Hundertneunzehn

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Kladderadatsch, 22. März 1863

Ein Leid-Artikel,

gegen welchen der Staatsanwalt hoffentlich nichts einzuwenden haben wird.

Es war einst ein Mann, den wir Schultze nennen wollen, einem andern Manne, der kurzweg Müller heißen mag. hundertundneunzehn Thaler schuldig. Müller war fest davon überzeugt, daß er von Schultze die hundertneunzehn Thaler nie gutwillig bekommen würde, und da er bereits lange mit Schultze befreundet war und den Frieden liebte, so schrieb er die hundertundneunzehn Thater vorläufig auf sein Verlustconto und Alles schien vergessen.

Da kam aber eines Tages Schultze und sagte: Höre, Mütter, es ist mir schrecklich, einen so braven und ehrlichen Kerl um hundertundneunzehn Thaler gebracht zu haben. Aber die Verhältnisse gestatten es mir nicht, dir auf einmal die hundertundneunzehn Thaler zu geben; damit du jedoch meinen guten Willen siehst. will ich dir monatlich einen Thaler geben.

Gut! — sagte Müller — ich habe nichts dagegen.

Hierauf verging eine lange Zeit; aber Schultze ließ sich nicht bei Müller sehen. Endlich kam eine Gelegenheit, wo Beide sich treffen mußten.

Ei, sieh da, Schultze! — sagte Müller. — Wie geht es dir?

Vortrefflich! — sagte Schultze ganz unbefangen.

Nun, das freut mich! — sagte Mütter herzlich. Aber nun sage mir einmal aufrichtig, warum hast du mir damals den Vorschlag der monatlichen Abschlagszahlungen gemacht? Ich wußte ja doch, daß ich die hundertneunzehn nie non dir bekommen würde! Warum hast du mich durch deine Versprechungen erst wieder aufs Neue getäuscht?

Das will ich dir sagen, lieber Müller! — entgegnete Schultze ganz naiv und treuherzig. Dich auf einmal um die hundertundneunzehn Thater gebracht zu haben, peinigte mich Tag und Nacht; ich konnte nicht essen, nicht trinken, nicht schlafen. Aber dir alle vier Wochen einmal einen Thaler schuldig zu bleiben, daraus, mein alter Freund, mache ich mir kein Gewissen!

Nachschrift. Jeder verständige wird uns verstehen! Um aber etwaigen Mißverständnissen Unverständiger zu entgehen, bemerken wir ausdrücklich, daß mit den hundertneunzehn Thalern in dieser Geschichte keineswegs die hundertneunzehn Artikel der Verfassung gemeint sind.

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