Polen und die europäische Diplomatie

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Die Presse (Wien), 15. März 1863

Wir haben wol die Lage der polnischen Angelegenheit nicht verkannt, wenn wir gestern sagten, daß dieselbe in eine neue Phase tritt, und übereinstimmende Mittheilungen, die uns von den verschiedensten Seiten zugegangen sind, gestatten uns, diese neue Phase genauer zu definiren. Es war eine ganz richtige Bemerkung der preußischen Oppositions-Redner, wenn sie sagten: daß die polnische Angelegenheit eine europäische Frage geworden, verdanke man vor allen Dingen der hochweisen, in der russisch-preußischen Convention vom 8. v. M. gipfelnden Politik des Herrn v. Bismarck-Schönhausen. Die Kunde von dieser Convention war es, welche den Kaiser der Franzosen, der die polnische Sache als eine hoffnungslose betrachtete und jeder Einflußnahme darauf auf das entschiedenste abgeneigt war, zu einer anderen minder indifferenten Auffassung dieser Angelegenheit bestimmte. Nichtsdestoweniger schien das Tuilerien-Cabinet sich Rußland gegenüber nicht bloßstellen zu wollen, so lange es über die Absichten Oesterreichs sich nicht klar geworden. Napoleon III. behielt die Möglichkeit eines Beitritts Oesterreichs zur preußisch-russischen Convention als etwas sehr Naheliegendes fest im Auge, und die Befürchtung, der Reconstituirung der heiligen Allianz auf neuen Grundlagen irgendwie Vorschub zu leisten, hielt ihn ab, seinen diplomatischen Einfluß nach der einen oder andern Richtung hin geltend zu machen. Indessen erhielt der französische Botschafter am österreichischen Hofe die Instruction, in Wien, das Terrain zu sondiren und über die Dispositionen Oesterreichs gegenüber der preußisch-russischen Convention Bericht zu erstatten. Sei es, daß der Bericht des Herzogs von Grammont jede Besorgniß eines Beitritts Oesterreichs zur preußisch-russischen Convention zerstreute; sei es, daß der österreichische Botschafter am französischen Hofe in den Stand gesetzt wurde, in Paris Aufschlüsse in gleichem Sinne zu geben; sei es endlich, daß das Wiener Cabinet die Rücksicht beobachtete, durch eine für das französische Cabinet bestimmte Note seine Stellung zur polnischen Frage und zur preußisch-russischen Convention in einer jedwede Befürchtung zerstreuenden Weise darzulegen — Thatsache ist, daß der französische Minister Drouin de Lhuys dem Kaiser Napoleon Mittheilungen vorzulegen in der Lage war, welche einen vollständigen Frontwechsel der Stellung Frankreichs zur polnischen Frage zur Folge hatten. „Diese Haltung des Wiener Cabinets,“ sagte Napoleon III. zu seinem Minister, „ändert die ganze Lage,“ und von diesem Augenblicke datirt das active Eingreifen der napoleonischen Diplomatie.

Wir haben seinerzeit berichtet, aus welchen Gründen das österreichische Cabinet in voraus jede Betheiligung an einem gemeinschaftlichen Auftreten gegen die russisch-preußische Convention ablehnte. Es wäre in der That, so sehr man in Wien auch diese Uebereinkunft mißbilligen mochte, nicht schicklich gewesen, daß die eine deutsche Macht in Berlin in Gemeinschaft mit außerdeutschen Mächten eine das preußische Selbstbestimmungsrecht beengende Pression ausübte. War der preußische Minister-Präsident auch vor kurzem cynisch genug, in einem Rundschreiben an seine diplomatischen Agenten, als Mittel, Oesterreich in der deutschen Frage zur Capitulation zu zwingen, ein Bündniß Preußens mit den eventuellen Feinden Oesterreichs in directeste Aussicht zu stellen, so konnte diese undeutsche, und, sagen wir es gerade heraus, diese unmännliche Politik für das Wiener Cabinet keine Aufforderung sein, die sich darbietende Gelegenheit zu benutzen, zuzugreifen, und Herrn v. Bismarck mit der Münze heimzuzahlen, die er, gewissenlos genug, in Umlauf gesetzt hatte. Die Beweggründe Oesterreichs, sich an einer solchen Pression auf Preußen nicht zu beteiligen, wurden auch in Paris und London vollkommen gewürdigt, und die Nichtbetheiligung des Wiener Cabinets hat die Beziehungen zwischen Oesterreich und den Westmächten auch nicht im mindesten alterirt. Die Cabinette von Paris und London machten in Berlin ihre Schritte, und man weiß, daß jene preußische Politik, welche ihre niemals sich bewährenden Dienste stets zu den höchsten Preisen ausbietet, die Convention mit Rußland nicht nur nicht ratificirte, sondern dieselbe einer Revision unterzog, nach welcher davon wahrscheinlich nichts übrig geblieben, als die Möglichkeit für Rußland, seine bedrohten Zollkassen eventuell auf preußisches Gebiet in Sicherheit zu bringen.

