Der Stiftungstag der Landwehr

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Lokomotive an der Oder, 17. März 1863

414px-Preußische_Landwehr_1815Durch den Tilsiter Frieden war von dem damals allgewaltigen Napoleon festgesetzt worden, daß das um die Hälfte verkleinerte Preußen nicht mehr als 42,000 Mann Soldaten haben durfte, und er war auch der Mann, um zu überwachen, daß dieses kleine Heer nicht wider seinen Willen verstärkt wurde. Unter den großen Geistern, welche in jener bedrängtesten Zeit Preußens Zukunft vorbereiteten, nimmt Scharnhorst eine hervorragende Stelle ein; er verzweifelte nie, daß Preußen sich durch eigne Kraft einst werde befreien können. Er rechnete dabei nicht auf fremde Hilfe, sondern auf die volle Entwickelung der Volkskraft; daher veranstaltete er im Bunde mit zahlreichen Patrioten eine kurze militärische Ausbildung auch derjenigen waffenfähigen Mannschaften, welche nicht zur Linie eingezogen wurden. Als nun Napoleons Uebermuth in Rußland gebeugt, aber lange noch nicht gebrochen war, als durch York’s kühne That Preußen auf die Seite der Gegner Frankreichs trat, da bewährte sich Scharnhorst’s Vorsicht, denn schon Anfang Februar 1813 gebot der König nicht über 42,000, sondern über 55,000 Mann Liniensoldaten. Außer dieser Linienarmee wurden rasch 52 Reservebataillone, jedes zu 802 Mann, gebildet, was eine Reserve von 41,600 Mann ergab.

Am 3. Februar 1813 erging der Aufruf zur Bildung der freiwilligen Jäger zu Fuß und zu Roß. Wer imstande war, sich selbst zu bekleiden, zu. bewaffnen und nöthigen Falls zu erhalten, dem stand unter Voraussetzung der Ehrenhaftigkeit und allgemeiner Bildung der Eintritt in dieses Corps frei, das bestimmt war, den Abgang und Mangel an Officieren bei den übrigen Truppen zu ersetzen. In dieses Corps nun traten 10,000 Mann Freiwillige ein; sie haben die auf sie gesetzte Hoffnung des Königs und Landes bewährt und die Überlebenden feiern noch jährlich am 3. Februar den Stiftungstag dieser Elite-Truppe.

Am 17. Februar erfolgte nun der Aufruf und die Stiftung der Landwehr, der sich für die damalige Lage des Landes angemessen der Landsturm anschließen sollte. Preußen umfaßte damals nur die Provinzen Preußen, Pommern, die Mark (obwohl nicht ganz) und Schlesien; hier wurden nun 132 Bataillone und 92 Schwadronen Landwehr ausgehoben. Als später die Preußische Armee siegreich über die Elbe in die ehemaligen Preußischen Lande vordrang, da wuchs die Zahl der Landwehr auf 149 Bataillone und 124 Schwadronrn an, die zusammen 140,000 Mann betrugen, und so wurde der schwere Kampf gegen die Franzosenherrschaft von Seiten Preußens mit 3/5 Landwehr und nur 2/5 Linienmilitär unternommen. Daß zu Anfange die Landwehr nicht so wie die Linie benutzt werden konnte, war nicht ihre Schuld; es fehlte an Waffen, es fehlte an Uniformen und vor allem fehlte es in dem damals von den Franzosen schwer ausgesogenen Preußen an Geld. Selbst den Dienst lernten die meist rohen Mannschaften erst im Felde und konnten deshalb in den ersten Wochen und Monaten nur schwer verwendet werden, sodaß man sie als Besatzungen und zur Einschließung von Festungen benutzte. Als· aber England Gewehre und Geld schaffte und als durch errungene Siege Kriegsbedürfnisse aller Art gewonnen wurden, da bewährte sich auch die Brauchbarkeit dieses Volksheeres. In den Armee-Corps von York, Kleist, Bülow und Tauenzien haben nachweislich über 70,000 Mann Landwehr im freien Felde mit gefochten und das Landwehrkreuz hat sich die volle Achtung. bei Freund und Feind verdient.

