Keine gehobene Stimmung

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Die Presse (Wien), 20. März 1863

Wien, 19. März.

Es ist wol keine gehobene Stimmung, in welcher das preußische Volk die Stiftung der Landwehr und das fünfzigjährige Jubiläum der Erhebung von 1813 feiert. Die Feier trägt auch durchwegs ein mehr militärisches Gepräge, und was unter anderen Umständen ein wahres Herzen und Geister erhebendes Volksfest sein konnte, war im Grunde nichts als eine Reihe officieller Ceremonien, ein leeres Schaugeprange für die gedankenlose Menge. Der derzeitige preußische Minister-Präsident kann sich rühmen, etwas zu Stande gebracht zu haben, das selbst einem Manteuffel nicht gelungen wäre: er hat dem preußischen Volke, so weit es nicht zur Fahne der Kreuzzeitung schwört, eine seiner schönsten Erinnerungen verleidet. Es ist eine ganz ungeheuerliche Erscheinung, daß ein so durch und durch monarchisches Volk, dessen Selbstbewußtsein so stark und lebendig ist, einer Feier wie diese kalt und fremd gegenüberstand; es ist ein Symptom der tiefsten innern Verstimmung, daß der König in allen seinen an dem historischen 17. März gehaltenen Reden und gesprochenen Toasten kein Wort der Anerkennung, Versöhnung und Liebe für das Volk fand, dasdoch der eigentliche Held dieses Tages ist, dessen Begeisterung, Opfermuth und Tapferkeit vor 50 Jahren das auf Preußen und Deutschland lastende Joch der Fremdherrschaft abschütteln half. Welcher Anlaß wäre geeigneter gewesen, die Kluft zu überbrücken, die Volk und Regierung in Preußen gegenwärtig trennt, und mit welcher Freude wäre das leiseste Wort der Versöhnung aus dem Munde des Königs begrüßt worden? Fürwahr, man hat eine jener Gelegenheiten, die nie wiederkehren, ungenützt vorübergehen lassen, und vielleicht näher, als sie es ahnt, ist der Tag der schweren Reue für jene gewissenlose Partei, die heute sich abwehrend zwischen das preußische Volk und seinen König gestellt hat.

Ein wahrhaft trauriges Schauspiel ist es, das Preußen in diesem Augenblicke darbietet. Die mit Mund und Säbel renommirenden Junker haben nicht nur dafür Sorge getragen, daß die Feier des 17. März einen ausschließlich officiellen Charakter erhielt und für das Volk im Ganzen unzugänglich blieb, sie haben zugleich nach Kräften das Ihrige gethan, damit der hohe Gedanke, der dieser Feier trotz alledem zu Grunde liegt, möglichst erniedrigt werde. Die Kreuzzeitungspartei, deren Nestor Gerlach noch in der neuesten Nummer dieses Organs mystische Blicke in Vergangenheit und Zukunft wirft, und im Tone eines verrückt gewordenen Puritaners gegen das treulose wälsche Wesen declamirte, das von Westen kommt und wie eine Pest die christlich-germanische Menschheit anzustecken droht — die jetzt in Preußen regierende Kreuzzeitungspartei hat durch ihre Polizei es überall einsagen lassen, man möge sich aus Anlaß des Jubeltages sorgfältig jeder anti-bonapartistischen Kundgebung enthalten. Was soll man sagen zu einer Partei, die sich sonst den Anschein gab, mit der Bibel in der einen und mit dem Schwerte in der andern Hand die gekrönte Revolution und das rothe Gespenst der Demokratie aus der Welt zu schaffen, und die nun an dem Jahrestage der Befreiung Preußens und Deutschlands von der Zwingherrschaft Napoleon’s I. feig und schreckenbleich jeden Athemzug des Volkes belauscht, damit ihm kein Wort entfährt, das der schweigsame Mann in den Tuilerien übelnehmen könnte. Nun, die Gleichgiltigkeit des Volkes hat dieser tapfern Politik jeden Schrecken erspart; der Cäsar an der Seine hat keinen Grund, wegen eines von einem Gödsche gedichteten Prologs zur Feier des Jahres 1813 die Stirne zu runzeln, und wenn der Polizei-Präsident von Berlin es dennoch für nöthig hielt, der Bevölkerung für ihre „gute Haltung“ zu danken, so charakterisirt ein solcher Erlaß vollends das Bediententhum der jetzt in Preußen herrschenden Partei gegenüber dem napoleonischen Frankreich. Unter so traurigen Verhältnissen, wie die heutigen, hätte man um besten gethan, über die Haltung des Volkes beim Befreiungsfeste ganz zu schweigen. Ihm dafür danken, daß es apathisch blieb; daß es sich zu keiner anti-bonapartistischen Demonstration hinreißen ließ; daß es seine Erinnerung an seine vor fünfzig Jahren erfochtenen Siege nicht manifestirte, das ist eine Liebedienerei gegen den Kaiser der Franzosen, die wir selbst einem Ministerium Bismarck-Eulenburg nicht zugetraut hätten. In der That, ein seltsames Siegesfest, bei welchem der Feiernde, von Furcht geschüttelt vor den Nachkommen der Besiegten von Großbeeren, Groß-Görschen, Dennewitz, Möckern, sich darüber zu freuen gezwungen ist, daß das preußische Volk sich scheut, seine eigenen Siege mitzufeiern, weil Bismarck und Genossen diese Theilnahme am Ende noch für ihre Zwecke verwerthen könnten.

