Megastar Adelina Patti 1863 in Wien

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Berliner Gerichtszeitung, 24. März 1863

Adelina Patti, 1862 (Gemälde von Franz Winterhalter, Quelle: Wikipedia)

Adelina Patti, 1862 (Gemälde von Franz Winterhalter, Quelle: Wikipedia)

— In Wien grassirt der Patti-Enthusiasmus in bedenklicher Weise und hat Anlaß zu folgendem humoristischen Geschichtchen gegeben. Eine musikalische Familie in Prag — die Böhmen sind ja geborene Musikanten und machen mit ihren so harmonischen Blechinstrumenten nur allzu häufig unsre Berliner Höfe unsicher — hatte viel von der berühmten Sängerin gehört und wünschte sehnlichst sie selber zu hören. Aber die Sehnsucht scheiterte am Kostenpunkt, jenem schwarzen Punkte, an dem schon so manche andere gescheitert ist. Da entschloß sich der zärtliche Gatte, was er nicht gemeinschaftlich mit der Gattin ausführen zu dürfen glaubte, auf eigene Faust zu unternehmen. Er schützte die Nothwendigkeit einer achttägigen Geschäftsreise vor und rollte auf den Flügeln des Dampfes Wien und der Zauberin Patti zu. Die Gattin beschloß seine Abwesenheit zur Erfüllung ihres heißesten Herzenswunsches zu benutzen. Telegraphisch bat sie eine Freundin in Wien ihr einen Sperrsitz zu verschaffen, da sie die Patti hören und mit dem nächsten Zuge wieder nach Prag zurückkehren wolle. Die Freundin gewährte ihre Bitte und bald saß die Musikliebhaberin in voller Erwartung vor dem niedergelassenen Vorhange. Doch wer schildert ihren Schreck und ihr Erstaunen, als plötzlich in ihrer unmittelbaren Nähe das Gesicht ihres Gatten — und dasselbe war sehr lang geworden — auftaucht? Das Ueberraschende dieses Vorgangs raubte Beiden die Sprache, der Vorhang rauschte plötzlich auf, die Patti erschien und da Beide nun ganz Ohr waren, konnte natürlich der Mund seine Rechte nicht geltend machen. Dem alten Spruch gemäß, daß „böse Menschen keine Lieder kennen“, vermochten nach Beendigung des Aktes die Gatten einander auch nicht böse sein. Er erfolgten gegenseitige Erklärungen und pattbeglückt kehrten mit leichterem Herzen und leichterer Börse die Musikenthusiasten an ihren heimischen Heerd zurück.

Anmerkung

Die erst zwanzigjährige, aus einer sizilianischen Familie stammende Spanierin Adelina Patti ist 1863 ein Megastar. 1862 singt sie „Home Sweet Home“ für den amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln und seine Frau. Die beiden sind so gerührt, daß sie eine Wiederholung wünschen. Adelina Patti wird das Lied später noch oft singen, sodaß sogar Aufnahmen vom Anfang des 20. Jahrhunderts überlebt haben.

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