das Blut der Nachkommen der Leonidas, Themistokles und Epaminondas in ihren Adern fließt; sie machten Revolution, bei Nacht und Nebel, statt der ehrlichen Waffe Dietriche und Brecheisen führend; und die vermeintliche Freiheit, in deren Namen sie sich auf den Weg machten, haben sie nicht erkämpft, sondern wie schnupftücherziehende Taschendiebe gestohlen.

Und was boten sie, seit sie sich von dem verhaßten deutschen Unterdrücker auf so ritterliche Weise befreit, der europäischen Welt für ein Schauspiel dar? Haben sie etwa einen würdigen Gebrauch gemacht von ihrer angeblichen Unabhängigkeit? Haben ihre Führer das Beispiel der gewöhnlichsten Bürgertugend gegeben? Hat das Volk selbst irgend ein Verständniß der vollzogenen Revolution an den Tag gelegt? Nichts von alledem. Eine provisorische Regierung haben sie eingesetzt, und wie hungerige Wölfe stürzten die Gebildeten der Nation herbei, um die allgemeine Unordnung jeder zu seinem persönlichen Vortheile auszubeuten, und nachdem sie allesammt sich an der Ausplünderung des öffentlichen Vermögens betheiligt und Jeder sein Schärflein an Titeln, Aemtern und Geld ins Trockene gebracht, zogen sie hinaus in die Provinzen, und kauften sich die Stimmen der gleich ihnen habsüchtigen Wähler für die National-Versammlung. Die Geschichte der Wahlprüfungen nach dem Zusammentritte dieser Versammlung ist noch nicht erzählt. Es kam gleich bei den ersten Wahluntersuchungen ein solches Gewebe von Intriguen und Corruptionen aller Art an den Tag, daß die Versammlung selbst davor erschrak, der Welt derlei zu enthüllen, innehielt mit den Wahlprüfungen und vor ihrer Entstehung erröthend sich für constituirt erklärte. Aber hat diese National-Versammlung, haben diejenigen, welche in ihr repräsentirt sind, auch nur ein einzigesmal Gefühle männlicher Entschlossenheit und das Bewußtsein der Ideen kundgegeben, von denen diese glorreiche griechische Revolution getragen zu sein vorgab? Haben sie, die ihren König vertrieben, weil er nicht Fleisch von ihrem Fleische war, ein einzigesmal verrathen, daß sie von dem Feuer eines eigenen Willens erwärmt sind? Wie sie sinnlos und thöricht: „Nieder mit Otto!“ geschrien, so schrien se gleich nach ihrer Revolution: „Es lebe Prinz Alfred!“ und riefen statt des einen Fremdlings, den sie verjagt, mit Inbrunst einen andern fremden Prinzen in das Land, nicht bedenkend, daß sie damit ihre Unfähigkeit, auf eigenen Füßen zu stehen, documentirten und ihrer Revolution den Boden unter den Füßen wegzogen.

Nachdem sie sich England an den Hals geworfen und dieses unzweideutig genug zu erkennen gegeben, daß ein Prinz aus dem Hause Hannover es unter seiner Würde König von Griechenland zu sein, verstummte das Geschrei nach Prinz Alfred noch lange nicht, um erst als England den Köder der ionischen Inseln hinhielt, begriffen die Griechen das ihnen zugemuthete Geschäft und meinten, um solchen Preis könnte man sich am Ende wieder einen von England empfohlenen deutschen Prinzen in Athen gefallen lassen. Da aber erlebte Europa Dinge, die bis dahin noch nicht erhört waren. Lord Palmerston, der mit dem griechischen Throne förmlich hausiren ging, fand keinen König, und dieselben Ionier, welche seit Jahren mit allen Mitteln der Agitation ihre Vereinigung mit Griechenland angestrebt, fühlten sich von dem Schauspiel der neuhellenischen Unabhängigkeit in solchem Maße auferbaut, daß sie es wie eine, Gnade erbäten, unter dem Protectorate Englands bleiben zu dürfen, das ihnen ja weit mehr materiellen Gewinn bringe, als die nationale Verschmelzung mit ihren Brüdern auf der peloponnesischen Halbinsel. Das Schauspiel, das sich den Ioniern dort darbietet, ist in der That wenig einladend. In den nördlichen Provinzen steht das nationale Brigantenthum in vollster Blüthe, in den südlichen Provinzen haben die Mainoten sich erhoben zu Gunsten der Restauration der baierischen Dynastie. In der Hauptstadt des Landes aber verräth die Soldateska, die König Otto den Eid brach, nun die Sache des Landes. Es ist die Travestie aller Revolutionen, die in Griechenland ausgeführt wird: Ein Land, das einen König sucht und in ganz Europa keinen findet; eine Regierung und ein Parlament, die nur so lange aufrecht bleiben, als sie die Soldateska und Officiere bezahlen können, weiche ihrerseits den Dienst verweigern, auf Regiments-Unkosten die unsinnigsten Ansprüche erheben, und im Falle der Nichtbefriedigung die Regierung mit dem Sturze und die National-Versammlung mit Sprengung bedrohen. Das Parlament decretirt Steuern, niemand bezahlt sie; es beschließt Anleihen, niemand borgt; es gibt Gesetze, niemand befolgt sie, und um nur die müßiggehenden, prassenden Söldlinge zu befriedigen und sich selbst sicherzustellen, cassirt die Regierung des großen zur Wiederherstellung des byzantinischen Kaiserthums, zur Regenerirung des Orients berufenen griechischen Volkes ihre Repräsentanten im Ausland, denn die mit dieser beispiellosen Maßregel ersparte halbe Million Drachmen reicht gerade aus, um den nach Geld und Beförderung schreienden Freiheitshelden und Officieren des griechischen Heeres noch für einige Zeit den Mund zu stopfen.

