Die zweite Beschlagnahme des Kladderadatsch

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Berliner Gerichtszeitung, 26. März 1863

Es ist wohl allgemein bekannt, daß der Kladderadatsch schon zum zweiten Male in diesem Jahre confiscirt worden ist. Einer der Schutzleute, die beauftragt worden waren, die incriminirte Nummer in den öffentlichen Localen mit Beschlag zu belegen, begab sich in eine Restauration, in der wie man auf der Polizei wußte, der Kladderadatsch gehalten wurde und forderte den Wirth auf, ihm die mit Beschlag belegte Nummer zu geben. Der Letztere erklärte dem Beamten, daß dies Blatt gerade von einem seiner Gäste gelesen werde und er ersuchte den Schutzmann so lange zu warten, bis der Lesende mit seiner Lectüre zu Ende sei. Selbstverständlich hatte dazu der Beamte weder Lust noch Zeit, er veranlaßte vielmehr den Wirth, dem Gast sofort die Zeitung fortzunehmen. Letzterer gab denn auch ruhig den Kladderadatsch hin, nicht so gemessen benahm sich dagegen der Wirth, dieser riß das Blatt vielmehr, als er es in die Hände bekam, in kleine Stücke und übergab es in diesem Zustande dem Beamten. Als sich dieser über ein solches Thun in sehr mißbilligendem Sinne äußerte, erklärte der Wirth, er sei in solcher Weise nur verfahren, um auch ganz sicher zu sein, daß er wirklich das bei ihm confiscirte Exemplar wieder zurückerhalte, denn es sei bei der ersten Confiscation eine Verwechselung vorgekommen, die ihm unangenehm gewesen sei.

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