Aber nicht blos derartige Erwägungen lassen die äußerliche Theilnahmslosigkeit der preußischen Liberalen angesichts dieser Feier als gerechtfertigt erscheinen. Nach den großen und kühnen Hoffnungen, welche die Regentschafts-Epoche geweckt, nach der energischen Unterstützung, welche die Politik des Grafen Bernstorff und selbst des Herrn v. Bismarck in der deutschen Frage seitens der öffentlichen Meinung in Preußen gefunden, ist die Stellung, zu der diese Macht jetzt in Europa herabgesunken, eine zu furchtbare Ernüchterung, als daß man dadurch irgendwie in eine feierliche Stimmung versetzt werden könnte. Von allen Ministern, die in Preußen jemals die auswärtigen Angelegenheiten geleitet, wüßten wir keinen, der in verhältnißmäßig so kurzer Zeit so ungeheure Mißerfolge herbeigeführt hätte, wie Herr v. Bismarck. Noch im November v. J., gleich nach seinem Amtsantritte, eilte er nach Paris, um die von ihm während seiner Gesandtschaften am russischen und französischen Hofe vermeintlich eingefädelte preußisch-russisch-französische Allianz durch die Abmachung einer Zusammenkunft der Kaiser Napoleon und Alexander mit König Wilhelm in Berlin zu besiegeln. Auf diese Allianz hin hatte dieser tiefsinnige, weitblickende Staatsmann sein burschikoses System zur Lösung der deutschen Frage gebaut, die unerhörtesten Drohungen gegen Oesterreich ausgestoßen und vielleicht auch die Convention mit Rußland abgeschlossen. Damit aber hatte er dem von ihm soviel bewunderten Kaiser der Franzosen doch zu viel zugemuthet, und unter dem Aufschrei der entrüsteten Meinung Europas, unter dem Hagel westmächtlicher Protestnoten, und desavouirt von der Vertretung des eigenen Landes, mußte er mit seiner Convention den schmachvollen Rückzug antreten, glücklich, nicht gezwungen zu sein, dieselbe formell widerrufen zu müssen. Zeigte es sich aber jetzt, daß die ganze Bismarck’sche Großmachtspolitik in der Luft hing, und machte die polnische Insurrection einen dicken Strich durch die ganze Rechnung, litt Preußen einen diplomatischen Schiffbruch sondergleichen, steht es jetzt isolirt und unbeachtet beiseite, muß es in Paris und London um Nachsicht bitten, und selbst in Wien zu retten versuchen, was noch zu retten ist, so sollte man glauben, daß eine solche Leistung eher auf alles Andere als auf den Dank des erniedrigten preußischen Vaterlandes Anspruch hat. Aber gerade in dieser Beziehung sollte die officielle Feier des 17. März das Außerordentlichste bieten, und es bildet sicherlich die Krone dieser Festlichkeiten, wenn der Mann, welcher Preußen in solch unverantwortlicher Weise nach allen Seiten hin bloßgestellt hat, der Verfasser der Note vom 24. Jänner, wenn der Verherrlicher eines von Preußen im Bunde mit dem Auslande gegen Oesterreich zu führenden Vernichtungskrieges, am Jubeltage des Befreiungskampfes von 1313 durch die Verleihung des Großkreuzes des Rothen Adler-Ordens ausgezeichnet wird.

Wahrlich bei solcher Vertracktheit aller Verhältnisse, wie in Preußen, bei solcher Verwirrung der einfachsten Begriffe, bei so viel Verkehrtheit und Unversöhnlichkeit im Innern, bei so viel Hoffnungslosigkeit nach Außen, möchte man beinahe der Berliner Volkszeitung beistimmen, wenn sie neulich, an allem verzweifelnd, die Rettung Preußens nur mehr in einer von Außen kommenden Katastrophe erblickte. Wir wünschen Preußen sicher nichts weniger als eine solche Katastrophe, aber gleichwol liegt etwaS Wahres in dem Gedanken, daß das Schlaraffenthum eines fünfzigjährigen Friedens viel zu der jetzigen Situation beigetragen hat, und daß eine die Nation aufrüttelnde Krise die erschlafften Kräfte wieder erwecken und gewittergleich die von den Miasmen hohler Träumerei und eitler Selbstbefriedigung erfüllten Lüfte reinfegen würde.

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