Mochte sich das Wiener Cabinet an keinem Schritte der Mächte in Berlin beteiligen, so lagen auch sehr gewichtige Gründe vor, sich jeder Theilnahme an Schritten in Petersburg zu enthalten, welche das ohnehin gespannte Verhältniß zu Rußland zu verschlimmern geeignet waren. Als unmittelbarer Nachbar Rußlands ist die Mitwirkung Oesterreichs für die Westmächte allerdings von entscheidender Wichtigkeit, aber, wie die Dinge sich auch wenden mögen, Rußland ist ein zu gefährlicher und in seinen Mitteln zu wenig scrupulöser Nachbar, als daß man sich ihm gegenüber abermals ausschließlich zum Vortheil der fremden Mächte bloßstellen durfte. Die Rolle, die wir im Jahre 1855 spielten, ohne dafür etwas anderes als schwere Nachtheile nach allen Seiten hin und vor allem den Haß Rußlands zu ernten, kann Oesterreich nicht mehr ein zweitesmal übernehmen. Unsere Staatsmänner sind durch den Schaden, fast scheint es so, glücklicherweise klüger geworden, und so scheint man denn in Wien bis auf die neueste Zeit daran festzuhalten, daß Oesterreich, dessen Mitwirkung bei einem diplomatischen Einschreiten gegen Rußland vorzugsweise den Ausschlag zu geben berufen ist, seine Neutralität, ohne von Frankreich, und eventuell England wichtige Garantien zu erlangen, nicht aufgeben dürfe. Die diplomatische Sachlage ist nun die, daß die Cabinette von Paris und London allerdings darüber einig sind, auf Grundlage der Vertragsartikel von 1815 zu Gunsten Polens bei Rußland diplomatisch einzuschreiten, daß sie aber von einem solchen Schritte, wenn Oesterreich denselben nicht mitthut, wenig oder gar keinen Erfolg erwarten, während Oesterreich, obgleich im Princip mit der Basis von 1815 einverstanden, sich den Mächten nicht anschließen kann, ohne sich vorher für alle Fälle sichergestellt zu haben. Gesetzt den Fall. Rußland bringt den Polen ein großes Opfer und entschließt sich zu einer entschiedenen liberalen Politik, so gibt es eine Menge Fragen, deren Spitze es dann gegen Oesterreich kehren kann. Die Einverleibung von Krakau, gegen welche seinerzeit Frankreich und England protestirt haben, die russische Propaganda in Ostgalizien, welche jetzt schon ungemein thätig ist, um Oesterreich in eine direct polenfeindliche Action hineinzuziehen, die orientalische Politik Rußlands, die Donaufürstenthümer, Serbien, Montenegro, das alles sind ungemein wichtige Momente. Jeder Erfolg, den Rußland erreicht, berührt Oesterreich auf das empfindlichste, und eine besonnene Politik darf sich Rußland gegenüber nicht abermals bloßstellen, ohne sich den Rücken ganz gedeckt zu haben. Oesterreich kann mit Einem Worte in der polnischen Frage nicht einschreiten, ohne die doppelte Gewißheit, daß diese Frage definitiv gelöst wird, und daß die Lösung eine solche ist, welche es gegen die russische Rancünen-Politik für die Zukunft sicherstellt. Die Rücksichten, welche Oesterreich hiebei auf den Orient zu nehmen hat, identificiren sein Interesse mit jenem Englands die Eigenschaft Oesterreichs als katholische Großmacht führt es mit Rücksicht auf die italienische Frage unter solchen Umständen naturgemäß zu einer Annäherung an Frankreich.