Wichtiger noch als die glänzenden Erfolge der Scharnhorst’schen Landwehr war darnals der vollständige Bruch mit der früheren Heeresverfassung; das Heer von 1806 bestand ohngefähr nur zur Halfte aus Landeskindern, die andre Hälfte waren geworbene, d. h. erkaufte Ausländer; der Soldat stand unter der Herrschaft des Stockes und war verachtet; die Officierstellen waren ausschließiich dem Adel vorbehalten, unter ihm diente der gemeine Mann, bis er Invalide wurde, gleichgültig wofür oder wogegen er zu Felde zog. Jetzt dagegen wurde die Nation aufgerufen, ihre Freiheit, ihr Hab und Gut gegen den auswärtigen Feind zu vertheidigen; der Krieg selbst bildete die Führer; wer sich auszeichnete, dem stand die militärische Laufbahn bis zu den höchsten Stufen offen, dadurch mußte natürlich der Soldatenstand ein bevorzugter Ehrenstand werden, da ja auf ihm damals thatsächlich die Rettung des Vaterlandes allein beruhte. Natürlich aber gehörten einem solchen Volksheere Führer wie Mannschaften nur so lange an, als das Vaterland in Gefahr war. Als der Friede durch Napoleons Abführung nach St. Helena gesichert war, bedurfte das Land nur eines sehr mäßigen stehenden Heeres, um durch dasselbe den Geist der Wehrhaftigkeit im Preußenvolke zu erhalten; denn das stehende Heer bildete so zu sagen nur die Kriegsschule der Nation, welche die zu- und« abgehenden jungen Mannschaften im Waffengebrauch und den Elementen der Kriegskunst üben sollte. Würde Preußen je einmal wieder von einem auswärtigen Feinde bedroht, so stünde es jetzt ganz anders gerüstet als 1813 da; die Mannschaften sind wenigstens schon ein Jahr lang vorgebildete, vorzügliche Waffen und ausreichende Bekleidungsstücke sind gleichfalls in ausreichender Masse vorhanden, und wenn der Geist von 1813 das jetzige Volk belebt, falls es zur Vertheidigung des Vaterlandes aufgerufen werden sollte, so würde Preußen durch sein Volksheer wahrscheinlich besser berathen sein, als es Rußland im Krimkriege mit seinen gezwungenen Soldaten war.

Aber eben jetzt, zur Zeit des fünfzigjährigen Jubelfestes der Landwehr, ist man in Preußen nahe daran, das Landwehrsystem Scharnhorst’s aufzugeben und die Linie sammt den Linienreserven so zu erweitern, daß das stehende Heer nicht die Kriegsschule der Nation, sondern eine Feldarmee werden soll, wie sie die Mittel Preußens kaum auf die Dauer gestatten werden. Eine stehende Armee, die größer ist, als die Finanzen eines Landes füglich gestatten, soll wol aber eigentlich nicht vom Frieden, sondern wie die französische und italienische durch den Ruhm und die Erwerbungen des Sieges erhalten werden. Es scheint also, als wenn der Abgeordnete Freiherr von Forkenbeck und Gesinnungsgenossen doch nicht so unrecht hätten, wenn sie nur für eine zeitgemäße Erweiterung des alten Landwehrgesetzes in der Kammer kämpfen, da sich in schwerer Zeit glänzend bewährt hat. Mag die neue Heeres-Organisation ihre großen Vorzüge haben, obwohl auch diese oft und heftig bestritten werden, so ist doch gewiß das alte Landwehrsystem billiger, was in einem nicht reichen Lande immer berücksichtigt werden muß. Auch darf man nicht vergessen, daß der Landwehr-Officier so recht das Bindeglied zwischen Heer und Volk war, was man denn doch vom Garde-Lieutenant nicht wird behaupten können. Kann man es also wol dem Volke und seinen Vertretern verdenken, wenn sie für die Erhaltung der Landswehr im Sinne von 1813 in die Schranken treten? Es ist gewiß nicht gut und dem Gemeinwohl förderlich, wenn der Officierstand und das Volk sich wieder so fremd werden, wie sie es 1806 waren; um große Erfolge zu erreichen, ist gewiß ein cameradschaftliches Verhältniß besser, wie es unter den freiwilligen Jägern stattfand.

Hintergrund

Die Auseinandersetzung in der Zeit geht darum, ob, wie es die Regierung und der König möchten, der Armee der Vorzug gegenüber der Landwehr gegeben werden soll, oder die Landwehr in ihrer wichtigen Rolle zur Landesverteidigung erhalten bleiben soll. Letzteres ist das Ziel der Fortschrittspartei („For[c]kenbeck und Gesinnungsgenossen“). Zum einen geht es ihr dabei, wie im Artikel erläutert, um die finanzielle Seite, zum anderen auch darum, daß mit einer allseits einsetzbaren Armee von einer defensiven Verteidigung zu einer Großmachtspolitik übergangen werden könnte. Tatsächlich wird Preußen ja in den folgenden Jahren mehrere Kriege führen: 1864 gegen Dänemark, 1866 gegen Österreich und 1870/71 gegen Frankreich.

Im Hintergrund steht aber auch noch ein anderer Gegensatz weniger militärischer Natur: eine Armee mit einem im Wesentlichen adligen Offizierskorps würde in einer Revolution loyal zu König und Regierung stehen und im Zweifelsfall auch gegen das Volk vorgehen. Hingegen könnte ein als Landwehr bewaffnetes Volk sich gegen die Mächtigen stellen. 1848 war das genau die Schwäche des alten Systems gewesen, und 1863 sehen manche im demokratischen Spektrum eine neue europaweite Revolution heraufziehen, ausgehend vom Januaraufstand der Polen. Auch wenn die Fortschrittspartei keinerlei Pläne in der Richtung hat und darauf vertraut, sich durch die Stärke des Rechts auf friedlichem Wege durchzusetzen, würde eine starke Landwehr sicherlich die Lage wesentlich ausgewogener gestalten. Entsprechend bemüht ist man auf der Gegenseite deshalb, die Landwehr aufs Abstellgleis zu dirigieren und die Armee aufzurüsten.

Siehe auch:

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