Die Flucht von Marian Langiewicz

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Die Presse (Wien), 22. März 1863

Wien, 21. März.

Angenommen, daß sich die Flucht des polnischen Dictators Langiewicz auf österreichisches Gebiet bestätigt — Sicheres darüber wissen wir noch immer nicht — so muß man sich vor allem davon Rechenschaft geben, von welcher Bedeutung dieser Sieg der Russen für die Ereignisse im Königreich Polen sein kann. Vor allem möchten wir davor warnen, daß man sich dem Glauben hingibt, mit der Entfernung dieses hervorragendsten Führers vom Schauplatze der Insurrection sei dieser selbst der Garaus gemacht. Wer in dieser Bewegung eine organisirte Macht erblickte, welche im Stande wäre, der organisirten Macht Rußlands die Spitze zu bieten, der mag die Flucht des Maryan Langiewicz auf österreichisches Gebiet als das definitive Ende des polnischen Kriegsdramas betrachten. Wer aber den eigentlichen Charakter dieser Bewegung, die furchtbaren Leidenschaften erwägt, welche auf allen Punkten des weitgedehnten Landes unbewaffnete oder schlecht bewaffnete Menschen zusammenführt, um im Kampfe mit den Russen den beinahe sichern Tod zu finden, der wird selbst in der gänzlichen Vernichtung der Schaaren, die Langiewicz führte, nicht das Ende dieses tragischen Kampfes erblicken dürfen. Niederlagen sind entscheidend, wo die eine Macht die andere zu fassen und niederzuwerfen im Stande ist. Wenn aber Haß und Verzweiflung auf der weiten Fläche Congreßpolens, Littauens und Podoliens Hunderte von Banden gleichzeitig zum Aufstande treibt, wenn Alles, was im Lande auf Bildung Anspruch macht, sich von der russischen Regierung zurückzieht, wenn in Warschau die Stimmung auf einer an Wahnsinn grenzenden Höhe der Desperation angelangt ist, dann ist wol kaum daran zu denken, daß Rußland mit dem Schlage, den seine Uebermacht bei Zagosce und Busk geführt, der Insurrection den Kopf zertreten hat. Der entsetzliche Verzweiflungskampf der Polen hatte militärisch niemals die geringste Aussicht auf Erfolg, aber es liegt in der Natur der Verhältnisse, daß er mit einem, mit zwei, mit zehn Siegen der Russen nicht beendigt wird. Dieser Aufstand, an sich hoffnungslos, kann fort und fort geschlagen werden, ohne noch besiegt zu sein, denn der Geist, der ihn erfüllt, ist kein solcher, den man mit den Waffen der materiellen Gewalt niederschlägt. Die Russen werden noch lange Zeit brauchen, bis sie die äußerliche Ruhe und das, was sie unter Ordnung verstehen, werden hergestellt haben. Daß sie aber zu einer wirklichen Pacification des Landes niemals gelangen, dafür borgen nicht nur die Mittel, die sie heute anwenden, um zu siegen, die Gräuel, die sie begehen, dafür bürgt vor allein die Unfähigkeit des Czarismus zu Reformen, die diesen Namen verdienen, die Initiative zu ergreifen und die Polen jemals zu befriedigen.

So machen wir uns denn gefaßt darauf, noch geraume Zeit hindurch Berichte über die Niedermetzlung der Polen aus diesem unglücklichen Lande zu erhalten. Man wird kämpfen, so lauge.es Insurgenten gibt, und das Resultat für Rußland wird darin bestehen, daß es zweimal so viel Soldaten nach Polen ziehen muß, um die Bevölkerungen niederzuhalten. Diese Wunde am Riesenleibe Rußlands wird aber fortbluten, und einer andern Zeit, anderen Staatsmännern in Europa bleibt es vorbehalten, sie zu schließen. Die einzige Hoffnung der Polen, daß die Mächte sich ihrer annehmen, das zeigt sich heute bereits, wird sich für jetzt nicht erfüllen. Prinz Napoleon, dieses radicale Aushängeschild der napoleonischen Politik, sieht selbst kein Mittel, für Polen etwas Wirksames zu thun. „Ich sympathisire mit den Polen sehr,“ sagte er zu Anfang seiner Rede; „aber mir fehlen alle positiven Anhaltspunkte um diese Sympathien in rettende Thaten umzugestalten.“ Und seine lange, von Flüchen gegen die Verträge von 1815 erfüllte Rede schloß er, wie er begonnen, indem er sagte: „Ich komme zu dem Haupteinwande. Man sagt: Du willst den Krieg. Ich antworte ohne Umschweif: Nein, aber auch der Frieden ist nicht, was ich will.“ Der Senat schrie bei diesen Schlußworten laut auf vor Verwunderung, aber der prinzliche Redner drückte, vielleicht ohne es zu wissen, genau den Zustand aus, in welchem sich die Cabinette und die öffentliche Meinung befinden. Es fehlt nicht am guten Willen, aber man weiß nicht, wie die Sache anfassen. Man schwankt hin und her, gibt seiner Sympathien in Meetingsbeschlüssen, Subscriptionen und anderen Kundgebungen Ausdruck, aber man findet keine Handhabe, um die Frage practisch zu stellen und zu lösen. Die Cabinette fänden sie wol, wenn sie sich verständigen könnten, aber darin liegt der Fluch der ganzen Situation, daß eine Verständigung ohne Frankreich nicht möglich ist, und daß nach allen gemachten Erfahrungen keine Macht es wagt, mit dem Tuilerien-Cabinete in ein Bündniß zu treten. Dahin hat es der große Nationalitäten-Befreier gebracht, daß er selbst das unübersteigliche Hinderniß für die weitere Erfüllung seiner „providentiellen Sendung“ geworden, und daß es der Feind der Civilisation die russische Barbarei allein ist, welche aus dieser traurigen Uneinigkeit der Mächte den eigentlichen Nutzen zieht.

Was die Person Maryan Langiewicz‘ betrifft, welcher, wie gerüchtweise verlautet, sich unter den Schutz der österreichischen Neutralität begeben haben soll, so ist in Krakauer und Lemberger Telegrammen davon die Rede, daß demselben die Bewilligung, sich durch Galizien nach England zu begeben, verweigert, und daß er internirt worden sei. Bevor es aber nicht klar erwiesen ist, daß Langiewicz sich auf österreichisches Gebiet begeben, halten wir mit jedem Urtheil über ein Verfahren zurück, das sicher nichts weniger als eine liberale Interpretation der Oesterreich, einer russischen Regierung gegenüber durch die Neutralität auferlegten Pflichten bekunden würde.

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