So offenbart sich angesichts der polnischen Frage abermals die durch die ethnographische Lage bedingte, bei kluger Ausbeutung der vorhandenen Factoren europäisch maßgebende Stellung Oesterreichs. Die Westmächte auf der einen, Rußland auf der andern Seite haben ein gleiches Interesse, die österreichische Neutralität zu erschüttern: die Westmächte, weil sie sonst Rußland gegenüber diplomatisch ohnmächtig sind; Rußland, weil es sonst den Proceß der Verdauung Polens nicht zu Ende führen kann. So kommt es denn auch, daß der Schwerpunkt dieser verwickelten polnischen Frage gegenwärtig weniger in Petersburg, Warschau, Berlin, Paris oder London, als in Wien liegt, wo in diesem Augenblicke alle Fäden der diplomatischen Verhandlung concentrisch zusammenlaufen. Die Berufung des gestern , aus Paris hier eingetroffenen österreichischen Botschafters Fürsten Richard Metternich steht mit dieser Verkettung von Umständen im engsten Zusammenhange, und wir werden kaum Gefahr laufen, dementirt zu werden, wenn wir die Vermuthung aussprechen, daß dieser Diplomat sich in Wien befindet, um über die Bedingungen und Garantien unterrichtet zu werden, von deren Erfüllung und Leistung das Wiener Cabinet seinen Anschluß an den auf Grund der Verträge von 1815 zu Gunsten Polens von den Mächten in Petersburg projectirten Collectivschritt abhängig macht, und zugleich die Vollmachten zu denjenigen Vereinbarungen zu empfangen, welche in dem Falle in Kraft zu treten haben werden, als das Verhalten Rußlands die Mächte weiteren Schritten auffordert.

Mit dieser Sachlage im genauen Zusammenhänge steht das, was seit einer Woche sowol im Hauptquartier des Langiewicz, als im Schoße des geheimen Central-Comités von Warschau beschlossen und ausgeführt wurde, Wir haben vor einiger Zeit gemeldet, daß sich in Warschau eine Kundgebung vorbereitet, welche den Anschluß der Gemäßigten an die Bewegung, der sie bis vor kurzem fremd geblieben, documentiren soll. Diese Fusion ist nun in aller Stille vollzogen worden, und das Manifest, durch welches Langiewicz seine Dictatur proclamirt hat, ist die erste Folge der Verschmelzung der „Weißen“ mit der Bewegung. Langiewicz erschien den Gemäßigten als die geeignetste Persönlichkeit zur Leitung der Bewegung, und er wurde hauptsächlich deshalb mit dictatorialen Vollmachten ausgestattet, weil man in seinem Charakter, in seiner Energie die Bürgschaften zu finden glaubt, daß die polnische Bewegung nicht auf Irrwege geleitet, und durch die Bestrebungen der kosmopolitischen Revolutions-Partei den Mächten gegenüber compromittirt werde.

Langiewicz wurde zum Dictator gemacht, um alle revolutionären Winkelcomités, die sich unter dem Einflüsse Mieroslawski’s und Anderer gebildet hatten, um jede Regung im Keime zu ersticken, welche die Insurrection auf Galizien oder Posen auszudehnen versuchte, um die Zwietracht, die im Lager des Aufstands auszubrechen drohte, zu unterdrücken, kurz, um der Bewegung ihren ausschließlich antirussischen Charakter zu erhalten und alles zu verhindern, was der diplomatischen Action der Mächte, und namentlich des Wiener Cabinets, zu Gunsten der polnischen Sache irgendwie ein Hinderniß in den Weg legen könnte. Diese Rücksichten werden uns als die hervorragendsten Gründe bezeichnet, welche bei Verkündigung der Dictatur Langiewicz‘ maßgebend gewesen sind, und in der That ist für diese auffallende Maßregel eine andere ausreichende Erklärung nicht gut zu geben. Die polnische Bewegung legt einen seltenen Tact und noch seltenere Mäßigung an den Tag, indem sie alle fremdartigen Elemente ausscheidet und jede Solidarität mit der kosmopolitischen Revolution energisch zurückweist. Es bleibt nun nur noch zu wünschen übrig, daß die Mächte dies anerkennen durch rasches Handeln, damit ihre Vermittlung sich in Petersburg noch Gehör schafft, bevor Rußland das fait accompli wiederhergestellter Grabesruhe im Königreich Polen zu Gunsten seiner schlechten Sache anzuführen im Stande ist.

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