Das ist der Zustand, in welchen Griechenland durch eine, jeder plausiblen und vernünftigen Begründung entbehrende Umwälzung gestürzt wurde. Nicht können die Griechen klagen, daß Europa ihnen nicht Sympathien geschenkt oder ihrem Aufschwünge Schwierigkeiten bereitete. Keinem Volke noch wurde so viel Freiheit der Selbstbestimmung gelassen, keines war jemals in solchem Grade Herr seines Schicksals. Wenn sie nichtsdestoweniger, anstatt sich zu erheben, tiefer gefallen sind, als ihre schlimmsten Gegner jemals zu hoffen wagten, so fielen sie nur durch eigene Schuld, durch die offenkundigste Unfähigkeit, eine staatliche Ordnung aus eigener Kraft zu begründen. Mögen sie in der Tiefe bleiben, zu der sie hinabgesunken, das ist das einzige Mittel, sie von dem Großmachtsrausche zu ernüchtern, der diese Ueberreste verkommener byzantinischer Kaiserwirthschaft überkam. Nachdem sich aber, zur Ehre Deutschlands sei es hervorgehoben, kein deutscher Prinz des vacanten Griechenthrones erbarmt, haben wir nur noch den Einen Wunsch, daß das Gerücht sich bewähren möge, demzufolge König Otto im Namen seines Hauses aller Rechte auf diesen Thron sich zu begeben entschlossen sein soll, und daß mit dieser Entsagung der letzte Rest jener philologischen Sympathien ausgetilgt werde, die Deutschland seit vierzig Jahren an dieses entartete Volk der Neu-Hellenen nur allzu freigebig verschwendet hat.

Hintergrund

In den 1820ern hatte es eine große Sympathie für die Griechen in ganz Europa gegeben, die für die Unabhängigkeit vom osmanischen Reich kämpften. Bekennende Philhellenen waren etwa Goethe, Schiller, Hölderlin, Wilhelm von Humboldt, Puschkin, Victor Hugo, Lord Byron, aber auch der bayrische König Ludwig I., der 1825 sogar anordnete, daß „Bayern“ mit einem „y“ und nicht mehr wie vorher mit einem „i“ zu schreiben sei, weil das griechischer aussah. Sein Sohn Otto wurde der erste griechische König.

Allerdings gab es auch Kritik am Philhellenismus, die besonders hart von Jakob Philipp Fallmereyer vorgetragen wurde. Dieser bestritt die Kontinuität von den alten zu den neuen Griechen. Die alten Griechen seien von Slawen ausgerottet worden, die neuen Griechen dementsprechend gräzisierte Slawen. Auf diese Theorie bezieht man sich in dem Artikel der Wiener „Presse“, wo jegliche Begeisterung für Griechenland abhanden gekommen ist.

Hier scheinen antislawische Vorurteile durch, die bei Liberalen der Zeit nicht unüblich sind (eher in Österreich, aber auch teilweise in Deutschland; die „Presse“ spricht hier 1863 aus einer großdeutschen Sicht für Deutschland). Allerdings steht die „Presse“ gleichzeitig dem polnischen Aufstand von 1863 sympathisch gegenüber, während für sie, wie auch für die Liberalen in Deutschland, das absolutistische Rußland als das Reich des Bösen erscheint.

König Otto I. von Griechenland ist 1862, wie in dem Artikel geschildert, vertrieben worden. Nun sucht man händeringend nach einem neuen König, wobei einer der zahlreichen deutschen Prinzen in Frage kommen könnte. Im Gespräch ist eine Zeit lang etwa Herzog Ernst von Koburg. Nachfolger von Otto I. wird allerdings dann ein dänischer Prinz: Georg I. von Griechenland (vorher: von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg), der fünfzig Jahre lang bis zu einer Ermordung 1913 regieren wird.

Siehe auch:

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