Willst Du nicht aufsteh’n, Michel!

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Hamburger Wespen, Nr. 12, 1863

(Frei nach Heine.)

 

Am Fenster stand Germania,
Im Bette lag der Sohn.
„Willst Du nicht aufsteh’n, Michel?
Denk an die Convention!“ —

„Ich bin so krank, o Mutter,
Daß ich nicht hör‘ und seh’;
Ich denk‘ an das arme Polen,
Da thut das Herz mir weh.“

„Steh auf, wir woll’n ihm helfen,
Nimm’s Schwert zum Waffentanz;
Ein rascher Aufstand heilt Dir
Dein krankes Herze ganz.“

Es flattern krieg’risch die Fahnen,
Es tönt die Revolution;
Das ist bis hin zum Rheine
Die Folge der Convention.

Germania begeistert die Menge,
Sie führt den erwachten Sohn,
Sie singen beide im Chore:
Nieder die Convention!

Hintergrund

Mit der „Convention“ ist die Alvenslebensche Konvention von Anfang Februar 1863 gemeint, in der Preußen und Rußland vereinbart haben, daß Truppen des jeweils anderen Staates bei der Unterdrückung des polnischen Januaraufstandes auf das Gebiet des anderen übertreten dürfen. Dieses Abkommen wird nicht nur europaweit, besonders in Italien und Schweden, aber auch in Frankreich und Großbritannien verurteilt, sondern auch von der Opposition in Preußen kritisiert. Die demokratisch gesinnten „Hamburger Wespen“ (Vorläufer der „Berliner Wespen“) wittern Morgenluft, daß der polnische Aufstand ein Fanal sein könnte für eine Revolution auch in Deutschland. Der verantwortliche Redakteur der „Hamburger Wespen“ Julius Stettenheim ist auf Betreiben Preußens in ganz Deutschland mit Haftbefehl bedroht und nur in seiner Heimatstadt Hamburg sicher, die ihn nicht ausliefert. Ähnlich ergeht es Friedrich Stoltze in Frankfurt, der das demokratische Satireblatt „Frankfurter Latern“ macht.

Hinweis

Bei Libera Media gibt es kommentierte Neuauflagen der Werke von Julius Stettenheim, dem Macher hinter den „Berliner Wespen“ (erhältlich über Amazon, einfach auf das Bild klicken):

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Siehe auch:

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